In Shanghai waren die Straßen wie leergefegt, als im Radio Beethovens Fünfte gespielt wurde. Mingkang Li, geboren 1936, erinnert sich genau. „Das war das Ende der Kulturrevolution.“ Vier Jahre später gründete sich die Band, in der er noch heute spielt. Die Peace Old Jazz Band, benannt nach dem Luxus-Hotel, in dem sie jeden Abend auftritt.

Alt sind nicht nur sie selbst – im Durchschnitt 76 Jahre – alt ist auch ihre Musik. Jazzstandards aus der Glenn-Miller-Ära, Tanzmusik aus der Zeit der Ballrooms in klassischer Jazzcombo-Besetzung. Die Musiker spielen in schwarzen Anzügen und weißen Hemden, die Mienen unbewegt. Der jüngste unter ihnen, der Trompeter Mengqiang Lu, 53, treibt die alten Herren an, manchmal eiert die Band wie eine Schallplatte, die zu langsam läuft, aber im Konzert geben sie alles, egal, ob ein Bein geschwollen ist oder der Rücken schmerzt. „As Time goes by in Shanghai“ nimmt das Leben dieser Musiker auf, ohne daraus angestrengt eine „Story“ zu machen.

Shanghai, die Megacity, in der ohne Rücksicht auf Altes jeden Tag Glastürme in den Himmel wachsen, wird mit derselben Gelassenheit ins Bild gesetzt. Die Stadt ist einfach da, sie muss nicht noch inszeniert oder gar folklorisiert werden. Die Enge der Wohnungen, lange Busfahrten, bis zu der Station, an der das Fahrrad steht – all dies nehmen die Musiker auf sich, um im Peace-Hotel gemeinsam zu spielen.

Viel riskiert, für Jazz als Ausdrucksform westlicher Dekadenz

Uli Gaulke, bekannt geworden mit seinem Dokumentarfilm über eine deutsch-kubanische Liebesgeschichte („Heirate mich“, 2003), nähert sich den Musikern mit einer angenehmen Distanz – und dem Respekt des Kollegen. Selbst einst Trompeter in einer Band, weiß er genau, wann er seine Darsteller in Ruhe lassen muss, und niemals zerschneidet er musikalische Phrasen im Schnitt – wie es so typisch ist für Regisseure, die nichts von Musik verstehen. Die Musiker sind alt, aber das ist nicht ihr herausragendstes Merkmal. Sie haben viel riskiert für ihre Musik, den Jazz, der als Ausdrucksform westlicher Dekadenz verfemt war.

Einer von ihnen, der 75-jährige Pianist Jingyu Zhang, wurde in ein Arbeitslager geschickt. Er deutet es nur an, den Blick auf den Fluss gerichtet, über die Vergangenheit geben sie nur wenig preis. Warum sollen sie, nur weil sie alt sind, nicht Teil der Gegenwart sein? Ihre Reserviertheit, verbunden mit einem feinen, selbstironischen Humor, verleiht ihnen eine ganz eigene Aura. Keiner läuft hier mit gefühligen Bekenntnissen vor die Kamera, ihre Emotion leben sie in der Musik – so gut es technisch eben noch geht.

Ihr Manager allerdings sieht ein „Geschäftsmodell“ in ihnen – und hat das Erfolgsrezept erkannt: Sie müssen im Ausland spielen, auf einem guten Jazz-Festival, wer „exportiert“ und wieder „re-importiert“ werde, steigere seinen Marktwert. Die alten Männer sind aufgeregt, als sie die riesige Bühne des Rotterdamer North Sea Jazz Festivals betreten. Ihre junge Sängerin Jasmine Chen, eigens für die Holland-Tour engagiert, freut sich darüber. Nichts Abgebrühtes, Routiniertes ist an dieser Band – obwohl sie schon mehr als 11000 Auftritte hinter sich hat.

As Time goes by in Shanghai Dtl./Niederl. 2013. Regie & Buch: Uli Gaulke, Kamera: Axel Schneppet, Jörg Jeshel, Mit: Jibin Sun, Zhengzhen Bao, Mingkang Li, Mengqian Lu, Jingyu Zhang u. a., Dokumentarfilm, 93 Minuten, FSK o. A.