Bridget Riley: „Joy of Living: Hommag to Matisse“, 2012, Acryl/Leinen
Foto: Galerie  Hetzler/Privatsammlung/Bridget Riley./def image

Berlin - Es ist, als bewege sich die ganze Wand, als flögen in der Horizontale lauter bunte Windräder hin und her. Hier entscheidet der sinnliche Eindruck. Nicht der Inhalt. Die blätterartigen Formen scheinen sich über die Leinwand zu bewegen, zu drehen wie Flügel. Einige bilden farbige Paare. Die Dynamik der Gebilde wird aber links, rechts und in der Mitte von den strahlend blauen Senkrechtbalken aufgehalten, sie lösen sich fast in Licht auf – und werden wieder Farbe: grün, rot, blau, gelb, orange, lila. Und schwarz. Zwei schwarze Windrädchen – oder sind es Blütenblätter? – sind unter den fröhlich tanzenden farbigen. Wie zwei schwarze Schafe, Außenseiter, Melancholiker. Aber sie fügen sich in die scheinbare Harmonie der Reihung, die ist spielerisch und streng zugleich. Solche Kunst erlebt man am besten mit Abstand, ganz adäquat zur den Corona-Regeln, zwei Meter sind ideal, dann erlebt man diesen ständigen optischen Wechsel der Gebilde, welch reizvolles Spiel unserer Wahrnehmung.

Bridget Riley, die Londoner Altmeisterin der Abstraktion, legt es immer wieder darauf an, dass wir ihre Malerei physisch wahrnehmen. Sechs Jahre lang hat sie „Joy of Living“ gemalt, eine Hommage an Matisse und unübersehbar eine so poetische wie konzeptionelle Anspielung auf dessen Scherenschnitte, diese elegant tanzenden Figuren im grandiosen Spätwerk der 40er-Jahre des an den Rollstuhl gefesselten Malers. Der französische Avantgardist hatte damit seine Reduktionsbestrebungen zum Abschluss gebracht, mit leuchtender Farbigkeit und gezügelter Ornamentik das Ultimative seines Schaffens erreicht. Auch Bridget Riley betont damit wohl ihre Ankunft im Alterswerk. Und sie bekennt, dass Matisses Stil für sie eine Quelle der Inspiration sei. Für Op-Art-Gemälde, die das „reine Sehen“ und eine meditative Wirkung erreichen wollen.

Diese vogelgleich über die Leinwand flatternden bunten „Windrad“-Flügelchen leuchten seit Beginn der Art Week bei Tag und bei Nacht hinter den großen Scheiben des neuen und dritten Berliner Ausstellungsortes der Galerie Max Hetzler, einer Art Showroom in der Bleibtreustraße 15/16 in Charlottenburg, wo sich schon am ersten Tag Kinder die Nasen platt drückten. Von da sind es nur wenige Schritte bis zur Hauptgalerie Bleibtreustraße 45. Da steht man vor Rileys „Arcadia 1“. Das Wandgemälde ist eine fließende Komposition aus sich überlappenden kurvigen Formen in Grün, Blau und Ocker-Varianten. Und wir sehen Rileys berühmte Streifen-Bilder. Vertikale, horizontale Farbstreifen. Englands berühmteste Op-Art-Künstlerin malt monatelang an einem solchen Bild, bis die Illusion von Licht und Farbe perfekt eine Dreidimensionalität und eine meditative Vertiefung bewirkt.

Bridget Riley:„Rustle 2“, 2015, Acryl, Polyester auf APF, polyester support.
Foto: Galerie Hetzler/Privatsammlung/Bridget Riley./def image

Es geht nicht darum, hinter den Streifen Reales zu erkennen, auch wenn die Malerin sehr wohl von der Anschauung der Realität, der Natur kommt. Es geht um den Sinneseindruck. Um das Licht. Die Streifen-Tafeln verstrahlen eine lebhafte, zugleich gelassene und auch strenge Stimmung. Man glaubt, die Welt werde gleich verschwinden, sobald man sich von den Bildern wegdreht. Riley selbst sagte vor einigen Jahren bei einem Gespräch in der Galerie Hetzler, sie übersetze Natur in visuelle Kräfte, die nur zu bändigen seien, indem man Farbe und Form als autonome Einheiten begreife. Das war auch das Prinzip von Henri Matisse.

Am dritten Hetzler-Galerieort, in der Goethestraße 2/3, der hohen Halle eines einstigen Postamtes, entfalten die jüngsten Bilder Rileys ihre Magie. Schwarze dreieck-artige Formen scheinen sich in rhythmischen Wellen über die Leinwand oder das Wand-Weiß zu bewegen, farbige Punkte holte die Malerin aus ihrer Viereck-Gefangenschaft, und sie bilden wunderschöne Raster. Die Bilder der 89-Jährigen strahlen eine berückende Jugendfrische aus.

Galerie Max Hetzler, Charlottenburg, Bleibtreustr. 45 und 15/16 und Goethestr. 2/3. Bis 24. Oktober, Di–Sa 11–18 Uhr.