Mit der Berlin Art Week eröffnet das Berghain als Kunstmuseum. Der Sinnspruch stammt von Rikrit Tiravanija.
Foto: Noshe

Berlin„Es gibt ein Wort, das alles beschreibt, was diesen Ort ausmacht“, sagt Christian Boros in der monumentalen Hinterhalle des vielleicht berühmtesten Clubs der Welt: „Freiheit“. Zusammen mit dem Kultursenator Klaus Lederer, seiner Frau Karen Boros und der Direktorin seiner Sammlung Juliet Kothe hat Boros mit „Studio Berlin“ die außergewöhnliche Umformung des Berghains zur Kunstgalerie ermöglicht.  

Für den Sammler war das folgerichtig: Immerhin war sein Bunker, wo die Sammlung Boros jetzt gezeigt wird, ein früher Vorläufer des Berghains. Im Berlin der frühen 1990er-Jahre organisierten dieselben Veranstalter dort schwule Fetisch-Partys. Die eigentümliche Doppelbödigkeit, die den Boros-Bunker ausmacht – zwischen rauschhafter Entgrenzung und exklusiver Kunsterfahrung; zwischen dem Dreckig-Porösen der Wände, der punkhaften Antithese zum White Cube, und teurer, hipper, meist hochwertiger Kunst – lässt sich in den Räumlichkeiten des Berghain herrlich auf die Spitze treiben.

So gesehen war die Pandemie für Boros ein glücklicher Zufall. Allerdings ein temporärer. „Morgen ist die Frage“, steht in monumentalen Buchstaben auf einem Banner an der Außenfront des Clubs (eine Arbeit des Aktionskünstlers Rirkrit Tiravanija). Die Frage nach der Zukunft spiegelt die pandemischen Herausforderungen der Kunstwelt genauso wie die der Club-Kultur: Ob ein Ort wie das Berghain, der Berlin ja bis ins Mark prägt, je wieder eröffnen wird? Ob wir Kunst je wieder ohne Maske sehen werden? Ob wir irgendwann wieder so tun können, als interessierten wir uns für Kunst, um uns eigentlich ins soziale Gewühle einer sektgetränkten Eröffnung stürzen?

Juliet Kothe, Karen Boros, Christian Boros: Organisatoren der Ausstellung Studio Berlin
Quelle: Max von Gumpenberg

Die Berlin Art Week gilt mit ihren insgesamt 20 Institutionen, 13 Sammlern, zehn Projekträumen und drei Messen als ein schillerndes Schaufenster in die Berliner Kunstszene. Dieses Jahr findet sie bekanntlich fast zeitgleich mit dem Gallery Weekend und der Berlin Biennale statt – unter den geltenden Abstandsbestimmungen. Die vielgelobte Diversität Berlins wird dabei auf der Strecke bleiben: Zahlreiche Ausstellende, Sammler und Kunstinteressierte können in diesem Jahr nicht nach Berlin kommen. Doch die lokale Kunstszene, der noch vor wenigen Monaten – mit dem drohenden Abzug von Stoschek und Flick – ein baldiger Tod attestiert wurde, erstrahlt im Berghain jetzt in neuem Glanz.

Einen entscheidenden Unterschied zum Boros-Bunker gibt es in der Berghain-Show dann aber doch: Hier herrscht striktes Fotoverbot. Wer je im Berghain (oder sonst einer Kirche) war, weiß: der Mythos dieses Orts steht und fällt mit seiner bildhaften Entzauberung. Wenn man es früher mal ins Berghain schaffte, durfte man so ziemlich alles machen, nur eben keine Fotos. Instagramtauglich wird diese Ausstellung also nicht. Stattdessen setzte man bei den insgesamt 117 Kunstwerken auf perfekte Raumnutzung.

In der Haupthalle hat Julius von Bismarck etwa eine drei Meter große Hochseeboje installiert, die an der 20-Meter-Decke des Clubs mit Seilzügen befestigt ist und die der bärtige Künstler bei der Presseführung testweise an der Stahltreppe entlangtänzeln ließ: Es ist die Spannung zwischen immobiler Verankerung und völliger Haltlosigkeit, dem sprichwörtlich freien Treiben, die diese Arbeit für diesen Ort so passend macht und gewissermaßen auch den Corona-Zeitgeist spiegelt.

„Das Schlaraffenland“ von Pieter Bruegel (1567)
Quelle: WikiCommons

Oder auch die Arbeit von Cyprien Galliard, einem Sprengmeister des Kunstbetriebs. Ziemlich versteckt, auf einer Toilettentrennwand aus Edelstahl hat er eine minimalistische Gravur namens „The Land of Cockaigne“ („Schlaraffenland“) hinterlassen. Es ist eine der wenigen Arbeiten, die auch nach Abbau der Ausstellung bestehen bleiben sollen. Sie gleicht einem ikonischen Gemälde des Malers Pieter Bruegel aus dem 16. Jahrhundert, das drei vollgefressene Männer unter einer Art Tischlein-deck-dich-Baum zeigt und so den biblischen Topos der Völlerei verhandelt. Wer je eine Berghain-Toilette von innen sah, dem muss man die Anspielung in Titel und Inhalt dieser Arbeit nicht lang erklären.

Beim Gang nach oben, in die Panoramabar (dem Zweitraum des Clubs) wird – bei nüchternem Blick – die sowieso gegebene Kunstaffinität des Berghains deutlich. Seit vielen Jahren hängen hier die Fotografien von Wolfgang Tillmans. Als der Ruf des Clubs um 2009 herum exponenziell und weltweit anwuchs und seine Klientel dadurch stetig auch heterosexueller wurde, ließ Tillmans hier die Fotografie „Philip, Close Up III“ aufhängen, die einen Mann zeigt, der seinen Anus entblößt. Eine Video-Arbeit von Tillmans ist jetzt auch in den Räumen des Lab.Oratory zu sehen – einem Nebenraum des Clubs, wo unter normalen Bedingungen nur schwule Männer Zugang haben.

Alles in allem ist hier die Creme de la Creme der Berliner Kunstwelt vertreten: Isa Genzken, Katharina Grosse, Anne Imhof, Alicia Kwade, Olafur Eliasson. Es ist eine schöne Geste, dass darunter auch Positionen ehemaliger und derzeitiger Mitarbeiter inkludiert wurden – etwa die von Sarah Ancelle Schönfeld oder dem Berghain-Türsteher Sven Marquardt. Viele der Werke räsonieren mit den durchlöcherten Wänden, hervorstehenden Strukturen und dem abgekratzten Gemäuer des ehemaligen Fernheizwerks. Es ist ein Fest.

Studio Berlin/Berghain, Ab 9. September als Teil der Berlin Art Week.