Die Bedeutung der weltumspannenden Englisch-sprachigen Völkerfamilie betonen außenpolitische Sonntagsredner in Großbritannien immer gern. 54 Staaten gehören derzeit zum Commonwealth, darunter jene 16 von Neuseeland bis Jamaika, deren Staatsoberhaupt Königin Elizabeth II, 89, bis heute bleibt.

Das Commonwealth ist natürlich ein Überrest des britischen Empire, von dem aber selten die Rede ist, am allerwenigsten auf der Insel selbst. Über das zeitweilig größte Imperium der Welt sprechen die Briten gar nicht gern. Auf dem Lehrplan der Schulen stehen zwar herzzerreißende Geschichten über Sklaverei. Sie spielen aber meist in den Südstaaten der USA, nicht in den karibischen Zuckerplantagen, von deren ungeheurer Profitabilität das Vereinigte Königreich Jahrhunderte lang profitierte.

Kleidung als Machtausdruck

William Wilberforces Initiative von 1807 zur Abschaffung der Sklaverei im britischen Hoheitsgebiet wurde zum 200. Jahrestag sogar mit einer Sondermünze gewürdigt. Aber wehe, jemand räumt britische Versäumnisse, gar Schuld ein. Als der frischgewählte Premierminister Tony Blair 1997 zum 150-jährigen Jubiläum der irischen Hungersnot vom „Versagen der damaligen Machthaber in London“ sprach, musste er sich zu Hause bittere Vorwürfe anhören. Heuchelei und Verdrängen bleibt bis heute Maxime der offiziellen Politik.

Nicht so unter Künstlern und Intellektuellen. Von der Jahrhunderte lang unterdrückten Nachbarinsel Irland handelt eines der ersten Ausstellungsstücke in der neuen Show der Tate Britain. Unter dem Titel „Artist & Empire“ haben Chefkuratorin Alison Smith und ihr Team mehr als 200 Exponate zusammengestellt, die allesamt zu den Sammlungen britischer Galerien gehören. Kollektiv präsentieren sie Glanz und Elend aus 400 Jahren, demonstrieren den Einsatz von Kunst als Propagandamittel ebenso wie eindrucksvolle Zeugnisse von Aufarbeitungsversuchen, und das alles ohne aufdringliche didaktische Attitüde.

Ob nun Irland nun Englands „erste Kolonie“ war oder ob diese Ehre nicht doch eher Wales zufällt – jedenfalls demonstriert John Thomas’ Aquarell „Die Belagerung der Burg von Enniskillen“ aus dem Jahr 1593 den englisch-protestantischen Herrschaftsanspruch über die gälischen Rebellen. Gleichzeitig dient das Kunstwerk, halb Zeichnung, halb Karte als Musterbeispiel des ersten von sechs Ausstellungsteilen: „Kartieren und Markieren“ stellten Symbole des englisch-britischen Hoheitsanspruchs dar, bis hin zu den berühmten Weltkarten des frühen 20. Jahrhunderts, auf denen das Empire meist in würdigem Purpurrot dargestellt wurde.

Die Tate-Leute haben sich ausdrücklich nicht an die Chronologie gehalten, sondern „jedem Saal ein eigenes Thema gewidmet“, erläutert Smith. Das Konzept trägt zum glänzenden Gelingen der luftig gehängten Ausstellung bei. Trophäen des Empire, Kleidung als Machtausdruck, Heroische Darstellungen – jeweils thematisch zusammengestellt ergibt sich ein faszinierendes Bild imperialer Attitüde, wie die jeweiligen Künstler sie reflektierten.

Zusammenprall der Kulturen

Wie heutige Menschen wirken die drei „echten Kunsthandwerker“ aus Agra in Indien, die der Wiener Rudolf Swoboda (1859-1914) im Jahre 1886 für Königin Viktoria malte. Witzigerweise verdankten die Sträflinge ihre Berufe einem Wiedereingliederungsprogramm der englischen Gefängnisbehörde. Genauso großartig zeigt ein Werk des bekannten Pferdemalers George Stubbs (1724-1806) den Zusammenprall der Kulturen. Der Generalgouverneur von Madras hatte König Georg III. als Zeichen seiner Ehrerbietung 1764 ein Gepardenweibchen samt zweier indischer Wärter geschickt. Weil sich der König für exotische Tiere nicht interessierte, erhielt der Herzog von Cumberland die Raubkatze. Später lebte sie unter dem Kosenamen „Miss Jenny“ im Zoo am Tower of London.

Kein Mangel herrscht an heroischen Darstellungen britischer Verwaltungs- und Kriegskunst. Stets blicken hochmütige Männer mit entschlossenem Gesichtsausdruck von der Leinwand. Stiff upper lip, lautet die Devise, ob man nun kostbare Geschenke untertäniger Inder entgegennimmt oder sich den Gotteskriegern der Mahdi-Armee präsentiert wie General Gordon im Gemälde von George William Joy. Scheinbar teilnahmslos tritt der Mann in Uniform dort im Januar 1885 am Ende der einjährigen Belagerung von Khartoum seinen Henkern entgegen. Dass die Londoner Regierung wegen ihrer zögerlichen Haltung an Gordons Tod Mitschuld trug, wen kümmert’s? Die Verherrlichung des Helden diente propagandistischen Zwecken, noch in den 1940er Jahren zierte ein nachempfundenes Wachs-Tableau Madame Tussaud’s.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand das Original in einer Privatschule in Surrey, wo die Schüler es zeitweise als Zielscheibe für Dart-Wettbewerbe missbrauchten. Dies war die Zeit, in der man Millionen von Migranten aus den früheren Kolonien ins Land ließ – stillschweigender Ausgleich für die ungeheuren Plünderungen und Massenmorde früherer Jahrhunderte. Inzwischen gebe es wieder ein „echtes Bedürfnis, mehr übers Empire zu lernen“, glaubt Kuratorin Smith. Ihre Ausstellung birgt dazu vielerlei Anregungen.