Andrea Petkovic und Thomas Hettche haben Glück gehabt. Sie durften sich im ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ in entspannter Umgebung über ihre Bücher äußern. Dazu wurden ihre neuen Werke passend illustriert: Zu Hettches Puppenspielerroman „Herzfaden“ gab es einen Rückblick auf die Augsburger Puppenkiste, zu Petkovics Debüt liefen Aufnahmen ihrer Siege auf dem Tennisplatz.

Kollegen wie Anne Weber oder Bov Bjerg erging es nur eine Woche zuvor weniger gut. Sie mussten, wie weitere Autoren, in der „Aspekte“-Sonderausgabe zur Frankfurter Literaturmesse im ZDF-Studio Schnellsprecherspiele nach dem Prinzip „Dalli Dalli“ absolvieren. Moderatorin Katty Salie trug dazu Klamotten in schmerzverheißendem OP-Grün, die sichtlich leidende Anne Weber bekannte auf die Frage, wovor sie am meisten Angst habe, prompt: „Ratespiele im Fernsehen.“ Salies Kollege Jo Schück wunderte sich darüber, dass „Literaten“ nicht einfach spontan Worte „raushauen“ könnten. Der Gedanke, dass vor dem Schreiben das Nachdenken steht, ist ihm offenbar fremd. Dann fragte er den Berliner Lesebühnenhelden Bov Bjerg: „Nobelpreis – wär’ das was für Sie?“

Sechs Jahre lang hatte das traditionsreiche ZDF-Kulturmagazin, das von Koryphäen wie Walter Schmieding, Reinhart Hoffmeister, Dieter Schwarzenau oder Johannes Wilms geprägt wurde, und in dem auch Luzia Braun und Wolfgang Herles noch Charme und Seriosität miteinander verbinden konnten, versucht, mit einer Studioshow vor Publikum neue Wege der Kulturvermittlung zu gehen. Bei live erprobten Popmusikern funktionierte das noch – viele Schriftsteller aber wirkten dabei fremd, wie vorgeführt.

Nun hat das ZDF die Sendung zum „Reportageformat“ umgewidmet. Schon in den vergangenen Monaten waren die Moderatoren mehrfach „on Tour“ gewesen – im Studio waren wegen Corona keine Zuschauer mehr zugelassen. So kurvte Jo Schück etwa mit einem Ford Mustang-Oldtimer durch Berlin, um das Thema Amerika zu illustrieren. Die erste reguläre Ausgabe war aber keineswegs eine klassische Kulturreportage. Katty Salie befragte einfach Gäste an wechselnden Orten, der verbindende rote Faden waren lose Assoziationen zum Thema Spiel. So erklärte ein Computerspiel-Expertin, wie wichtig das Zocken in der Corona-Zeit sei, ein amerikanischer Autor analysierte das Verhalten von Donald Trump als Golfspieler. Manche Übergänge erschienen bemüht – insgesamt aber wirkten Katty Salie und „Aspekte“ unterwegs deutlich befreiter.

Beim Publikum kam der Neustart gut an – mehr als 1,2 Millionen Zuschauer bedeuteten ein Plus von mehr als 60 Prozent gegenüber der letzten Studiosondersendung mit den sinnfreien Dalli-Dalli-Einlagen. Den Platz am Freitag um 23 Uhr muss die Sendung allerdings bald wieder räumen. Da sich Jan Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ dazwischenschiebt, wird „Aspekte“ vom November an erst um 23.30 Uhr laufen. Dafür ist die Sendung jetzt schon um 21 Uhr in der Mediathek zu sehen. Hier sind die sechs bis sieben Elemente der Sendung einzeln in drei bis sieben Minuten langen Häppchen abrufbar – laut ZDF eine „Anpassung an die Sehgewohnheiten“.

So innovativ wie vom Sender behauptet ist die neue Reportageform keineswegs – wie ein Blick in die Pendants des Wochenendes beweist. Schon seit 2007 trifft Dieter „Max“ Moor seine Kulturschaffenden im Auftrag des ARD-Klassikers „Titel Thesen Temperamente“ (sonntags, 23.00), mit mehr Mut zum markigen Urteil als die ZDF-Kollegen. Das RBB Kulturmagazin (sonnabends, 18.30) und das im August auf Arte gestartete „Twist“ (sonntags, 17.10) sind viel eher klassische Reportagen als „Aspekte“, sie bleiben enger und länger an einem Ort und an einem Thema.

So widmete sich die RBB-Presenterin Nadine Heidenreich, die sich mit Franziska Hessberger abwechselt, den Künstlern und Kulturmachern etwa in den Hackeschen Höfen, besuchte Artisten, die für ihre Auftritte im „Chamäleon“ proben – das Haus will im November nach acht Monaten Pause wiedereröffnen. Für „Twist“ traf Romy Straßenburg, die sich mit Bianca Hauda abwechselt, Exil-Künstler in Berlin, sang mit Musikerinnen aus Belarus, staunte über die Pläne für das Berliner Exilmuseum und traf Can Dündar im Maxim-Gorki-Theater.

„Twist“ auf Arte ist zudem frecher und fordernder. Während Katty Salie sich für alle präsentierten Künstler und deren Werke begeistert und Andrea Petcovic zur Nachfolgerin von David Foster Wallace macht (der hat ja schließlich auch über Tennis geschrieben), leistet sich „Twist“ die Rubrik „Psychogramm auf Instagram“, wo die pathologischen Auffälligkeiten prominenter Künstler anhand ihrer Auftritte im Netz zerlegt werden. So wird etwa die peinliche Selfie-Manie des Großkünstlers Ai Weiwei vorgeführt. Für „Aspekte“ sind solche Rubriken leider nicht vorgesehen.