Am Jubiläumsjahr 1968 haben sich sämtliche Medien abgearbeitet, und sie werden noch nachlegen. Wobei die Frage, was vor 50 Jahren eigentlich ausgelöst wurde und bis heute nachwirkt, durchaus offen bleibt. Doch weitaus prägender und einschneidender waren die Entscheidungen, die vor 70 Jahren vollzogen wurden. Der Arte-Film von Mathias Haentjes eröffnet mit Bildern der beschaulichen Olympischen Winterspiele 1948 in Sankt Moritz und nimmt dann das Fazit gleich vorweg: „Die nächsten Monate werden die Spaltung des Kontinents besiegeln.“

„Frühjahr 48“ breitet ein europäisches Panorama aus, das von Moskau, Litauen, der Tschechoslowakei und Jugoslawien über Griechenland, Italien, Frankreich bis nach England reicht. Natürlich spielt auch die Vier-Mächte-Stadt Berlin eine wichtige Rolle, wo im Frühsommer 1948 mit Währungsreform, Blockade und Luftbrücke die Weichen für die folgenden Jahrzehnte gestellt wurden.

Günter Lamprecht, damals 17 Jahre alt, erinnert sich nicht nur an Schwarzmarkt-Geschäfte und Tanzvergnügungen, sondern auch an seine anfängliche Begeisterung für kommunistische Ideen, die aber bald erschüttert wurde. Wie er befragen sich weitere Intellektuelle und Künstler, wie ihre damaligen Hoffnungen aussahen.

Der Eiserne Vorhang senkte sich immer tiefer

Allerdings ist es heute nicht leicht, noch aussagefähige Zeitzeugen zu finden. Die meisten Interviewten erlebten das Jahr 1948 als Kinder und Jugendliche. Nur Peter Demetz, aus Prag stammender Germanist, der italienische Historiker Marc Ferro und die russische Filmwissenschaftlerin Maja Turowskaja, heute allesamt über 90 Jahre alt, waren damals schon Studenten.

Genauso wichtig wie die Erinnerungen vor der Kamera sind deshalb die Tagebuch-Zitate von drei großen Autorinnen. Anna Seghers, Simone de Beauvoir und Marguerite Higgins erlebten die Wandlungen 1948 auf besonders intensive Weise: Seghers und Beauvoir als aktiv Beteiligte, zerrissen zwischen Hoffen und Zweifeln, die amerikanische Reporterin Higgins als aufmerksame Beobachterin.

Die zeitgenössischen Ausschnitte aus Wochenschauen Ost wie West zeigen, was damals auf den Straßen und Plätzen passierte. In Paris, Rom und Prag veranstalteten die Kommunistischen Parteien Massenaufmärsche – in Tschechien gestützt von der sowjetischen Militärmacht. Rarer sind die Bilder von militärischen Kämpfen. In Litauen kämpften Partisanen gegen die sowjetischen Besatzer, in Griechenland traten linke Rebellen gegen die Armee an, die wiederum von den Amerikanern unterstützt wurde. Der Eiserne Vorhang senkte sich immer tiefer, nur Tito gelang es, sich mit Jugoslawien zwischen die Blöcke zu stellen.

„Der Zweite Weltkrieg hatte sich auch an der Nationalitätenfrage entzündet“

Die Interviews belegen: Im Westen Europas verbanden sich noch Hoffnungen mit einer linken sozialistischen Politik, im Osten wuchs 1948 schon die Furcht vor dem Stalinismus, der die Ideale diskreditierte. Autor Haentjes hat sich mit seinen insgesamt 13 Protagonisten etwas zu viel vorgenommen, eine prominente Zeitzeugin wie die englische Schriftstellerin Fay Weldon kommt kaum zu Wort. Ganz verzichtet hat er auf Historiker vor der Kamera, wobei es mitunter hilfreich gewesen wäre, Experten zurate zu ziehen.

Ab und an schleichen sich in den Sprechertext Ungenauigkeiten ein. So erklärt der Film, die FDJ sei die Jugendorganisation der SED gewesen – zumindest offiziell und nominell war sie überparteilich angelegt, wenn auch immer stärker von der SED-Spitze kontrolliert. Ratlos macht Haentjes Einschätzung „Der Zweite Weltkrieg hatte sich auch an der Nationalitätenfrage entzündet“ – das klingt fast, als wäre der Krieg ein Naturereignis, das von selbst ausbricht. Doch Geschichte wird gemacht: Auch der Arte-Film erklärt deutlich, dass Europa nicht etwa von selbst auseinanderdriftete, sondern wer die treibenden Kräfte der kontinentalen Spaltung anno 1948 waren.

Frühjahr 48 – Di, 21.55, Arte