Die zwei gefundenen Statuen: links „Romanichel“, 1940, Marmor, 90 x 68 x 60 cm; rechts noch nicht identifizierte Plastik, Marmor, 86 x 57 x 52 cm.
Quelle: Gunter Lepkowski, 2020

BerlinEs ist durchaus eine kleine Sensation: Zwei Marmorplastiken des Bildhauers Arno Breker, je knapp einen Meter groß, wurden, wie jetzt bekannt wurde, im August im Berliner Westen ausgegraben – zufällig, bei Bauarbeiten im Vorgarten des Kunsthauses Dahlem.

Eines der Werke konnte unmittelbar nach dem Fund identifiziert werden: Es handelt sich um eine verschollen geglaubte Plastik namens „Romanichel“ (1940), die Nachbildung einer Skulptur, die Breker erstmals in den 1920er-Jahren anfertigte und die als eines seiner wichtigsten Werke gilt. Sie zeigt einen Roma-Jungen, den Breker in Paris getroffen hatte. „Sein Kopf hat mich sofort fasziniert“, schrieb Breker damals über die Begegnung. Das Jahr 1940, in dem sich der Bildhauer erneut dem Roma-Jungen widmete, war das gleiche Jahr, in dem die Nazis begannen, massenweise Sinti und Roma nach Auschwitz zu deportieren.

Die Rolle des Bildhauers Arno Breker (1900–1991) in der neoklassizistisch-monumentalen Selbstdarstellung der Nationalsozialisten lässt sich wohl kaum überschätzen. In den Statuen und Büsten antik-überzeichneter Männlichkeit, die er zwischen 1935 und 1945 anfertigte, brachte er die NS-Ideologie so plastisch – und zugegebenermaßen auch kunstfertig – zum Ausdruck, dass er letztlich als „Hitlers Lieblingsbildhauer“ in den Kunstkanon des 20. Jahrhunderts einging.

Breker arbeitete auch eng mit Albert Speer, Hitlers Chefarchitekt, zusammen. Bei der Umsetzung von Hitlers Vision, Berlin in „Germania“ zu verwandeln (eine imaginierte Nazi-Welthauptstadt auf Augenhöhe mit dem antiken Rom), sollte Breker eine Schlüsselrolle spielen. Nach dem Krieg versuchte er letztlich mit atemberaubendem Opportunismus, sich von seiner Nazivergangenheit zu lösen. Er fertigte Büsten von Salvador Dalí und Konrad Adenauer – oder auch von seinem langjährigen Freund Jean Cocteau an. Doch Breker blieb zeitlebens geächtet.

Adolf Hitler, Albert Speer und Arno Breker zu Besuch in Paris.
Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2004-0017 / Southard / CC-BY-SA 3.0 via WikiCommons

Brekers intensive Beschäftigung mit dem Roma-Jungen, der glücklicherweise aus der buchstäblichen Versenkung geborgen wurde, gibt jetzt Anlass zu Spekulationen. „Arbeiten von Breker, die in dieser Manier angefertigt wurden, also die aus rohem Marmorblock herausgeschlagen wurden, zeigen oft Personen, die ihm nahestanden“, kommentiert etwa die Leiterin des Kunsthauses Dahlem Dorothea Schöne gegenüber der Berliner Zeitung. Eine Büste, die die Griechin Demetra Messala zeigt, Brekers erste Frau, sei ganz ähnlich gestaltet worden. Insofern sei der Fund ein „wesentliches Puzzlestück“, das den schwierigen Umgang mit Breker jetzt noch komplexer mache.

Die Zukunft der Breker-Plastiken ist derzeit noch ungewiss

Das Gebäude des Kunsthauses Dahlem wurde einst, im Rahmen der Nazipläne um die „Hauptstadt Germania“, als Atelier für Breker errichtet. Weil es 1943 bei Luftangriffen schwer beschädigt wurde, blieb Breker letztlich nur ein knappes Jahr dort. Ahnte er möglicherweise, dass das Dritte Reich scheitern würde? Vergrub er jene Plastiken, die der Naziideologie nicht entsprachen, vorsorglich selbst? Schöne hält das für unwahrscheinlich. „Unmittelbar nach dem Fund haben wir alle Stufen durchlaufen, um die Geschichte dieser beiden Werke zu rekonstruieren.“ Die „Romanichel“-Plastik aber ist im Werkverzeichnis der Erben Brekers als verschollen gelistet. Es sei daher sehr unwahrscheinlich anzunehmen, dass Breker sie vergraben hat. „Wahrscheinlicher ist, dass amerikanische Besatzungstruppen sie verscharrten, als sie die Stätte säuberten.“

Arno Brekers Skulptur „Fackelträger“ („Die Partei“) im Hof der Neuen Reichskanzlei (1939).
Quelle: Joe F. Bodenstein / CC BY-SA 3.0 via WikiCommons

In einer Zeit, in der Denkmalstürze in aller Munde sind und die politische Verträglichkeit – insbesondere von Statuen – zu einem ihrer wesentlichen, ideologiekritischen Bewertungskriterien wird, fragt man sich, was nun mit den Breker-Plastiken geschehen wird? Bereits 2015 sorgte eine Breker-Skulptur für Aufsehen. Im Auktionshaus Schloss Ahlden wurde der Bronzeguss einer 1935/36 von Breker für die Olympischen Spiele modellierten Figur eines Zehnkämpfers für 125.000 Euro versteigert. Ein Privatsammler hatte den Guss 1989, kurz vor Brekers Tod, direkt beim Künstler erworben.

Die beiden Fundstücke in Dahlem sollen dort nun bis 15. Januar der Öffentlichkeit zugänglich sein. Was danach kommt? „Die Plastiken sind Eigentum des Landes Berlin, sie werden also erst mal in den Besitz der Stiftung Stadtmuseum übergehen“, sagt Schöne. Im Kunsthaus Dahlem denkt man derzeit darüber nach, sie 2021 in die Folgeausstellung einer Künstlerin zu integrieren, die sich kritisch mit Brekers Erbe auseinandersetzt. „Was wir nicht wollen, ist eine Breker-Ausstellung in dessen altem Habitat“, so Schöne. Dafür ist Brekers Name dann offenbar doch zu belastet.