Black Lives Matter Mahnwache gegen Polizeigewalt und Rassismus auf dem Marienplatz. Görlitz.
Foto: imago images/Matthias Wehnert

BerlinVor nicht allzu langer Zeit, als man sich noch relativ unbeschwert unter viele Menschen begeben konnte, waren meine Frau, die in Indien geboren wurde, und ich zu einer Party in Charlottenburg eingeladen. In der Altbauwohnung fanden sich ausschließlich weiße Menschen zusammen. Wir waren gerade angekommen, da deutete ein Unbekannter auf meine Frau und schritt durch die Menge auf sie zu. Den Zeigefinger ließ er ausgestreckt, bis er fast ihren Nasenring berührte. Dann rief er: „Indien! Richtig?“

Ich schämte mich für sein Verhalten. Der Mann hatte meine Frau herausgepickt, weil sie in der weißen Gesellschaft herausstach. Sie behandelte ihn trotzdem höflich und war keineswegs überrascht, vielmehr froh, als sich der Mann als harmlos herausstellte. Er wollte lediglich wissen, wo sich der spirituellste Ort Indiens befände. Meine Frau war erleichtert. In Deutschland hat sie schon viel schlimmere Erfahrungen gemacht.

Spuren des Rassismus

Einmal war sie mit dem Fahrrad unterwegs. Auf der Friedrichsstraße hielt sie bei Rot. Neben ihr bremste ein Mopedfahrer. „Du stehst falsch“, rief er ihr zu. „Ich glaube nicht“, erwiderte sie schroff. Er lehnte sich zu ihr herüber, ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt. „Stell Dich dahin, wo Du hingehörst!“ Er deutete mit dem Finger auf den Straßenrand.

Solche Begegnungen gehören zum Alltag meiner Frau. Sie hat mich sehen lassen, was ich als deutscher weißer Mann aus Oberbayern sonst niemals gesehen hätte: Deutschland hat ein massives Rassismus-Problem. Wir schauen auf die USA, sympathisieren mit den Black-Lives-Matter-Demonstrationen, protestieren für George Floyd, aber realisieren gar nicht, dass Alltagsrassismus mitten unter uns ist – selbst im liberalen Berlin. Wir müssen nicht erst in die USA schauen. Der Kolonialismus hat auch hier tiefe Spuren hinterlassen. Spuren, die meine Frau jeden Tag spürt.

Der in München geborene Schriftsteller Christopher Kloeble
Foto: dtv/Jens Oellermann

„Blackfacing“ in Deutschland kein Problem?

Dieses Frühjahr habe ich einen Roman über Kolonialismus in Südasien veröffentlicht. Bei einer Lesung kam ich auf die oben erwähnte Party-Begegnung zu sprechen. Der Moderator – ebenfalls weiß – spielte die Problematik herunter, behauptete, Klischees im Kopf zu haben sei ja menschlich. Er wollte das Thema weglachen. Ich widersprach und bestand darauf, dass man ein solches Verhalten nicht akzeptieren könne. Der Moderator hielt dagegen. Er relativierte und rechtfertigte seine Meinung mit einer Anekdote von einer Reise nach Ägypten. Dort hätte ihn ein Einheimischer aufgrund seiner Hautfarbe als Deutschen entlarvt. Also alles nicht so schlimm!

Mir bewies diese Diskussion einmal mehr, wie tief die rassistische Fäulnis in der deutschen Gesellschaft verankert ist. Auf einer Kindergeburtstagsfeier echauffierte sich eine Mutter, dass man heutzutage seine Kinder nicht mehr schwarz anmalen und wie eine afrikanische Kriegerprinzessin verkleiden könne. Die Mutter schob gleich hinterher, sie sei sich natürlich der Debatte ums Blackfacing bewusst. In Holland oder Belgien, „solchen ehemaligen Kolonialstaaten“, müsse man das diskutieren. Aber in Deutschland? Das sei doch hier alles kein Problem.

Die Deutschen wissen nichts über ihr koloniales Erbe

Schließlich, sagte sie, hatten wir ja keine Kolonien. Ich hatte still zugehört. Nun aber erhob ich Einspruch, erwähnte Bismarcks Kolonien in Deutsch-Südwestafrika (heute: Namibia) und die brutalen Vergehen an den Herero und Nama. Wahrscheinlich wusste sie nicht, dass die Deutschen 1904 einen Genozid verübten und dort die ersten deutschen Konzentrationslager errichteten. 60.000 Herero und Nama sind dabei ums Leben gekommen.

