The Stranglers im April 1980, David (Dave) Greenfield ganz links. 
Foto: Imago/Mary Evans

BerlinViele Leser werden sich an das Stück „Golden Brown“ der britischen Band The Stranglers erinnern, vielleicht auch an das öffentliche Rätseln, wovon der Text handle: von Heroin und einem Mädchen, behauptete Sänger Hugh Cornwell, andere Bandmitglieder wiederum sagten, es ginge um Toast! Aber was von dem Lied vor allem in Erinnerung bleibt, ist das walzernde Akkordschema mit dem Extrabeat im vierten Takt; ein verträumtes Konglomerat von Cembalo- und Analogsynthesizerklängen, dessen bewusst eingebautes Hinken einen Sog auf die Hörerschaft ausübte, der das Lied zur erfolgreichsten Single der Band werden ließ. 

Musikvideo zu "Golden Brown", 1981

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Beinahe wäre das geniale Schema nie veröffentlicht worden; die Band hatte es zunächst abgelehnt und dann Jahre später doch in das Lied aufgenommen. Komponiert hatte es der Keyboarder David Greenfield aus Brighton, der im Jahr 1975 zur Band stieß, die bald im Umfeld der aufkeimenden Punk-Bewegung Beachtung fand – allerdings auch als suspekt galt: Bandgründer und Schlagzeuger Jet Black war bereits Mitte dreißig, besaß einen Jazz-Hintergrund und ein erfolgreiches Eiscremewagen-Business (so tourte die Band anfänglich in einem Eiswagen), Bassist Jean-Jacques Burnel war klassisch ausgebildet, Sänger Hugh Cornwell galt als zu akademisch und Greenfields fingerfertige Arpeggios, die schnell zum Markenzeichen des Stranglers-Sounds wurden, standen dem Anti-Virtuositätsgebot des Punk diametral gegenüber.

Dennoch schaffte es die Band mit frühen Hits wie „No more Heroes“ dank rauhem Charme und konfrontativer Attitüde, Greenfields stilprägende Arpeggios in der Punk-Community als Klassiker einzubetten. Nachdem die Stranglers mit ihrem fünften Album erstmals gefloppt waren – während jener Sessions entstanden die Golden-Brown-Akkorde! – kamen sie 1981 mit dem Album „La Folie“ zurück, welches – dank „Golden Brown“ ein Erfolg wurde und gleichsam eine Neuorientierung in Richtung sparsamerer, leichterer Pop-Klänge darstellte, die sich 1985 mit dem Hit „Always the Sun“ vervollständigte.

In allen Werken der Stranglers, die ab 1990 ohne Sänger Hugh Cornwell weitermachten und für dieses Jahr eine Abschiedstour geplant hatten, prägt das Keyboardspiel von Greenfield maßgeblich das Geschehen, allerdings ohne je in platten Rockismus zu verfallen. Am Sonntag starb Greenfield nach längerem Herzleiden und einer Covid-19-Infektion. Hören Sie sich neben „Golden Brown“ heute das traurige Erzählstück „Midnight Summer Dream“ vom Stranglers-Album „Feline“ an. Dort hört man besonders gut, wie sehr diese Band durch Greenfield zu ihrem eigenen Stil kam.