Berlin - Ob der Kunstrausch auch ein Kaufrausch wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls sind die ersehnten Sammler eingeflogen, auch das unübersehbar interessierte Publikum strömt. Man darf also sagen: Der Kunstmarkt Berlin ist vital, trotz immer mal wieder anderslautenden Bewertungen. Und trotz der bislang beharrlich ausbleibenden Förderung der Kunstmessen durch das Land Berlin, das sich freilich mit der üppigen Kunstproduktion in der Stadt so überaus gerne schmückt.

Die Betriebsamkeit, die vielen Leute, das intensive Begucken und Kommunizieren in den imposanten Hallen von Hangar fünf und sechs, wo bis Sonntag und als Höhepunkt der Art Week die Kunstmesse Art Berlin – dieser Zusammenschluss der vormaligen Messe abc mit der Koelnmesse – residiert, lassen zunächst nicht an Leerstellen denken. 110 Galerien, vor allem aus Berlin, aus Deutschland, dem europäischen und außereuropäischen Raum offerieren das, was sie derzeit für das Beste, das Marktgängigste halten.

Relativ konstant geblieben ist mit 110 Ausstellern auf der Art Berlin die Zahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Dennoch fällt auf, dass wichtige Berliner Galerien, eigentlich unverzichtbare Mitspieler über Jahre, wie Neugerriemschneider, Blain/Southern, CFA, Buchmann, Haas, Hetzler und Scheibler dieses Mal fehlen. Offensichtlich wollen sie ihr Potenzial lieber auf anderen Kunst-Märkten einsetzen.

Nun, es ist ja bekannt, dass die wirtschaftlichen wie kunstpolitischen Interessen der Berliner Kunsthändler alles andere als homogen und Zerwürfnisse nicht selten sind. Auch wenn die mit großem Aplomb auftretende Berlin Art Week unter der Federführung der senatseigenen Kulturprojekte GmbH mit ihren Hunderten von Ausstellungen in fast sämtlichen Kunsthäusern, mit all den Events und Talks und Preisverleihungen eine große, gemeinschaftliche Offensive für die zeitgenössische Kunst darbietet.

Junge Galerien werden gefördert

Und da sind auch Teile des Publikums, die monieren, dass die grandiose Zentralhalle des ehemaligen Flughafens Tempelhof nicht als spektakuläres und damit magnetisches Entrée genutzt wird.

Dies jedoch hätte die Art Berlin-Messe eine sechsstellige Summe an Miete gekostet. Geld, das der Veranstalter sympathischer- und vernünftigerweise lieber den jungen Galerien zugute kommen lässt, deren Plätze in den gemeinschaftlichen „Spezial-Projekten“ und den kleinen Salons im Hangar fünf pauschal nur 500 Euro kosten. (Zum Vergleich: Für die großen Galerien kostet es pro Quadratmeter 280 Euro.) Und in der Tat sind gerade die kleinen Galerien oder Projektgruppen der Anlaufpunkt für junge Besucher und Besucherinnen mit bescheidenem Budget, die mit dem Sammeln anfangen wollen.

Schon die witzigen Namen dieser Eleven des launischen Kunstmarkts machen Lust, sich auf die vielfältigen Arten etwa von experimenteller Malerei einzulassen: abstrakt und figürlich, cool und emotional und abseits vom Klassischen. Bisweilen muten die Bilder geradezu naiv an. Der liebenswerte Malstil des französischen Zöllners Henri Rousseau lässt grüßen. Oder die fröhliche und bunte Erzählweise der karibischen Bauernmalerei.

Gestandene Galerien bieten zumeist in großen, offenen Kojen ein verkaufsgängiges Potpourri von Kunstwerken an, deren Erzeuger längst einen Namen haben. Die Galerie Bastian (London/Berlin) tritt geradezu klassisch auf mit einem Beuys-Querschnitt, der auch die berühmte Happening-Serie des Kunstschamanen enthält, fotografiert von Stefan Moses.

Gleich am Zugang zu den großen Kojen im Hangar sechs steht man erst erschrocken, dann amüsiert vor zwei riesigen animalischen Gestalten in der Wiener Galerie Croy Nielsen. Die Kapuzen-Monster sehen aus wie mittelalterliche Henker oder Außerirdische. Ein herrlich theatralischer Auftritt der Bildhauerin Sandra Mujinga.

Die in Oslo aufgewachsene Kongolesin schützt ihre düsteren Körperskulpturen vor der allzu schnellen Festlegung, sie hält sie eher allgemein. Das sei ihre Strategie als schwarze Frau in einer weißen Gesellschaft, erklärt sie und nennt dies ihren persönlichen Umgang mit Identitätszuschreibungen – ein wichtiger Kontext ihrer Arbeiten überhaupt.

Carlier Gebauer Berlin überrascht mit einer überaus dekorativen Malwand des albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama, und der Galerist Judy Lybke setzte diesmal nicht auf die etablierte Kunst seiner angestammten Künstler, sondern gibt sich als Talente-Scout, indem er seine Koje dem Eigen+Art-Lab widmet – diesem Laboratorium junger Künstler aus der Torstraße. Unter diesem Label stellt er die Mediengruppe Bitnik, Signe Pierce und Raul Walch, einen bemerkenswerten Textilkünstler und dessen Patchwork-Geometrien vor.

