Eklektisches Durcheinander: das Video „Wash Us In The Blood“.
Quelle: Youtube

BerlinEs wäre nicht das erste Mal, dass Arthur Jafa aus dem Epizentrum der Popkultur heraus arbeitet: 2019 übernahm er die Kamera für das Musikvideo von Solange Knowles’ „Don’t Touch My Hair“. Das Ergebnis ist eine Art schwarze Ikonografie in monothematisch-pastellfarbenen Gewändern. Jafa, dessen Video-Arbeiten in Berlin von der Julia Stoschek Collection vertreten werden, war schon in den späten 90er-Jahren für Stanley Kubrick hinter der Kamera tätig.

So überrascht es kaum, dass er jetzt die Regie eines Videos für Kanye Wests neuesten Song „Wash Us In The Blood“ übernommen hat. Das Video wurde in der Nacht zum Mittwoch auf YouTube veröffentlicht und erreichte in wenigen Stunden mehrere Millionen Klicks. Seine Popularität liegt nicht nur an der Zusammenarbeit mit dem Weltstar. Es ist die rohe Ästhetik des montageartig zusammengetragenen Bildmaterials, mit dem Jafa derzeit einen wunden Nerv trifft. Seine Arbeiten kontern die Schönfärberei und das sprichwörtliche „Whitewashing“ der amerikanischen Kulturindustrie mit einer auf das schwarze Erleben verdichteten Sichtweise.

Das Video zu „Wash Us In The Blood“ ist ein eklektisches Durcheinander, das Szenen traumatischer Gewalt mit Bildern rhythmischer Ekstase verschmilzt – ein Gefängnis, ein Autorennen, ein Gospel-Chor, eine Demo – und dabei in vielfacher Weise an die US-Geschichte andockt. Die politische Schlagkraft ist kaum erklärungsbedürftig: Wir sehen Polizeigewalt, wie sie auf Black-Lives-Matter-Protesten entstehen kann. Oder Bilder schwarzer Covid-19-Patienten, die unter Atemnot leiden und damit auf den Umstand verweisen, dass Schwarze in den USA unproportional härter von der Pandemie getroffen sind als Weiße – gleichzeitig aber auch auf das zum politischen Schlachtruf erhobene Echo der Worte George Floyds: „I can’t breathe“. Wir sehen einen verängstigt wirkenden Gitarristen in Löwenmähne und außerweltliche Nahaufnahmen der Sonne.

Jafa interessieren schillernde Perspektivwechsel: Die sprichwörtlich kosmische Dimension der schwarzen Erfahrung, ihre Inkommensurabilität durch das weiße Auge sowie ihre immer wieder versuchte Aneignung durch den Mainstream. In ihrer brutalen Sperrigkeit und ihrem sehnsüchtigem Camp rufen manche dieser Aufnahmen die afrofuturistischen Utopien des Musikers und selbst ernannten Propheten Sun Ra in Erinnerung. Dass sie ein Video eines Musikers vom Rang Kanye Wests bestücken, ist ein genialer Coup – sie leiten eine schrille Disruption der Sehgewohnheiten ein.

Gleichzeitig ist die Kooperation auch Anzeichen dafür, dass West nicht nur zu den Gospel-Wurzeln seiner Rap-Karriere zurückgekehrt ist, sondern möglicherweise auch plant, seinen Flirt mit Trump zu beenden und seine dubiosen Aussagen zur Sklaverei zu korrigieren. Wer Jafas Video sieht, fühlt sich an einen Kanye West erinnert, der einst George Bush im Live-Fernsehen kritisierte, dass ihm Schwarze egal seien. „Come down“, rappt West zu Jafas Bildern, „we need you now“: Ein theologischer Hilferuf.