Wer es unvorhersehbar mag und den Zufall liebt, wer sich gern überraschen lässt, überrumpeln gar – der sollte besser nicht fernsehen. Viele Filme sind ziemlich berechenbar, sämtliche Talkshows gesteuert, Serien folgen den ewig gleichen Mustern, und Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Wo selbst die Realität zusehends „gescripted“, also inszeniert wird, weicht folglich allenfalls der Sport noch ab vom Plan und gelegentlich die „Tagesschau“.Doch keine Sorge: Für Zufallfans gibt es ein Refugium. Es läuft – wo sonst – auf Arte und ist – was sonst – ein Nischenprodukt.

Seit 2002 schickt der Kulturkanal regelmäßig mal national, mal global, oft auch bloß den Kennern bekannte Künstler „Durch die Nacht“, so der Titel. Drehbücher? Gibt’s nicht! Harmonie? Keine Garantie! Streitpotenzial? Wird sich zeigen! An wechselnden Orten von Hamburg über New York bis Görlitz, die beide Protagonisten irgendwie verbinden, setzt sich das Paar auf Zeit in ein schickes Auto und reist bis zum Morgengrauen durch die Stadt, auf der Suche nach so was wie Gemeinsamkeit oder Reibung. Ausgang offen.

Da trifft dann der Großschauspieler Moritz Bleibtreu auf Oliver Pocher, der Salonlöwe Götz Alsmann auf den Schnulzensänger Roland Kaiser, der Brachialintellektuelle Henryk M. Broder auf den Intelligenzverächter Kai Diekmann, und stets bietet das Tête-à-tête alle Optionen kommunikativen Beisammenseins. Wenn Weltstars Popsternchen begegnen, Kunst Kommerz, billiger Trash echter Hochkultur oder auch mal Gleichgesinnte aufeinander, zündet bisweilen ein Feuerwerk der Inspiration, oft auch nur heiße Luft, aber egal – es geht um den Zauber des Kontakts vorwiegend Fremder, die sich aufeinander einlassen. Toll wird es allerdings, wenn sie dabei die eigene Person entdecken.

Schläger in der Hand

Das zeigt kaum eine Paartherapie besser als diese. Wenn Tom Schilling an Olli Schulz gerät, wird daraus nämlich einer der seltenen Fernsehmomente, die zwischen Inszenierung und Wahrhaftigkeit nicht bloß Grenzen ausloten, sondern überspringen wie ein Tennisball das Netz. Und es ist ein schöner Regieeinfall, dass sie sich auf dem Court begegnen, zum kleinen Match inmitten Berlins. Da stehen sie nun mit Schläger und in Turnschuhen: der redselige Selbst- und der scheue Fremddarsteller, einander nah und doch so fern, nach den Spielregeln urbaner Spaßkultur total ungezwungen und doch Gefangene der Konventionen.

Warum er denn Tennis spiele, will der überdrehte Sidekick des Privatfernsehduos Joko und Klaas vom stillen Star des gefeierten Großstadtfilms „Oh Boy“ wissen. Ein so einsamer Sport, antwortet Schilling da leise, „entspricht meinem Charakter.“ Stärker kann man sich vor Publikum kaum entblößen. Und was sagt die Quasselstrippe Schulz, das Sturmgewehr der Schlagfertigkeit? Nichts. Stattdessen verlangt dieser Mann, der sich einst am Roten Teppich der Berlinale gezielt volllaufen ließ, das erste Bier. Ihm folgen viele weitere. Und Wein. Und Schnaps. Und Whisky.

So nimmt er also alkoholschwanger seinen Lauf, der Trugschluss, die Kameras liefen bloß nebenbei, als sei man unter sich, also: authentisch. Und doch zeigt dieses Stück zufallsgesteuerte Metropolenprosa 52 wunderbare Minuten lang eindrücklich, was Beobachtung mit Menschen macht, die der Wille zur Selbstbehauptung nicht davor bewahrt, zum Spielball eines Mediums zu werden, das ihnen angeblich alle Freiheiten lässt. Denn Tom Schilling, er bleibt, was er ist: ein ketterauchendes Nachtschattengewächs im dunklen Zwirn, dem die Aufmerksamkeit seines Erfolgs so unheimlich erscheint wie diese Begegnung. Und Olli Schulz? Auch er bleibt das ketterauchende Scheinwerfergewächs im dunklen Zwirn, dessen Erfolg großer Aufmerksamkeit bedarf, wie sie diese Begegnung nun mal gewährleistet.

Auf jeden Fall einzigartig

Dabei war es gar nicht die erste. „Wir haben uns einmal auf einer Party gesehen und du hast dich unwohl gefühlt oder warst sternhagelvoll“, erinnert Schulz ans erste Treffen. „Wahrscheinlich hab ich mich unwohl gefühlt und war deshalb sternhagelvoll“, entgegnet Schilling da nach langem Zögern und zeigt, dass Klugheit manchmal eben doch stärker ist als jedes Rollenprofil.

So gelingt dieser Folge von „Durch die Nacht mit …“ fast beiläufig ein kleines Wunder, mindestens aber grandioses Fernsehen. „Vielleicht wird’s interessant, vielleicht wird’s total langweilig“, sagte Tom Schilling zu Beginn und lag damit ähnlich richtig wie im Nachsatz: „In jedem Fall aber wird es einzigartig.“ Mehr kann man am Bildschirm nicht verlangen.

Durch die Nacht mit ..., 0.40 Uhr, Arte