„Diese Männer wollten die Welt verändern!“ Die Kamera fährt über einen Haufen zusammengekauerter Gefangener, unter ihnen ein bärtiger Typ mit wilden Locken. Anführer Dschuhaiman besaß das Charisma eines Che Guevara, schwärmt ein Mitstreiter. Die Gruppe hatte mit einer Tat auf sich aufmerksam gemacht, die als Vorbild des islamistischen Terrors gilt.

Dschuhaiman, ein militärisch geschulter Beduinen-Prediger, hatte im November 1979 mit einigen Hundert Getreuen während der Hadsch, der jährlichen Pilgerfahrt, die Große Moschee in Mekka besetzt und Zehntausende Pilger als Geiseln genommen. Sie forderten die Abdankung des saudischen Königshauses, das sie für verwestlicht hielten und leisteten bis zuletzt erbitterten Widerstand. Nach offiziellen Angaben kamen bei den Kämpfen mehr als dreihundert Menschen ums Leben, Experten sprechen von mehr als tausend Opfern.

Alle Seiten kommen zu Wort

Während die Ereignisse von 1979 in der arabischen Welt auch nach fast 40 Jahren immer noch diskutiert werden, sind sie im Westen fast unbekannt geblieben. Autor Dirk van den Berg versuchte seit fünf Jahren, einen Film über Mekka 1979 zu drehen – und zwar nicht mit dem Blick von außen, sondern mit Zeitzeugen vor Ort. Nachdem er auf seine Briefe lange keine Antwort bekommen hatte, ging, als Mohammed bin Salman als Kronprinz eingesetzt wurde, plötzlich alles ganz schnell. Das Team erhielt nicht nur eine Einreise-Genehmigung, sondern bekam auch hochrangige saudische Gesprächspartner gestellt, darunter auch den langjährigen Geheimdienstchef Turki Al-Faisal. Darüber hinaus meldete sich Abdulaziz Al-Dhari: Der Sohn des damals verantwortlichen Generals hatte jene Videos und Interviews von 1979 parat, nach denen Dirk van den Berg jahrelang vergeblich gesucht hatte. 

Bei der Präsentation des Films wertete der Autor die Kooperation der saudischen Institutionen als Zeichen des Reformwillens, betonte zugleich, die Behörden hätten keinerlei Einfluss auf die Dreharbeiten genommen. Sein Film soll sogar vom saudischen Fernsehen gezeigt werden. Nach Mekka selbst durfte er wie alle Nicht-Muslime nicht – die Dreharbeiten dort wurden in Auftrag gegeben. Die Dokumentation lässt alle Seiten zu Wort kommen. Neben den saudischen Geheimdienstlern und Militärs auch ehemalige Mitstreiter von Dschuhaiman. Dass der eine sich vor dem Überfall auf die Große Moschee vom Trupp getrennt hatte, der andere sogar dabei war und als Jugendlicher der Hinrichtung entging, erfährt der Zuschauer leider nicht – die Informationen zu den Interviewten sind arg knapp gehalten. Dafür ordnet die Dokumentation die Ereignisse ausführlich in die Geschichte Saudi-Arabiens ein, zeigt dessen besonderen Platz in der arabischen Welt und deutet an, wie in den 70er-Jahren mit dem westlichen Geld für das Öl auch liberale Ideen ins Königreich kamen. 

Eine Schlacht verloren, aber den Krieg gewonnen

Über den Ablauf der Kämpfe um die besetzte Moschee geben vor allem französische Spezialisten Auskunft. Denn nachdem es die Amerikaner unter Präsident Carter abgelehnt hatten, den Saudis militärisch beizustehen, stieg ein französisches Kommando ein und brachte mit 300 Kilogramm Tränengas die gesamten Bestände des Landes mit. Motiv war dabei nicht etwa das Schicksal der Geiseln, sondern die Rolle der Saudis als Öllieferanten. 

Die Frage, ob der Kampf um die Große Moschee nun der „Urknall“ des islamistischen Terrors gewesen war, beantwortet Autor Dirk van den Berg nicht direkt. Auch wenn er in der kurzen Sendezeit (die Arte-Fassung ist 52 Minuten lang, die ARD-Variante 75 Minuten) längst nicht die Komplexität des Islams abbilden kann, so zeigt das Interview mit Abu Mohammed Al-Maqdisi, wie dieser die Ideen der Angreifer aufnahm und zum Chefideologen eines weltweiten Dschihad wurde. Der Verleger Khaled Al-Maeena erklärt: „Dschuhaiman hat eine Schlacht verloren, aber den Krieg gewonnen!“ 

So wurde die Auslegung des Islams einerseits in Saudi-Arabien selbst deutlich verschärft. Zugleich schickte das Königreich seine radikalen Prediger in alle Welt, etwa nach Afghanistan und unterstützte sie viele Jahre lang. Ohne Mekka 1979 auch kein Osama bin Laden und keine Al-Kaida.

Mekka 1979 – Urknall des Terrors? Di, 21. 8., 22.10 Arte und Mo, 27. 8., 22.45 ARD.