Die Selbstporträts von Lene Marie Fossen zeugen von einer inneren Zerrissenheit, sind grausam und schön zugleich.
Foto: Arte/Lene Marie Fossen

BerlinEssstörungen sind in westlichen Gesellschaften weit verbreitet – dennoch wird über das Problem selten berichtet – und das obwohl in Deutschland geschätzt 200.000 Menschen an Anorexie leiden. In Westeuropa ist Magersucht die dritthäufigste Todesursache bei jungen Frauen. Dieses Schicksal ereilte auch die Norwegerin Lene Marie Fossen. Sie litt bereits seit ihrem zehnten Lebensjahr an Magersucht und verarbeitete später ihre Krankheit in Fotografien: Es sind Porträts anderer Menschen, aber auch von ihr selbst. Arte widmet der verstorbenen Fotografin nun ein sensibles Porträt. „Wenn du nichts mehr isst, stellst du die Gefühle ab und treibst nur noch so mit …“ , sagt Fossen im Film von Margreth Olin und Esper Wallin. Sie wollte nicht mehr größer werden, nicht erwachsen werden, nicht in die Pubertät kommen. Sie war eine hochsensible junge Frau, eine, die jedes Detail aufnahm und es abspeicherte.

Diese Hypersensibilität war es wohl auch, was Lene Marie Fossen zur Fotografie trieb. Schon früh experimentierte sie mit ersten Bildern; als sie älter wurde, fuhr sie erstmals nach Griechenland. In all ihren Fotografien geht es um Menschen, oft in extremen Nahaufnahmen: kleine Jungs und Mädchen, die mit leuchtenden Augen in die Kamera schauen, aber auch alte Männer und Frauen, deren zerfurchte Gesichter eine Geschichte erzählen über ein langes Leben der Freuden und Niederlagen.

Die Arbeit an diesen Fotografien hat Lene Marie Fossen jedoch nicht geheilt, wie sie im Film erzählt, sondern sie noch mehr von der Welt entfremdet, von ihren Freunden, auch von ihrer Familie. Vor drei Jahren wurde der norwegische Fotograf Morten Krogvold auf Fossen aufmerksam und überredete sie, an der internationalen Foto-Schau „Nordic Light“ teilzunehmen. Ihre Fotos, auf denen sie sich oft auch entblößt, waren eine Sensation. Fossen spielte mit christlichen Motiven und lichtete sich halb nackt auf einem Bett vor einem an der Wand hängenden Kreuz ab. Man solle sie nicht als Magersüchtige kennen, sondern als Künstlerin und Fotografin, sagte sie.

Und doch blieb der Schmerz bis ans Ende ihres Lebens ein beherrschendes Thema: Nach einem Autounfall in Griechenland mit ihrer Mutter gingen die Rückenschmerzen nie wieder weg – Fossen verlor endgültig den Lebenswillen und starb im Oktober letzten Jahres.

Der Film „Lene Marie oder das wahre Gesicht der Anorexie“ ist ein dichtes Porträt einer jungen Frau geworden, die der Welt als Fotografin sicher noch viele spannende Momente geschenkt hätte. Ihre Fotografien sollten der Welt ihre Krankheit zeigen – darüber hinaus ging es Lene Marie Fossen jedoch um etwas anderes: Sie wollte nichts lieber, als mit Menschen in Kontakt treten, mit ihnen kommunizieren. Dieser Film, den sie vor ihrem Tod noch sah, ist auch eine Art Vermächtnis.

„Lene Marie oder das wahre Gesicht der Anorexie“, 19. August, 22.05 Uhr, Arte