Moderator Thomas Kausch kündigt sensationelle News aus Russland an: Die  Fernsehzuschauer werden an diesem 17. März 1917 Zeugen eines  Ereignisses, das man einmal historisch nennen wird. Reporter Roland Kühnke steht  im Zentrum von Petrograd und berichtet live vom Freudentaumel angesichts der Abdankung des Zaren. Textilarbeiterinnen verbrennen Porträts des verhassten Herrschers. Das Laufband am unteren Bildrand verkündet die Bildung einer Provisorischen Regierung. Vom Ende der Zarendynastie hatte die Welt zuvor per Twitter erfahren: Michael Romanow teilte in holprigem Englisch mit, er wolle nicht der neue Herrscher Russlands werden – „I’m Sorry!“

Brennpunkt  Petrograd

Wie Historie spielerisch mit den modernen Medien widergespiegelt werden kann, hatte der MDR schon im Oktober 2013 vorgeführt. Damals berichtete der Sender in einer Direktübertragung  vom Verlauf der Völkerschlacht um Leipzig, die 200 Jahre zuvor getobt hatte. Nun hat der MDR das Konzept in eine einstündige Sondersendung auf Arte bertragen. „Breaking News“ schaltet im Stile eines ARD-Brennpunktes umher: Die  Arte-Moderatoren Andrea Fies und Daniel Leconte informieren aus Berlin und Paris, Golineh Atai aus Moskau, Ingo Zamperoni aus Washington und Anja Kohl von der New Yorker Börse. Gast im Studio ist Jörg Barberowski, Osteuropa-Experte von der Humboldt-Universität.

Das aufgeregte Hin und Her wirkt durchaus anregend, zuweilen aber auch wie eine Persiflage des Brennpunkt-Formates. Dazu werden weitere ARD-Genres eingearbeitet: „Brisant“-Moderatorin Mareile Höppner lässt sich über die durchaus brisanten Verbindungen der Königshäuser von Russland, Deutschland und England aus, auch über die Rolle Rasputins am russischen Hofe wird spekuliert. Autor André Meier führt vor, dass er Kunstgeschichte studiert hat. So wird Mark Chagall in Petrograd interviewt, Wladimir Kaminer trifft sich in Rom mit der russischen Ballerina Olga Chochlowa, die für die Aufführung des Avantgarde-Balletts „Parade“ übt und den Kostümbildner Pablo Picasso heiraten wird. Da erweitern die „Breaking News“ den Horizont.

Natürlich kann die Sondersendung nicht überspielen, dass sie die Ereignisse  nicht  pur aus der Perspektive des 17.März 1917 spiegeln kann. So werden Lenin und seine Bolschewiki hier zwar als „politische Splittergruppe“ abgetan – aber dennoch scheint dieser Mann   eminent wichtig zu sein. Moderator Kausch bemüht sich immer wieder um eine „Live-Schalte“ zu Lenins Exil nach Zürich.

Die nachfolgende Dokumentation von Arte Frankreich verfolgt dann den weiteren Weg des „politischen Außenseiters“. „Good Bye Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin“ ist schon vom Tonfall her als Entheroisierung des russischen Revolutionärs angelegt. Galt Lenin doch jahrzehntelang  in der sozialistischen Propaganda als  ein Genie, dessen Sieg mit seinen Bolschewiki „gesetzmäßig“ war. Für Millionen Oberschüler und Studenten zwischen Wismar und Wladiwostok war das Studium von Lenins Schriften Pflichtprogramm. Im Arte-Online-Magazin kommen Lenins   viel zitierte  „April-Thesen“  kurz als  Tweets vor. Seine Strategien zur Machteroberung werden im  Film von Cedric Tourbe  auf die „fixen Idee“ eines bewaffneten Aufstandes verkürzt.

Eine Laune der Geschichte

Der Beitrag  stützt sich auf das Tagebuch von Nikolaj Suchanow, der zunächst auf der Seite der konkurrierenden Menschewiki stand, später dann aber ein führender Sowjet-Funktionär wurde. Seine Schilderungen zeigen, wie viel Unsicherheit auf allen Seiten herrschte, wie sich immer neue Bündnisse bildeten und zerbrachen. Die Lage war unübersichtlich und die Dokumentation verliert sich in ihrem aufklärerischen Bemühen zu sehr in Details.

Dafür erklärt sie, anders als die „Breaking News“, immer wieder, woher die verwendeten Bilder stammen. Die inszenierten  Szenen der Regisseure Pudowkin, Fromm und Eisenstein prägten ja das Bild der Revolution – und waren meist eine Überhöhung der Realität. Lenin tritt hier stets als feuriger Redner auf, der er nie war. Trotzdem macht es sich die Doku zu einfach, wenn sie den Sieg von Lenin und seiner Getreuen im Herbst 1917 als eine   Laune der Geschichte beschreibt. Das mag für eine einmalige Aktion gelten, wie den angeblichen „Sturm“ auf das Winterpalais. Doch es erklärt nicht, warum Lenin und die Bolschewiki dann in den folgenden Jahren ihre Macht im riesigen Russland gegen alle Widerstände von innen und außen verteidigen und festigen konnten.