Ulrich Gutmair zog im Oktober 1989 nach Westberlin, um Geschichte und Publizistik an der FU zu studieren. Einen Monat später fiel die Mauer – der heutige Taz-Redakteur gehörte zum ersten westlichen Stoßtrupp, der die historische Mitte Berlins als Abenteuerspielplatz für sich entdeckte. Aus dem Nichts entstanden in der grauen Gegend illegale Bars und Galerien, gegründet und bevölkert von einer jungen Boheme, bunt zusammen gewürfelt aus Ostlern und Westlern plus einer großzügigen Portion der Jugend der übrigen Welt. Sie fanden jede Menge Freiräume und jede Menge unbewältigte Geschichte.

Gutmairs „Die ersten Tage von Berlin. Der Sound der Wende“ ist der letzte Neuzugang im boomenden Genre der Berliner Subkultur-Erinnerungen. Letztes Jahr legten Felix Denk und Sven von Thülen mit „Der Klang der Familie“ eine Oral History der Berliner Techno-Szene vor, die mehr oder weniger dieselbe Periode behandelte. In diesem Jahr veröffentlichte Wolfgang Müller in „Subkultur Westberlin 1979 –1989 Freizeit“ seine Erinnerungen an die Kunst- und Musikszene der einstigen Frontstad. Gutmair führt nun die Geschichtsschreibung 1989 da weiter, wo Müllers Geschichte von den „genialen Dilletanten“ endet.

Er zeichnet ein lebendiges Bild von einer abgerockten Innenstadt, die von der SED-Regierung systematisch vernachlässigt worden war, um irgendwann mit sozialistischen Plattenbauten voll gestellt zu werden. Die Ofenheizungen, die grauen Fassaden, die alten Ladenschilder und die schrägen Typen, die im verfallenden historischen Zentrum von Berlin durchgehalten hatten – Gutmair läßt das alte Mitte (heute auf dem Weg zu einer sterilen Ansammlung von Boutiquen, Flagship Stores und Macchiatto-Cafés) noch einmal vor dem geistigen Auge auferstehen. Ein bisschen sieht es von heute schon wie Atlantis aus.

DDR-Mietverträgen sei dank

Wer sich noch an Läden wie den Eimer, Panasonic, Toaster, Schmalzwald, Kunst + Technik oder Sexiland (war das wirklich in einer öffentlichen Toilette am Rosenthaler Platz?) erinnert, wer mal in der Allgirls Galerie und in der Galerie Wohnmaschine war, der wird das Buch wohl wehmütig seufzend durchblättern. Ab 1990 eröffneten in Mitte Clubs, Bars, Künstlerateliers und Galerien in leer stehenden Ladenlokalen, Wohnungen und Kellern, oft ohne Mietvertrag, Ausschankgenehmigung oder Konzession. Manche von ihnen nur für eine Nacht, andere für ein paar Jahre. Dank billiger DDR-Mietverträge konnte man in Wohnungen ohne Bad und ohne Telefon, manchmal ohne Strom und fließendes Wasser im historischen Herzen von Berlin einige Jahre lang ein stressfreies Bohemeleben führen.

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Auf der Suche nach der vertrödelten Nachwendezeit hat Gutmair zahlreiche Zeitgenossen interviewt. Er erinnert an Figuren, die in dieser Periode eine Rolle spielten, heute jedoch vergessen sind. So zum Beispiel den professionellen Hausbesetzer Slavko Stefanoski aus Mazedonien, der in der Bar Sabor da Favela kellnerte und nach seiner Abschiebung aus Deutschland von Mazedonien nach China radelte. Den Überzeugungs-Obdachlosen Klaus Fahnert, der neben dem Kiosk gegenüber vom Tacheles einen kleinen Verkaufsstand betrieb, wo er 2005 tot aufgefunden wurde. Oder die unerschrockene Jutta Weitz, Angestellte der Wohnungsbaugesellschaft, die als Erfinderin der „Zwischennutzung“ gelten kann. Kreativ und mit der stirnrunzelnden Duldung ihres Arbeitgebers vergab sie kurzfristige Mietverträge an Künstler und Nachtleben-Entrepeneure.

Viele der „Klassiker“ aus dieser Zeit, die zum Teil bis heute überlebt haben, erwähnt Gutmair nur kurz: Tresor, Schokoladen, Acud, Suicide Circus. Sein besonderes Augenmerk liegt auf dem „Bermudadreieck“ zwischen Leipziger Straße, Mauerstraße und Kronenstraße. Dort befand sich in den ganz frühen Neunzigern eine Reihe von stilprägenden Läden. Die erste Inkarnation des Clubs WMF, der die nächsten anderthalb Jahrzehnte durch Berlin tingeln sollte. Die brasilianische Kellerlochbar Sabor da Favela, die den Caipirinha nach Berlin brachte. Der Friseur und das Elektro, letzterer betrieben von dem Videokünstler Daniel Pflumm, der den winzigen Laden zum Gesamtkunstwerk machte: Zu Technomusik liefen seine Videoloops, man konnte T-Shirts und andere Kleidungsstücke mit seinen Entwürfen kaufen. DJ Hell, Sven Väth, Jeff Mills und andere Techno-Legenden schauten vorbei und legten dort auf.

Bis hin zu Hitlers Diätkoch

Gutmair entreißt zentrale Ereignisse dieser Wild-West-Periode der Vergessenheit beziehungsweise der Verklärung in der Berliner Lokalmythologie. Die Räumung der besetzten Häuser in der Mainzer Straße. Den bis heute ungeklärten Mord an Senats-Investorenbetreuer Hanno Klein. Den „Besenbeschluss“ des damaligen Innenstadtrats Thomas Krüger, nach dem sich alle DDR-Beamten auf ihre ehemaligen Stellen neu bewerben sollten und der zu spontanen Massenprotesten vor dem Roten Rathaus führte.

So ist „Der Anfang von Berlin“ nicht nur die Geschichte einer kurzlebigen Subkultur. Immer wieder spannt Gutmair weite Bögen zur Berliner Geschichte, zum Gründerkrach von 1873, den alliierten Bombardements der Berliner Innenstadt bis hin zu Hitlers Diätkoch. Für Gutmair war der Nachwende-Ausnahmezustand in Mitte Resultat der Verwerfungen deutscher Geschichte. Gleichzeitig wurde hier ein Modell des Bohemelebens und der Kreativindustrie entwickelt, das bis heute das internationale Bild Berlins mit prägt.

Ohne Digitalkameras, Smartphones und soziale Netzwerke sind wenige direkte Zeugnisse dieser Zeit geblieben. Die Bewohner des Planeten Mitte waren so damit beschäftigt, den flüchtigen Reiz des Augenblicks zu genießen, dass sie kaum bleibende Kunstwerke oder Musik geschaffen haben. Heute sind die meisten Gebäude, in denen diese Geschichte spielt, abgerissen oder bis zur Unkenntlichkeit aufgehübscht. Im September 2012 wurde mit dem Tacheles ein letztes Refugium der Mitte-Romantik geräumt.

Wer wissen will, wie es damals war, muss darum Gutmairs Buch lesen. Sein Resümee: „Man kann nichts festhalten, die Welt dreht sich weiter. Alles verschwindet irgendwann. Aber unsere Erinnerungen können wir teilen, und dann erst sind sie wirklich.“

Ulrich Gutmair:Die ersten Tage von Berlin. Der Sound der Wende. Tropen Verlag, Stuttgart 2013. 255 S., 17,95 Euro.

Buchvorstellung: heute, Dienstag, 4. Juni, 21 Uhr im Cookies.