Überhaupt ist eine Menge Textilkunst im Angebot: Wandteppiche, Webware wie Näharbeiten mit figürlichen oder abstrakten Motiven. Und keramische Skulpturen, die bisweilen barocke Formen und Farben assoziieren. Malerei in allen Größen und Ausdrucksweisen eben, dazu sieht man Fotografie wie in der Koje von Capitain/Petzel (Köln/Berlin), wo eine fast lexikalische Reihe von Zigaretten- und Zigarillo-Kippen einen starken Beitrag der Neusser Fotografin Natalie Czech zur aktuellen Umweltdebatte bildet. Auffälligerweise gibt es auf der Art Berlin nur ganz wenig Videokunst zu sehen, dafür ausladende Plastiken und Installationen.

Die polnische Galerie Zak Branicka, die ihre Räume in der Lindenstraße traurigerweise schließt, inszeniert ihren Abschied von Berlin auf dieser Messe mit großer Geste und den Arbeiten der polnischen Künstlerin Agnieszka Polska (2017 mit dem Preis der Nationalgalerie geehrt). Die polnischen Sammler, an die sie bisher verkauft hat, bleiben aus, die konservativ-reaktionäre polnische Politik fördert keine progressive junge Kunst.

Mehr als eine Nebenmesse

Und auch die Positions Berlin Art Fair im Hangar vier setzt – dem Image der Stadt entsprechend – auf junge Kunst. Für ihre sechste Ausgabe überrascht die Messe, die in ihrer Strukturiertheit keineswegs nur als Nebenmesse auftritt, bereits im Tordurchgang mit einer laut knisternden Rauminstallation. Ein dichter Schwarm von silbernen Metallstreifen hängt da von der Decke, braust mit jeder Windböe, die vom Flughafenfeld hier durchrauscht, auf und wirft zugleich pixelgleiche Schatten auf den patinierten, geschichtsträchtigen Fußboden des Hangars.

Ein gelungenes Entrée, das die jungen Münchner Künstlerinnen Franziska Paul und Anna Maja Spiess von Cicada Concepts hier eingerichtet haben. In der monumentalen Architektur der riesigen Halle dann reihen sich in formal klassischer Kojenstruktur 69 Galerien aus zwölf Ländern. Sie bieten viel Malerei, Fotografie und Arbeiten auf Papier. Eine vier Meter lange Solowand kostet inklusive aller Serviceleistungen 2900 Euro netto, Kojen ab 20 Quadratmeter sind ab 5900 Euro zu mieten.

„Wir können diese Preise seit einigen Jahren halten – ohne Messegesellschaft im Hintergrund“, sagt Kodirektor Heinrich Carstens. Und weist sogleich auf die Ausweitung der „Academy Positions“ hin, ein Förderprojekt für den künstlerischen Nachwuchs, das Absolventen deutscher und polnischer Kunsthochschulen die Möglichkeit zur Ausstellung gibt, was bedeutet: Kontakte zum Kunstmarkt zu knüpfen, im besten Falle sogar eine Galerie zu finden. Messebesucher wiederum sollen die Chance auf einen preiswerten Einstieg zum Sammeln bekommen.

Kein Markt ohne Sammler

Denn kein Kunstmarkt funktioniert ohne Sammler. Wer einer werden will, sollte sich auch in der Sektion „Selected Positions“ umsehen. Dort sind Arbeiten ausgestellt, die maximal 50 mal 50 cm groß sind und weniger als 1 900 Euro kosten. Und zu 100 Jahre Bauhaus lud der auf Konzept- und Minimal-Kunst spezialisierte „Kunstraum drj — dr. julius 100“ internationale Künstlerinnen und Künstler zu einer ganz persönlichen Reflexion auf einem DIN A4 Blatt ein.

Auch junge Galerien nutzen die Möglichkeiten dieses Positions-Messe-Schaufensters. So fällt die Berliner Galerie Exgirlfriend mit einem sich ständig verändernden, leuchtend-fluiden Großformat auf. „Channeling 2019“ heißt die Arbeit des in Chicago lebenden Künstlers Christopher Meerdo und entwickelt einen hypnotischen Sog.

Das digitale LED-Werk arbeitet mit Daten, die nach der Tötung Osama bin Ladens durch einen CIA-Militäreinsatz 2011 in dessen Lager gefunden und später veröffentlicht worden waren. Durch Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen generiert das Video stetig neue Inhalte. In Zukunft werden wir wohl noch mehr von dieser Art erleben, denn Exgirlfriend ist eine Art Brutkasten für digitale Kunst.

Gegründet wurde Exgirlfriend von der 32-jährigen US-Künstlerin Elena Feijo und ist seit Mai diesen Jahres mit einer geräumigen Location in einem wachsenden Kunstquartier in Alt-Mariendorf im Süden Berlins ansässig.

Vertrackter Zugang zu Hangar vier

Im letzten Jahr konnte die Positions 20 000 Besucher anlocken. Dieses Jahr rechnet man mit einem noch größeren Zustrom. Schade nur, dass dem Publikum bei all der Offenheit des Events der kurze Fußweg über das Flugfeld von Hangar Vier zu Hangar Fünf und Sechs abermals nicht möglich ist. Statt dessen muss man langwierig über den Columbiadamm laufen. Warum, das versteht keiner. Kraft und Zeit könnten so in den Kunstgenuss fließen. Aber offenbar fehlt es an der nötigen Kooperationsbereitschaft. Die Macher der Positions bemühen sich jedenfalls und haben für Eilige und die mit den müden Füßen einen freundlichen Shuttle-Service um das Flughafengebäude herum eingerichtet.