Paula Kober als Tochter Lavinia in „Mourning becomes Electra“, in der Volksbühne.
Foto: David Baltzer

BerlinEs liegt ein eigentümlicher Fluch auf der Volksbühne. Nichts Schlimmes, aber doch Zähes, selbst Verhängtes, das ihr seit Saisonbeginn noch nicht viel Fortune einbrachte und wohl bis Saisonende bleiben wird: die Antike als Spielzeitthema. Der Atridenfluch ging als „Orestie“ und ihre Nebengeschichte „Iphigenie“ bereits mit durchwachsener Durchschlagskraft über die Bühne. Am Freitag nun durfte die 33-jährige Regisseurin Pinar Karabulut die dritte Atriden-Variante in ihr so farbenfrohes Poptheater verpacken: „Mourning becomes Electra“ von Eugene O'Neill, bekannter vielleicht unter dem deurschen Titel „Trauer muss Elektra tragen“.

Oft trifft man die Aischylos-Adaption O'Neills nicht mehr auf hiesigen Bühnen an, die das Familiendrama um Agamemnon, seine mordende Gattin Klytaimnestra und ihre rachsüchtigen Kinder Elektra und Orest in das kalt erstarrte Ostküsten-Anwesen des General Mannon kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg verlegt. Zu melodramatisch mutet heute an, wie gnadenlos auf die Libido fixiert O'Neill den antiken Stoff in den 20er-Jahren psychologisierte. Die Hölle, das ist nichts Religiöses oder Politisches mehr, sondern die Familie selbst und ihre unterdrückten, inzestuösen Macht- und Liebesschwüre: Tochter begehrt Vater, Mutter liebt Sohn, Tochter hasst Mutter, vor allem hasst Mutter Vater, und am Ende sind alle tot oder scheintot.

Dass Karabulut hier ansetzt und die Traumastränge des Familiennetzes aufschneidet und zu einem surrealen Horror-Splatterfilm-Theaterverschnitt sampeln würde, durfte man erwarten. Und ihr Mut, sich den Stoff mit Schwung anzueignen, sei auch gelobt. Nur hat sie bei all ihrer Formspielerei die Stränge des „Wohin“ und „Wozu“ über zweieinhalb Stunden heillos verloren. Schauspielernummern zerfleddern in Endlosschleifen, wenn Sabine Weibel als Mutter Christine das Bates'sche Fleischermesser gar nicht mehr aus der Hand legen will und bis zu ihrem Selbstmord nur noch Stühle rückt oder wenn Paula Kober als störrische Tochter Lavinia ihre Schuld durch trashige Tricks wegzuzaubern sucht.

Traumsicher stellt die Bühnenbildnerin Michela Flück den Haushalt auf den Kopf. Sabine Waibel als Mutter Christine Mannon.
Foto: Davids/Christina Kratsch

Der gesamte erste Teil der Trilogie über die Heimkehr des Patriarchen aus dem Krieg flimmert nur als Theaterfilm über das Bühnenportal. Doch zitiert schon diese Familienaufstellung aus den Innereien des Volksbühnen-Palastes von Fassbinders „Petra von Kant“ über Kubricks „Shining“ und „Rosemaries Baby“ (Polanski) bis zu Hitchcocks „Psycho“ mindestens ein halbes Dutzend Horrorfilmklassiker, die dem Ganzen seinen Drive geben. Dann öffnet sich der Vorhang und das Mannon'sche Haus steht sofort traumsicher auf dem Kopf und dreht sich in wechselndem Licht von blutrot zu giftgrün. Ein pop-ironisches Hysterietheater unter 70er-Jahre-Maske. Stylisch, aber belanglos zerspielt.

Volksbühne, 17.-20.10., 19.30 Uhr, Tel: 24065777