Die Mutter nickte nur. Sie gab nicht auf und rechtfertigte sich: „Mein weißes Mädchen will ein schwarzes Mädchen sein, weil sie Kriegerprinzessinnen bewundert. Das ist doch kein Rassismus.“ Sie wollte einfach nicht einsehen, dass auch Deutschland ein koloniales Erbe hat. Die deutschen Kolonien waren 1914 das an Fläche drittgrößte Kolonialreich nach dem britischen und französischen. Gemessen an der Bevölkerungszahl lag es an vierter Stelle nach den niederländischen Kolonien. Bis 1919 regierte Deutschland über Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika (heute: Tansania, Burundi und Ruanda) und noch viele andere Schutzgebiete. Ein Wissen, von dem viele Deutsche überhaupt nichts ahnen.

Der Kolonialismus wirkt weiter

Die Mutter blieb stur: Sie sei ja nicht rassistisch. Diesen Satz habe ich schon oft gehört. Meistens von weißen Menschen. Anstatt auf die Opfer von Rassismus zu hören, ihre Unrechtserfahrungen anzunehmen, definieren wir aus unserer Machtposition heraus, was rassistisch ist und was nicht. Jemanden „von woanders“ als faul zu bezeichnen, ist rassistisch. Jemanden „von woanders“ das Kompliment zu machen, seine Hautfarbe sei „so schön braun“, ist es angeblich nicht. Warum sollte es an uns Weißen liegen, darüber zu entscheiden?

Die Wahrheit ist: Wir Weißen wollen nicht verstehen und akzeptieren, wie sehr unsere Weltsicht von den kolonialen Eroberungsfeldzügen des 19. Jahrhunderts geprägt ist. Die Beziehung zwischen Indien und Großbritannien ist vielleicht das eindrücklichste Beispiel. In Indien sind die Folgen der britischen Expansionspolitik selbst heute, über siebzig Jahre nach der indischen Unabhängigkeit, noch lange nicht überwunden. Der Kolonialismus wirkt weiter in der Seele des Landes. Helle Hautfarbe wird in allen Klassen favorisiert und in Drogerien füllen sogenannte „Fairness Creams“ ganze Regale. So mancher Straßenladen trägt einen Namen wie „Oxford Copy Shop“ oder „British Man Hair Saloon“.

Die in Ahmedabad geborene Autorin Saskya Jain
Foto: privat

Hat Indien von den Briten profitiert?

Wenn es ihnen finanziell möglich ist, schicken Eltern ihre Kinder auf Universitäten in England oder den USA. Das schindet Eindruck bei den Bekannten und verspricht sozialen Aufstieg. Wer kein Englisch spricht, gehört nicht zur Oberklasse – auch wenn dieses Englisch heutzutage zunehmend Amerikanisch klingt, weil die Vereinigten Staaten seit einiger Zeit der Sehnsuchtsort Nummer eins sind.

Das Verhältnis zum Ex-Kolonialherren ist ambivalent. Großbritannien wird nicht strikt als ehemaliger Unterdrücker abgelehnt. Dafür verbindet beide Länder zu viel Geschichte. Ein „Britisher“ mag sich in Indien, besonders im zunehmend nationalistischen Indien dieser Tage, nicht unbedingt großer Beliebtheit erfreuen, doch er wird dort kaum auf offenen Widerstand treffen.

Der Kolonialismus hat aber nicht nur die Seelen der Kolonisierten erobert, sondern auch die der Kolonialherren. In England wird die historische Verknüpfung ihres Landes mit Indien noch immer gerne als positiv für beide Seiten gedeutet. Als in der „Oxford Union“ über Reparationszahlungen an die ehemaligen Kolonien debattiert wurde, ging es zunächst darum, ob Indien von der kolonialen Herrschaft der Briten profitiert oder darunter gelitten habe.

