Jetzt ist er also Regisseur. 25 Jahre alt, gilt er schon längst nicht mehr nur als großes Talent, sondern als einer, der Maßstäbe setzt. Eike von Stuckenbrok bringt am Donnerstag im Chamäleon zusammen mit Markus Pabst, dem Varieté-Papst, die Show „Dummy lab“ zur Premiere. Dummys, menschengroße Puppen, wie sie in Schaufenstern herumstehen und Kleider tragen oder wie sie von Polizei oder Tüv für Unfalltests benutzt werden, spielen hier eine wichtige Rolle.

Doch bei näherem Hinsehen ist oft der Mensch selbst die Puppe, lässt sich herumtragen und lächelt auf Kommando. Eine Artistin bewegt sich wie aufgezogen. Oder sie beugt sich und eine zweite platziert sich so auf ihrem Rumpf, dass aus beiden eine Figur wird wie aus dem Kuriositätenkabinett. Mancher Augenblick befremdet, manche Szene ist ernst, doch dann kippt die Situation in einen Witz, ein vergnügtes Spiel sogar – albern wie in der Comedy wird es nie.

Mit „Dummy lab“ zeigt das Team auf der Bühne eine erzählende Form der Unterhaltung, die optische und akustische Reize verbindet, präzise Artistik und digitale Illusion. Neuer Zirkus oder Cirque Nouveau wird so etwas genannt, und Stuckenbrok ist hierzulande einer von deren wesentlichen Protagonisten.

Der stumme Partner

Geboren 1989 in Bremen, aufgewachsen in Brandenburg, kam er mit 13 Jahren an die Staatliche Schule für Artistik in Berlin, die er noch vor dem Abschluss wieder verließ. Markus Pabst holte ihn zu „Soap“, der legendären Badewannen-Akrobatik-Show, zunächst ans Chamäleon, dann auf Tournee. Eike von Stuckenbrok ist von schmaler, ja zarter Statur, seine ungeheure Beweglichkeit machte ihm an der Schule Probleme, auf der Bühne zeigte er bald Figuren, die menschenunmöglich aussehen. Vor allem kopfüber, auf den Händen.

An einer menschengroßen Puppe, die mit Stahlstiften in den Boden eingelassen wird, entwickelte er eine Akrobatik-Nummer, die ihm Auszeichnungen einbrachte. Es ist sein Dummy, vom Vater für ihn gebaut, sein stummer Trainings- und Auftrittspartner. In der Vorgänger-Show „Dummy“, vor vier Jahren von Eike von Stuckenbrok und Markus Pabst entwickelt, vor zwei Jahren für sechs Monate im Chamäleon gelaufen, sah man ihn flink an der Puppe emporklettern und zur Krönung nur mit einer Hand auf deren Kopf stehen. Körperspannung, Körperbeherrschung in Perfektion.

Das Programm hat sich sehr verändert, „Dummy lab“ wirkt aufgeräumter, stringenter, zuweilen auch poetischer. Viele Requisiten wurden aussortiert, die meisten Akteure haben gewechselt. An Stuckenbroks Dummy schwingt sich jetzt ein anderer empor, ein größerer, athletischerer Typ, er sieht aus wie viele Männer in Berlin: mit Bart und zu einem Zopf gebundenen langen Haaren. Er kann etwas, keine Frage, er zeigt seinen Körper in genau abgezirkelten Verrenkungen, doch fehlt ihm etwas von der Leichtigkeit, wie man sie an Eike von Stuckenbroks Performance bewunderte.

Der aber weiß erst einmal gar nicht, ob er je wieder so turnen kann. Anfang vergangenen Jahres ist er in Kambodscha im Urlaub von einem Auto angefahren worden: Knie kaputt, Schulter und Arm unbeweglich, zwei Nerven gerissen. Eine Katastrophe wäre das für jeden, aber natürlich besonders für einen jungen Mann mit diesem Beruf. Von den ersten Monaten habe er kaum etwas mitbekommen, sagt er, während er in einem Restaurant in den Hackeschen Höfen seine Nudeln aufspießt, die Schmerzen, die Medikamente… Aber seine Freundin, Freunde, Kollegen, viele hätten sich gekümmert und zu ihm gehalten.

Als er den Satz ausspricht: „Es ist trotzdem ein cooles Jahr gewesen“, sagt er ihn in demselben ruhigen Tonfall, den er für das Beschreiben der Show benutzt. Entweder hat er ihn, Disziplin gewohnt, sich antrainiert, oder er steckt wirklich so beneidenswert stabil mitten im Leben, dass er so empfinden kann. Eike von Stuckenbrok ist eben kein Talent mehr, sondern ein Künstler. Er hat jetzt sogar Theater gespielt, war in der Tanzfabrik im Oktober im „Odyssee Complex“ in der Hauptrolle zu sehen. Bis zu sechs Jahre werde es dauern, bis er seine Beweglichkeit wiedererlangt, sagen die Ärzte. „Doch es kann auch sein, dass es nicht zurückkommt.“

Bilder aus dem Computer

Aber er hat seinen Kopf. Er kennt die Szene. Er hat so jung angefangen mit Artistik, er weiß, was möglich ist. Und über die Berliner Künstlerplattform Base ist er mit anderen verbunden. Etwa mit den Musikern, die „Dummy lab“ live begleiten. Während Reecode, so heißt der Musiker, Loops aus seiner Zauberkiste namens Octatrack holt, setzt eine Cellistin, Lih-Qun Wong, analoge Klänge dagegen.

Auch hier ist es deutlich: Die Elemente der Show fügen sich besser aneinander als bei der Vorgänger-Produktion. Der Regisseur sagt, er habe endlich die Zeit, es wirklich von außen zu sehen. Ob er nicht ein bisschen eifersüchtig auf den Kollegen blicke, der jetzt an dem Dummy turnt? Nein, sieben oder acht Shows in der Woche zu spielen – „im besten Fall vergisst man, wie anstrengend es ist“.

Die Regisseure holten sich noch einen dritten Partner für die Inszenierung: Frieder Weiss. Er ist der Experte für Videoelemente auf der Bühne, liefert seine speziellen Computerprogramme für Theater und Performances in den USA oder Australien, an der Deutschen Oper oder eben im Chamäleon. Hier haben sie ausprobiert, wie das Bild den Akteuren folgt, sie legten Gitter oder Strahlen über die Szenen. Das erzeugt mal technische Kühle, mal Poesie. Am Ende gehen die Bilder aus den Menschen hervor, als wären es Engel, die mit den Seelen fliegen.