Eine Legende wird geweckt. Das 1982 in West-Berlin von Dimitri Hegemann gegründete Atonal-Festival für grenzgängerisch geräusch- und experimentierfreudige Musik soll nach 23 Jahren wieder auferstehen. Hegemann selbst, durch das Kreuzberger UFO und den Tresor am Potsdamer Platz Ende der Achtziger einer der Wegbereiter des Berliner Technobooms, nimmt es in die Hand. Der 1954 in Werl geborene Kulturarbeiter Hegemann kommt zum Gespräch in sein Weltrestaurant Markthalle in Kreuzberg.

Herr Hegemann, warum beleben Sie gerade jetzt das Festival wieder?

Für mich ging es zum einen um eine Bestandsaufnahme, sozusagen als Reality-Check. Mal sehen, was die alten Helden so treiben, Leute wie der Noiseavantgardist Glenn Branca etwa oder der Industrialpionier Z’EV. Zum anderen bin ich einfach neugierig auf Leute, die zeitgenössisch und abseits ihrer Club- oder sonstigen Tätigkeiten in unserem Atonal-Sinne forschen. Wir übergeben das Festival ja auch symbolisch an die junge Generation.

Eine Staffelübergabe? Wie meinen Sie das?

Das Programm haben wir mit einem jungen Team gestaltet: Harry Glass, Paulo Reachi, selbst DJ und Chef des Airdrop-Labels, und Laurens von Oswald, der gerade mit Technolegende Juan Atkins und dem Berliner Dubtechno-Erfinder Moritz von Oswald, seinem Onkel, im Studio war, und die beiden auch auf dem Atonal präsentiert.

Wieso haben Sie 1990 aufgehört?

Wir haben eigentlich nur eine Pause eingelegt. Es hatte sich sozusagen der Auftrag geändert. Schon das letzte Atonal, kurz nach der Wende, war mit Leuten wie 808 State oder der heutigen Techno-Legende Jeff Mills ein Brückenfestival. Die Elektronik war sehr auf dem Vormarsch, aber vor allem wurde das Pubikum jetzt zum Star. Man hatte in Berlin bis dahin doch eher Bewegungslegastheniker, die eine Sensation wollten. 1990 war Tanzen angesagt, der Tresor war noch neu – es musste alles erst noch geordnet werden.

Adi Schröder schrieb 1982 im Programm von einer neuen Art des Sehens und Hörens.

Ursprünglich wollten wir einfach eine Plattform für diese nicht-konformistische Musik sammeln, die man damals als Berliner Krankheit zusammengefasst hat, das Umfeld der „Genialen Dilletanten“, Bands wie die Neubauten, Malaria! oder Frieder Butzmann, der jetzt auch am Eröffnungstag für uns Schwitters „Ursonate“ bearbeitet. Eigentlich habe ich den Begriff von Alban Berg, der damit Musik jenseits der Vorschriften meinte. Atonal war ja mal ein Schimpfwort. Mittlerweile ist es eine anerkannte Gattung, auch weil sie so viel mehr integrieren kann als der Mainstream.

Wie haben Sie das Festival damals organisiert?

Der Senatsrockbeauftragte Bernd Mehlitz, Gott hab ihn selig, hat die Idee unterstützt. So hatten wir beim ersten Mal im SO 36 noch 20.000 Mark, danach haben wir das komplett auf eigene Kappe betrieben. Im zweiten Jahr wurden wir auch schon international mit Psychic TV und Test Dept. Wir waren neugierig und leidenschaftlich, aber wir wussten nicht wirklich, was wir machten. Wir haben zum Beispiel Psychic TV in einer Etage eines besetzten Hauses untergebracht, wo sie dann abspülen mussten. Das Atonalistendasein war durchaus riskant. Als im SO 36 die Neubauten ihren Auftritt sägten, hatte ich mich im Backstage mit jemandem unterhalten. Da krachte auf einmal – rumms – so eine Bohrspitze durch die Wand. Gerade dieses Extatische war natürlich das Großartige.

Aber das Extatische wirkte doch nicht nur auf Wände, die Löcher bekamen?

Natürlich nicht. Die Anti-Group hatte eine Monitorwand aufgebaut und durch ihre Frequenzforschung 700 Leute im Grunde hypnotisiert. Die standen eine Stunde nach dem Konzert noch bewegungslos rum. Und Genesis P. Orridge erscheckte vielleicht mit seinem schauerlichen Video vom Piercing seiner Eichel, aber er war hier der erste, der A/V, also die Verbindung der Musik mit der visuellen Ebene in die Diskussion brachte. Heute malen die Komponisten mit ihren Computern auch ganz selbstverständlich die Musik.

Durch die elektronische Musik hat sich aber auch die definierende Grundhaltung sehr aufgefächert.

Der offensichtliche Unterschied besteht ja im Computer, den es damals noch gar nicht gab. Entsprechend hat man statt Bandprojekten eher den Einzelnerd, mit allen Schwächen und Gefahren. Aber es gibt das Bedürfnis nach dem Atonalen, und auch eine Rezeptionsgeschichte von zum Beispiel Industrial nach Ambient, Techno und ernster Musik. Paulo, Laurens und Harry stellen mit Leuten wie dem Droneexperimentellen Paul Jebanasam oder härteren Technoproduzenten wie Vatican Shadow oder Actress ihr jüngeres Programm vor, und wir schicken ihnen ein paar alte Propheten. Womit wir hoffentlich auch ein paar Ältere ermutigen, sich wieder auf so etwas einzulassen.

Mit dem Club Transmediale und Orten wie dem Berghain gibt es in Berlin heute nicht wenige atonale Repräsentanzen.

Das alles kommt Berlin zugute. Das CTM zum Beispiel forscht im Winter, wir kommen nun ein halbes Jahr später. Früher gab es ja auch E-Werk, Bunker und Tresor zugleich. Ich denke eher, es gibt da wunderbare Möglichkeiten für Synergien.

Für die Veränderung der Sphäre steht auch das alte Kraftwerk, in dem das Festival stattfindet.

In den Weddinger Panke-Hallen 1983 haben wir zum Beispiel Strom und Heizung von der Baustelle bekommen, und ich habe zwei Kamele durchs Publikum geführt, weil ein Zirkus dort sein Winterlager hatte. Nach dem Mauerfall wiederum nahm man sich die Räume, ohne lang zu fackeln, weil es ja nicht mal eine Behörde für die Genehmigungen gab. Heute sucht auch die etablierte Kultur nach außergewöhnlichen Räumen, das Staatsballett tanzt im Berghain, die Berliner Festspiele können sich vorstellen, im Kraftwerk Theater zu spielen. Es war ein enormer Aufwand an Zeit und Geldauftreiberei, das wundervolle Kraftwerk fürs Publikum zugänglich zu machen, wobei wir immerhin auch Geld vom Music Board bekommen haben.

Der Ort führte dann auch zum stolzen Untertitel „Forming Space“?

Ich bin erst spät auf Raum als Kategorie beim Erleben von Musik gekommen. Ich habe einmal das Kronos-Quartett in der Akademie der Künste gesehen. Das war ein toller Vortrag eigentlich, aber man saß da im Neon wie in der Vorhalle der Sparkasse Oldenburg: Das ist so wesentlich! Bei unserem Volumen – hundert mal fünfzig mal dreißig – produzieren wir eine wunderbare Klangwolke. Der Klangraum transzendiert die Architektur. Und deshalb, ja wirklich!, garantiere ich für unvergessliche Erlebnisse.

Gespräch: Markus Schneider.