Jeremy Shaw, „Liminals“, 2017, Teil der „Quantification Trilogy“ in der Julia Stoschek Collection.
Quelle: Julia Stoschek Collection

BerlinEs ist ein ein Vorblick auf eine andere, eine transformierte Welt, die Jeremy Shaw in seinem pseudo-dokumentarischen Film „I Can See Forever“ (2018) einfängt: Er spielt knapp 40 Jahre in der Zukunft und blickt durch Retro-VHS-Film nostalgisch zurück auf das „Singularity Project“ – ein gescheitertes Regierungsexperiment, das im Narrativ des Films eine Synthese von Mensch und Maschine versucht. Der Protagonist ist der 27-jährige Roderick Dale (Roderick George), einziger Überlebender des Experiments. Mit seinen 8,7%-Maschinen-DNA hat er sich vollends dem Tanz verschrieben.

Und wie er tanzt! Ihm zuzusehen, wie er, allein, balletthafte Pirouetten vollführt, die wie nahtlos im Takt in kraftvolle Sprünge und breakdanceartige Akrobatik überleiten, wie er die Spannung hält zwischen formvollendeter Perfektion und selig-anmutigem Sich-fallen-Lassen, wirkt tatsächlich übermenschlich. Und es dockt auch an die Post-Lockdown-Zeit an: Nicht nur ist das Alleintanzen ein Zustand, den viele spätestens seit diesem Jahr aus dem eigenen Wohnzimmer kennen; der Tanz des Protagonisten lädt einen beim Zusehen auch mit einer beinahe vergessenen Sehnsucht auf: nach Bewegung, Rhythmus, Performance, Ekstase – nach totaler Hingabe an den Beat.

Der Protagonist Roderick Dale (Roderick George) in Jeremy Shaws Film „I Can See Forever“ (2018) – in VHS-Ästhetik.
Quelle: Julia Stoschek Collection

„I Can See Forever“ ist Teil einer Filmtrilogie des kanadischen Künstlers, die im Kern die Bedingungen transzendentaler Erfahrung ausleuchtet – in Tanz, Religion und Esoterik, aber auch in diversen VR-Dystopien. Auf der Berlin Art Week kann man Shaws Trilogie in der Julia Stoschek Collection (Leipziger Str. 60, bis 29. 11.) sehen. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Stoscheks drohender Abzug aus Berlin noch vor kurzem Teil der Erzählung war, die Berliner Kunstszene stehe kurz vor dem Zusammenbruch. Jetzt erstrahlt sie in ihren Räumlichkeiten quirlig-lebendig wie selten zuvor.

Begleitet werden Shaws Videoarbeiten von der Fotoserie „Towards Universal Pattern Recognition“ (2016–2020), wo der Künstler Schwarz-Weiß-Fotografien von Menschen in kathartischen Zuständen in futuristische Prismengläser einrahmt. Die eigentlich simple Technik schafft in der Anschauung einen seltsam gebrochenen Effekt, der die Entrücktheit der dargestellten Personen optisch verstärkt.

Tamina Amadyars Gemälde erinnern an Klassiker der abstrakten Malerei

Unweit der Stoschek-Collection, an der Potsdamer Straße, kann man in der Galerie Guido W. Baudach (Pohlstraße 67, bis 31.10.) die Bilder der 1989 in Kabul geborenen Künstlerin Tamina Amadyar sehen. Die Tal-R-Meisterschülerin zeigt eine farbenfrohe Serie großformatiger Gemälde („out of the blue“). In ihrer Leuchtkraft und Intensität lassen sie Schwergewichte der Moderne wie Mark Rothko neu aufleben. Gleichzeitig versprühen sie eine pastellige Leichtigkeit, die an abstrakte Maler wie Helen Frankenthaler oder Raoul De Keyser erinnert.

Einen Steinwurf entfernt, bei HUA International (Potsdamer Str. 81 B, bis 12. 12.), zeigt der*die non-binäre chinesische Performance-Künstler*in Tong Kunniao überschwänglich verspielte, vogelartige Dreiarm-Skulpturen, von denen jede wie schwerelos auf einem einzigen metallischen Punkt aufliegt und sich zu einer kreiselartigen-verspielten Drehbewegung anstupsen lässt. Kunniaos Vögel bestehen aus Flohmarkt-Materialen – Strumpfhosen, Perlenketten, Pelzkragen, Boxhandschuhen, Waffen. Alle rotieren auf ihre je eigene Weise um eine einzige Idee: die Vorstellung einer perfekten Balance, eines fragilen Equilibriums, das die Vorstellung politischer Kontrolle genauso infrage stellt wie jene von künstlerischer Werthaftigkeit und persönlicher Identität.

Der/die chinesische Künstler*in Tong Kunniao mit der „Bird“-Serie – in der HUA International Galerie zu sehen.
Quelle: ARTPRESS – Ute Weingarten

An einer der Vogelskulpturen sind Staubwedel befestigt. „Die reinigende Funktion“, das sprichwörtliche Aufwedeln verstaubter Strukturen, „wird schon dadurch konterkariert, dass der Staub nur verteilt wird, nicht entfernt“, kommentiert die Galeristin Xiaochan Hua. Ein Symbol, das vor dem Hintergrund der derzeitigen politischen Lage in China eine grelle Schlagkraft entwickelt.

Ums Infragestellen politischer Strukturen geht es auch der israelischen Denkerin Ariella Azoulay. In einer Glasvitrine im HKW (John-Foster-Dullus-Allee 10, bis 18. 10.) befragt sie in „Errata“ durch Geschichtsbuchauszüge und gefundene Objekte den kolonialen Unterboden der europäischen Kultur. Wir müssten die Erkenntnisse, die auf der Unterdrückung anderer beruhen, verlernen, fordert Azoulay. Gespiegelt wird dies von einer Arbeit des Künstlerkollektivs New Red Order, das unter anderem die Denkmalstürze des Jahres 2020 verhandelt. Diese Arbeit setzt einen Gegenimpuls zu den ekstatisch-verspielten Arbeiten von Shaw oder Kunniao. Die Zeiten, scheint „Errata“ zu sagen, ändern sich, werden ernsthafter: in der Politik wie in der Kunst.