Ein Mann fährt mit dem Auto nachts aus Rom hinaus und erklärt, er wüsste genau, wer für den jüngsten Putsch verantwortlich sei und wer die alten und neuen Faschisten anleite. Eine Frau mit roten Haarschopf fährt nachts zu einer Fähre an die Ostsee. Eine junge Frau läuft nachts einem Mann auf dem Mittelstreifen einer Stadtautobahn hinterher – doch der Mann kann sie nicht hören.

Mit solch dunklen Ouvertüren beginnen normalerweise Polit-Thriller. Doch hier ziehen sie den Zuschauer sehr direkt in die Biografien von Künstlern hinein: Pier Paolo Pasolini in der Nacht seiner Ermordung, Zarah Leanders auf ihrem seltsamen Abschied aus Hitlerdeutschland. Und der Mann auf der lärmumtosten Stadtautobahn ist gar Ludwig van Beethoven auf der Flucht vor einer Angebeteten.

Die Arte-Reihe „Kulturakte“ macht Ernst mit dem Versprechen, Kultur im Fernsehen mal wirklich spannend darzustellen. Die Biografien sind im Stile der amerikanischen Profiler-Serien inszeniert. Die Biografen, Experten, Freunde und Zeitzeugen der Porträtierten werden nicht, wie üblich, vor ihren Bücherwänden oder am Kaffeetischchen befragt, sondern stehen in einem nüchternen Ermittlerraum und begutachten auf einem Lichttisch die Akten, Dokumente, Fotos, Briefe oder Noten. Filmausschnitte werden auf eine Wand projiziert, dabei kommentiert und analysiert.

Die „Akte Pasolini“, die an diesem Mittwoch die dreiteilige Reihe eröffnet, ist natürlich schon von selbst ein Polit-Thriller. Denn der brutale Mord an dem unbequemen Regisseur, Poeten und Autor beschäftigt die Öffentlichkeit bis heute, nicht erst, nachdem der verurteilte Mörder 30 Jahre später auf Mittäter aus dem rechtsradikalen Milieu verwies. Dem Film von Andreas Pichler gelingt es, den Menschen hinter dem ewigen Provokateur Pasolini zu zeigen und zugleich Interesse an dessen Werk zu wecken (Arte zeigt gleich anschließend Pasolinis „Teorema“).

Aber auch in den weiteren Biografien werden spannende Fragen aufgeworfen: Was Zarah Leander eine unpolitische Künstlerin, eine Nazi-Diva oder gar eine Spionin für Stalins Sowjetunion, wie Akten der schwedischen Geheimpolizei vermuten lassen? Warum hat die Leander ihre Abreise aus Deutschland nie erklärt? Im Falle von Ludwig van Beethoven sind keine politisch brisanten Akten überliefert – hier muss die Krankenakte herhalten: Konnte er trotz oder wegen seiner Taubheit solch bahnbrechenden Werke komponieren? Beethovens „Heiligenstädter Testament“, in dem er schon früh seine einsetzende Schwerhörigkeit beklagte, wird nicht nur von Beethoven-Experten und Musikern bewertet, sondern auch von einem HNO-Professor.

Dazu hat die Reihe „Kulturakte“ hat noch eine weitere Methode gefunden, sich den Künstlern zu nähern: Prägnante Cartoons von Ali Soozandeh brechen immer wieder den Fluss der Ermittlungen auf, zeigen die Porträtierten in besonderen Momenten. Der gezeichnete Pasolini steigt in einen realen Alfa Romeo, die roten Haare von Zarah Leander kontrastieren mit ihren glamourösen Auftritten in den Schwarz-Weiß-Revuen der Ufa. Ludwig van Beethoven wird in Spielszenen lebendig: Lars Eidinger und Pheline Roggan spielen Beethoven und dessen adlige Geliebte, die sich heimlich in Bars und Hotels treffen und nachts zwischen Autos entlanglaufen. Die Autoren Hedwig Schmutte und Ralf Pfleger zeigen ihren Beethoven nicht als historische Figur mit Perücke, sondern als sehr heutigen Mann und betonen damit zugleich die Modernität seiner Musik.

Insgesamt ruft die Reihe, die der Berliner Filmproduzent Christian Beetz konzipiert und umgesetzt hat, nach Fortsetzung. Das klare Konzept engt nicht etwa ein, sondern bietet viele Spielräume für weitere Akteneinsichten.

Die Akte Pasolini, 22.45 Uhr, Arte

Die Akte Zarah Leander, Mittwoch, 23. 10., 22.20 Uhr;

Die Akte Beethoven, Mittwoch, 30. 10., 21.50 Uhr