Wer liest, ist auch in Zeiten des sozialen Distanzierung nicht allein.
Foto:  dpa/Sebastian Gollnow

BerlinDie Vergangenheit kann zum Historischen gerinnen, wo sie dann gebannt scheint, oder sie kann lauern „wie ein geisterhafter Verwandter in einer Daguerreotypie, der immer da gewesen war und unmöglich länger ignoriert werden kann“ – und dann die Gegenwart umtreibt.

Das Bild für die Macht des Vergangenen findet sich in Attica Lockes zweitem Roman um den schwarzen texanischen Ranger Darren Mathews, „Heaven, My Home“. Mathews wird zum abgelegenen Caddo Lake geschickt, wo ein weißer Junge verschwunden ist. Die Suche bringt wesentlich mehr ans Tageslicht, als es dort, wo die Arische Bruderschaft ihr schmutziges Unwesen treibt, wo Hautfarbe den großen Unterschied macht, und wo noch ein paar versprengte Ureinwohner vom Stamm der Caddo leben, vielen lieb ist.

Natürlich geht es am Ende um Geld, in Amerika geht es immer um Geld, Locke geht es jedoch um das neue Amerika, das Donald Trump hervorgebracht hat und das vieles infrage stellt, was in den Jahrzehnten davor an Emanzipation und Integration erreicht worden war, und das nun dazu bereit ist, die so mühsam eröffneten unterschiedlichen Perspektiven auf dieselbe Geschichte – die der Indianer, der Sklaven, der Siedler, der Mörder – wieder zu vernebeln. 





USA

Attica Locke: Heaven, My Home

Kriminalroman. Deutsch von Susanne Mende. Polar, Stuttgart 2020. 328 S., 22 Euro

Bis aus Mercedes Rosendes Roman „Falsche Ursula“ ein veritabler Krimi wird, muss man etwas Geduld mitbringen, bekommt in der Zwischenzeit jedoch reichlich Abwechslung: eine Sitzung der Weight Watchers, Wunschträume, eine gynäkologische Untersuchung, Besuch bei den Steinreichen, heißen Sex, Krawall-TV. Und es gibt Andeutungen einer merkwürdigen Entführung.

Bis dann Ursula López Anrufe bekommt und eine Lösegeldforderung für ihren Mann eingeht. Ursula hat zwar keinen Mann, nimmt die Sache aber in die Hand. Mercedes Rosende aus Montevideo hatte vergangenes Jahr mit ihrem ersten ins Deutsche übersetzten Roman „Krokodilstränen“ einen Überraschungserfolg; jetzt legt der Unionsverlag mit „Falsche Ursula“ einen früheren, genauso witzig und clever konstruierten Roman nach, in dem die dicke Ursula mit der verzweifelten Energie der Verliererin ihr Leben in den Griff zu kriegen versucht, um dann eine Riesenchance beinah in den Sand zu setzen. Rosende mischt gekonnt Sozialreportage, Versatzstücke des Genres und schrillen Humor und schreibt sich so souverän in die Riege der neuen Krimiautorinnen wie Hannelore Cayre, Denise Mina oder Patricia Melo ein, die dem Genre derzeit  neue Facetten abgewinnen. 





Uruguay

Mercedes Rosende:  
Falsche Ursula
 

Kriminalroman. Deutsch von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich 2020. 208 S., 18 Euro