Mit seinem Langfilm-Debüt „Atlas“ führt Regisseur David Nawrath ohne Umwege in eine Welt, die im Kino sonst kaum existiert. Es ist eine Welt schlecht bezahlter und schlecht angesehener Arbeit.

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Einen Mann zu spielen, der handelt, indem er nicht handelt und spricht, indem er schweigt, gehört sicher zu den größten Herausforderungen für einen Darsteller. Rainer Bock kann das, er kann das so gut, dass der Titel „Atlas“ eigentlich ihm gebührt – und nicht der Figur, die sich selbst mit jenem Titan der griechischen Mythologie identifiziert, der zur Strafe die Weltkugel auf seinen Schultern tragen musste. Walter, der Mann, den Rainer Bock verkörpert, hat sich die Atlas-Gestalt auf den Unterarm tätowieren lassen. Ein Memento an eine Schuld, die er abtragen muss. Buchstäblich.

David Navrath entführt in eine dem Kino fremde Welt

Walter, bereits um die sechzig, schleppt Möbel, er arbeitet als Packer bei einer Spedition, die sich auf Zwangsräumungen spezialisiert hat. Gegen die Schmerzen, die seinem malträtierten Körper zusetzen, nimmt er Tabletten und legt sich nachts auf den Fliesenboden im Bad. Frühmorgens fährt er mit dem Bus von der Peripherie in die Stadt. Zusammen mit einem Trupp jüngerer Männer, begleitet von einem Gerichtsvollzieher (Thorsten Merten), macht er seine Arbeit ohne ersichtliche Regung und Worte.

Der Regisseur David Nawrath führt mit seinem Langfilm-Debüt ohne Umwege in eine Welt, die im Kino kaum existiert. Es ist eine Welt schlecht bezahlter und schlecht angesehener Arbeit. Das verbindet ihn mit dem Film „In den Gängen“ von Thomas Stuber, der 2017 den Mikrokosmos eines Großmarkts als Schauplatz einer Liebesgeschichte wählte. In beiden Filmen aber geht es nicht vordergründig um ein Milieu, sondern um Menschen, die ihre Vergangenheit gut in sich verschließen. Nawrath erzählt von einem verlorenen Vater und dessen Sohn und begibt sich damit auf ein besonders aufgeladenes Gebiet.

„Atlas“ thematisiert Männer in Clans

Oft ist der Opferstatus schnell etabliert, schuld war eine böse Mutter, die den Vater aus der Familie gestoßen hat, um die Kinder für sich allein zu haben. Eine Konstellation, die in den meist dokumentarischen Kampagnen-Filmen über Väter vor einigen Jahren häufig zu sehen war. Nawrath ist ein viel zu begabter Regisseur, um sich in diese Falle zu begeben. Er inszeniert die zufällige Wiederbegegnung von Walter mit seinem Sohn Jan, der als letzter Mieter in einem Frankfurter Altbau lebt und seit Jahren von Immobilienhändlern zum Auszug genötigt wird, als stillen Schockmoment des Vaters. Was dieser Impuls in seinem Inneren auslöst, bleibt lange verborgen, in den Handlungen – und Unterlassungen – Walters vermag man deren ausgeklügelte Logik lange nicht zu erkennen.

Eines ist klar: Walters Chef (Uwe Preuss) macht gemeinsame Sache mit einem arabischen Clan. Das Geschäftsmodell ist alles andere als realitätsfern: Die Speditionsfirma kauft mit dem schmutzigen Geld des kriminellen Clans heruntergekommene Altbauten in Innenstadt-Lage, drangsaliert und besticht die Mieter, bis das Haus leer ist und verkauft es dann zum zigfachen Preis weiter, den Hauptgewinn streicht der Clan ein, der Chef der Spedition bekommt eine satte Provision.

Was Moussa (Roman Kanonik), ein junger Mann aus dem Clan, vermasselt hat, um bei den Packern abgestellt zu werden, bleibt offen: Seine absolute Skrupellosigkeit und sein Sadismus werden ohne Rücksicht auf etwaige Rassismus-Vorwürfe, die den Filmemachern in der Finanzierungsphase tatsächlich gemacht wurden, gezeigt.

Rainer Bock spielt seine Rolle (Walter) überzeugend

Nawrath – selbst in Deutschland und Iran aufgewachsen – ließ sich gemeinsam mit seinen Produzenten Hans-Christian Schmid und Britta Knöller nicht hineingrätschen. Schmid, der ja als Regisseur selbst für ein genaues, gut recherchiertes Kino steht, war hier sicher der ideale Verbündete. Auch Nawrath erzählt an der Realität entlang, ohne dabei an emotionaler Wucht zu verlieren.

Rainer Bock lässt seinen Walter allmählich durchlässig werden. Es ist ein Kind – sein Enkel – das den schroffen Panzer mürbe macht und ihn zum Beschützer macht. Sein Sohn aber ähnelt dem Vater in seiner gefährlichen Sturheit, eine Konstellation, die auf ein Drama hinzuläuft. Wäre da nicht die junge, warmherzige Frau (Nina Gummich) des Sohnes. Am Ende ist klar: Die Familie bleibt das Sehnsuchtsziel dieser in sich verhakten Männer.