Albert Uderzo und sein einzig wahrer Gallier: der ewig vernünftige und ansonsten furchtlose Krieger Asterix.
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ParisErstaunlich ist es immer wieder, dass aus einer vermeintlichen Schwäche oder Beeinträchtigung eine so große Meisterschaft entstehen kann: Der französische Zeichner Albert Uderzo hatte eine Rot-Grün-Sehschwäche – sie hielt ihn aber von seiner Profession nicht ab und trug auch noch zu seinem unverwechselbaren, eben farbstarken, kontrastreichen Stil bei. Der Mann arbeitete mit nummerierten Farbtuben und ließ seine Schwarz-Weiß-Zeichnungen nach seinen Vorgaben von Spezialisten kolorieren. 

Aber Asterix und seine gallischen Stammesgenossen, eine Gemeinschaft so herzensguter wie prügelfreudiger Knollennasenträger, war die große Geschichte des Albert Uderzo. Auch sie entstand eher aus einer Widrigkeit. Uderzo hatte mit dem Texter René Goscinny ein neues Projekt geplant, sie wollten in dem neuen französischen Comic-Magazin „Pilote“ eine eigene Serie beginnen; das Thema war Reineke Fuchs, es gab sogar schon erste Zeichnungen. Dann aber mussten beide feststellen, dass schon jemand anderes auf diese Idee gekommen war, der Zeichner Jen Trubert. So blieb Uderzo und Goscinny nichts anders übrig, als sich ein anderes Projekt zu suchen. Welch ein Glück: Eine Unbill des Schicksals war also der Beginn der legendären Abenteuer von Asterix und Obelix.

Das Geheimnis des Zaubertranks

Die Zeit drängte, das Magazin „Pilote“ sollte am 29. Oktober 1959 erscheinen, durch die Episode mit Reineke Fuchs hatten die beiden Künstler jetzt einiges aufzuholen: Es blieben nur noch wenige Wochen. Die Macher von „Pilote“ wünschten sich etwas Französisches, lustig sollte es auch sein. Damals war der Comic-Markt noch sehr amerikanisch geprägt, vor allem Superhelden bestimmten die Szene. Uderzo selbst war ein großer Bewunderer der Kunst von Walt Disney, als Kind hatte er sich das Zeichnen selbst beigebracht – Mickey Mouse und Donald Duck. Der kleine Albert nahm sich überdies an seinem älteren Bruder Bruno Vorbild, der Flugzeugkonstrukteur und damit auch Konstruktionszeichner werden wollte.

Was also könnte eine gute Geschichte sein? Uderzo und Goscinny kamen schließlich der tragische Gallierhäuptling Vercingetorix in den Sinn, der Gallische Krieg und Julius Cäsar. Das war nicht nur eine römische, sondern auch eine sehr französische Geschichte, eine, die man außerdem kannte, bereits die Kinder lernten sie in der Schule. Blieb nur noch die Frage, wie hier, in dem recht blutigen und für die Franzosen nicht ruhmreichen Krieg, etwas Komisches entstehen könnte. Die Antwort war ein dramaturgische Grundkniff: In Anerkennung der historischen Tatsachen gingen Uderzo und Goscinny von der Niederlage Galliens aus, erfanden aber das widerständige Dorf in der Bretagne. Damit war der erzählerische Rahmen gesteckt, der nun in zahlreichen Varianten wiederholt wurde.

Erfolgreichste französische Comic-Serie

Im Zentrum der Geschichten stand der Zaubertrank, eine geniale Erfindung, diente er doch wie eine Ausfallbürgschaft dazu, die römische Übermacht dort in Schach zu halten, wo gallische Rauflust und Bauernschläue nicht weiterhalfen. Überdies waren die Gallier unter dem Häuptling Majestix ein sehr streitsüchtiger Haufen und vornehmlich damit beschäftigt, einander zu verprügeln. Das war allemal unterhaltsam, jeder konnte sich darin wiedererkennen. Das gallische Dorf lag in der wildfranzösischen Bretagne, denn, so Uderzo, sie „war die einzige Gegend, die ich in Frankreich außerhalb von Paris kannte. Ich habe meinen Bruder während des Krieges dort besucht, weil es in Paris nichts mehr zu essen gab“.

Aus diesem französischen Regionalprodukt, das sich gerade zu Beginn mit zahlreichen politischen Andeutungen auf die Gegenwart bezog, sollte ein internationaler Bestseller werden. Ein einträgliches Riesenunternehmen. Weltweit wurden Millionen Exemplare der Asterix-Alben verkauft und in mehr als 100 Sprachen und Dialekte übersetzt. Über die zaubertranksatten Hau-drauf-Geschichten mit ihrem gallischen Witz wurde in aller Welt gelacht. Uderzo und Goscinny haben mit „Asterix“ nicht nur die erfolgreichste französische Comic-Serie geschaffen: Mehr als zehn Zeichentrick- und Realverfilmungen sind entstanden, 1989 öffnete ein Freizeitpark bei Paris, der seinen Namen trägt, und Hunderte von Merchandising-Artikeln wurden entworfen.