Großbritannien hat sich nie entschuldigt

Führende britische Denker werfen die Schaffung des weit umspannenden Schienennetzes auf dem Subkontinent in die Waagschale. Als ob Züge nicht in erster Linie für Briten und deren Interessen bestimmt gewesen wären. Das ruft Erinnerungen wach an die haltlose Behauptung, Hitler habe nicht nur Schlimmes getan. Er habe ja immerhin Autobahnen gebaut. Noch so ein dummes Pro-Kolonien-Argument: Demokratie. Man habe sie Indien geschenkt. Shashi Tharoor, ein indischer Jurist, Politiker und Schriftsteller, widersprach eloquent: Man könne doch nicht Millionen Menschen zweihundert Jahre lang versklaven, unterdrücken und morden – und sich am Ende als der Überbringer von Demokratie feiern lassen. Demokratie wurde Indien lange verwehrt, die musste es sich selbst erkämpfen.

Hier zeigt sich gerade, wie stark der Kolonialismus fortwirkt. Großbritannien hat sich nie offiziell für die Vergehen seiner kolonialen Herrschaft entschuldigt. Zuletzt sträubte sich David Cameron dagegen. Als erster Premierminister Großbritanniens besuchte er die Grünanlage Jallianwala Bagh im Punjab (wo viele Sikhs leben, keine unbedeutende Minderheit bei britischen Wahlen). Am selben Ort waren 1919 mindestens 370 friedlich Protestierende, darunter Frauen und Kinder, von den Briten niedergemetzelt worden. Cameron bezeichnete das Massaker als beschämendes Ereignis. Aber eine Entschuldigung hielt er für unangebracht.  

Auch die Deutschen hatten Kolonien. Auf dem Bild: Ein preußischer Besatzer 1918 in der preußischen Kolonie Kamerun.
Foto: imago-images

Auch Humboldt hat am Kolonialismus mitgewirkt

Da möchte ich unbedingt widersprechen. Ich glaube, es geht genau darum: Sich der eigenen, schmerzhaften Vergangenheit zu stellen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Das gilt nicht nur für Engländer, sondern gerade für uns Deutschen. Wir wissen nichts über die deutschen Kolonien, machen uns keine Gedanken, welche Denkmäler auf die brutale deutsche Expansionspolitik verweisen, welche Traumata diese Denkmäler auslösen können. Wir haben keine Ahnung, wie sehr die Kolonialgeschichte unseren Blick auf „das Andere“ prägt. Nur wenn wir uns ehrlich erinnern, hilft uns das, zu verstehen, wer wir sind. Tun wir das nicht, erschaffen wir ein falsches, ein gefährliches Selbstbild. In Großbritannien wird Kolonialismus bis zum heutigen Tag kaum gelehrt. In Deutschland kommt Kolonialismus nur als Fußnote in den Lehrplänen vor.

In der Schule habe ich nicht gelernt, dass tausende Soldaten aus Hannover die Briten bei kolonialen Kriegen auf dem Subkontinent unterstützt haben. Mir wurde auch nicht beigebracht, dass die deutsche Wissenschaft – mit Unterstützung Alexander von Humboldts – in Indien und Hochasien holistisch Daten gesammelt hat, die von der britischen „East India Trading Company“ verwendet wurden, um ihre Macht auszubauen.

Der Irrglaube sitzt tief

Weder erfuhr ich von der großen Rebellion 1857 gegen die „Company“, noch war mir klar, dass erst nach der brutalen Niederschlagung dieses Aufstands Indien offiziell britische Kolonie (und weiterhin kolonial ausgebeutet) wurde. In keiner Unterrichtsstunde habe ich erfahren, dass 1943 drei Millionen Menschen während der berüchtigten Hungersnot in Bengalen verendet sind, weil die Briten es vorgezogen hatten, die Nahrungsmittel aus der Region an ihre Soldaten in Griechenland zu senden.

Das vielleicht schwerwiegendste Erbe der Kolonialzeit ist der Rassismus. Wie konnten die Europäer andere Teile der Welt unterdrücken und ausbeuten, obwohl sie doch an die Werte und Ideale der Aufklärung glaubten? Rassismus war die Lösung. Rassismus erlaubte ihnen, sich über andere zu stellen und im Namen dieser behaupteten biologischen Überlegenheit Herrschaft zu beanspruchen. Dieser Irrglaube sitzt tief in unserer Seele und beeinflusst bis heute unser Denken und Handeln – auch in Deutschland, auch in Berlin. Wir müssen uns endlich von dieser Kolonisierung befreien.

Christopher Kloeble lebt als Schriftsteller in Berlin und Neu-Delhi. Im Februar 2020 erschien bei dtv sein Roman „Das Museum der Welt“.