Albert Uderzos Hang zum grotesken Bildwitz

Albert Uderzo wurde am 25. April 1927 als Sohn italienischer Einwanderer in der Nähe von Reims geboren. Das Zeichnen war ihm nicht in die Wiege gelegt. Das lag nicht nur an seiner Farbenblindheit, er kam auch mit sechs Fingern an jeder Hand auf die Welt, eine Fehlbildung, die später operativ entfernt wurde. Als seinen ersten Comic entdeckte er die Disney-Figuren in der französischen Tageszeitung Le Parisien – und damit auch seiner Liebe für große Nasen. Im Alter von zehn Jahren fühlte sich der kleine Uderzo bereit, er drängte seinen Bruder Bruno, seine Dienste einem Pariser Verlag anzubieten, wo er im Alter von 14 Jahren seine erste Zeichnung publizierte. Ende der 40er-Jahre gehörte Uderzo zu den erfolgreichsten Zeichnern seiner Generation.

Er war ein Ausnahmetalent. Ein Alleskönner, fremde Zeichenstile eignete sich der Autodidakt schnell an. Er beherrschte durchaus den aus den DC- und Marvel-Comics her bekannten naturalistischen Strich der Superheldenhefte wie seine Bildergeschichten über den bärenstarken Ritter Belloy (ab 1948), den jungen Reporter Luc Junior (ab 1952) oder den französischen Luftwaffenpiloten Mick Tanguy (ab 1959) eindrucksvoll zeigen. Obwohl auch hier schon Uderzos starker Hang zum Kalauer deutlich wird, zur Übertreibung, Überzeichnung – zum grotesken Bildwitz. Eben dafür schuf er sich gemeinsam mit Goscinny ein ganz eigenes Genre: 1959 erschien die erste Asterix-Geschichte, zwei Jahre später mit „Asterix der Gallier“ das erste Album.

Bis 1977, dem Jahr, in dem Goscinny im Alter von 51 Jahren starb, veröffentlichte das Duo über 20 Alben. Viele befürchteten mit dem Tod von Goscinny das Ende der Abenteuer von Asterix und Obelix. Nicht wenige befürchteten auch, Uderzo können alleine weitermachen und von nun an auch die Texte schreiben. Eben das geschah: Das erste von Uderzo allein geschaffene Album „Der große Graben“ erschien 1980 und war noch gut lesbar – dann ging es aber deutlich bergab. Es fehlten die erzählerischen Bögen und der scharfe Wortwitz Goscinnys. Der Tiefpunkt war schließlich der Band „Gallien in Gefahr“ im Jahre 2005, den Uderzo als Hommage an Walt Disney verstanden wissen wollte und in dem Außerirdische und Superhelden auftauchten. Mon dieu!

Albert Uderzo: Das Erbe ist geregelt

Nein, spannende Geschichten erzählen, das war Uderzos Sache nicht. Vielleicht sollten wir „Gallien in Gefahr“ auch ganz wörtlich nehmen, nämlich als Gefahrenanzeige für das ganze Asterix-Projekt. Uderzo war jetzt immerhin 89 Jahre alt. Anfang 2009 zog er sich wegen seines Arthroseleidens zunehmend vom Zeichentisch zurück. Zwei Jahre später tat er das einzig Richtige und übergab an jüngere Kollegen. Der erste Asterix-Band von Jean-Yves Ferri und Didier Conrad erschien 2013. Gerade noch rechtzeitig, denn mit „Asterix bei den Pikten“ wurde die Comic-Serie wieder witzig und bekam ihre zauberhafte, spielerische Leichtigkeit zurück. Mittlerweile ist mit „Die Tochter des Vercingetorix“ (2019) bereits der vierte Band von Ferri und Conrad erschienen.

Die Serie ist auf einem gutem Weg und das Erbe also geregelt. Lange hatte es nicht so ausgesehen, nicht nur künstlerisch: So wie seine Gallier galt auch Uderzo als sehr streitlustig. In den 90er-Jahren zoffte er sich jahrelang vor Gericht mit dem Verlag Dargaud um die Rechte für die ersten 25 Asterix-Bände. Danach begann zwischen ihm und seiner Tochter Sylvie ein juristischer Kampf um das millionenschwere Asterix-Erbe, den beide erst 2014 beilegten. Was für ein Glück. Auch für den Meister, zufrieden mag er jetzt beim Teutates oder Belenus sitzen und auf seine Gallier schauen, auf Asterix und Obelix und Idefix, auf Troubadix, Miraculix, Methusalix, Verleihnix … Albert Uderzo ist am Dienstag im Alter von 92 Jahren in Paris gestorben.