Die Bilder vom Kiewer Unabhängigkeitsplatz befremden. Da wird, mitten in einer modernen Großstadt mit funktionierender Infrastruktur, ein primitives Zeltlager aufgeschlagen. Dutzende Lagerfeuer brennen, darum werden aus Schnee und Brettern haushohe Wälle errichtet. Frauen rühren in großen Suppenkesseln, und Männer stehen in selbstgebastelten Rüstungen Wache, mit Beinschienen aus Isomatten und Klebeband. Geld hat seine Bedeutung verloren in diesem seltsamen Lager, es herrscht Naturalwirtschaft. Man könnte meinen, man sei auf ein Mittelalterfestival geraten und nicht auf eine politische Demonstration.

„Immer archaischer“ gehe es in Kiew zu, erklärte der russische Fernsehjournalist Dmitri Kisseljow neulich seinen Zuschauer, „altafrikanische Schlachtordnungen“ wollte er sogar gesehen haben, und dazu sah man, wie ein Demonstrant mit klammen Fingern eine Speckscheibe an einer glühenden Öltonne röstet. Seht her, war die Botschaft, auf dem Maidan leben sie wie in der Steinzeit! Das war natürlich böse gemeint, schließlich ist Kisseljow Chefpropagandist des Kremls – soeben hat ihn Wladimir Putin zum Leiter einer entsprechenden Agentur gemacht.

Die Botschaft der westlichen Medien ist eine andere. Dort wird der Maidan als Erwachen der Zivilgesellschaft gedeutet, als Aufbruch in die Zukunft. Aber weder die eine noch die andere Deutung ist so ganz zur Deckung zur bringen mit dem, was man in Kiew sieht. Eine studentisch-gesittete Facebook-Revolution ist das jedenfalls nicht. Es reicht, nachts einen Blick in das Rathaus der Stadt zu werfen. Da schlafen in den Gängen die Freiwilligen der ultrarechten Swoboda-Partei, Männer mit schwieligen Händen und einfacher Kleidung. Das ist hier kein fröhlicher Karneval mit witzigen Karikaturen, es ist wilder, vielfältiger und gröber.

Das gilt auch für die Reden. Da werden zum Teil archaische Töne angeschlagen, da wird dem Gegner abgesprochen, dass er Ukrainer, ja dass er Mensch ist. Die Sprache passt zum beißenden Rauch der Lagerfeuer, zum stündlichen Absingen der Nationalhymne. Es ist nicht mehr die Sprache des politischen Konflikts, sondern die des Bürgerkriegs. Die Stammesgesellschaft definiert ihre Grenzen. Das heißt nicht, dass alle auf dem Platz in diesen Kategorien denken würden. Es wimmelt dort an nachdenklichen Menschen, von denen man sich wünscht, dass sie die Zukunft des Landes bestimmen dürfen. Aber je länger der Konflikt dauert, desto einfacher werden die Losungen, desto klarer die Grenzen zwischen „uns“ und „denen“.

Die archaischen Szenen auf dem Unabhängigkeitsplatz sind aber nur das Spiegelbild einer Archaisierung der Herrschaftsverhältnisse. Und das ist etwas, wovon Dmitri Kisseljow wohlweislich schweigt.

500 Millionen aus dem Nichts

Seit Präsident Viktor Janukowitsch ins Amt gekommen ist, hat ein rasanter Wechsel des Gesellschaftsmodells stattgefunden. Bis dahin war die ukrainische Politik weitgehend in der Hand einer schmalen Gruppe von Oligarchen. Manche – die Donezker Industriebarone – gehörten zu Janukowitschs Lager, andere zu dem von Präsident Jutschtschenko, dritte zu dem von Premierministerin Timoschenko. Ein Wechsel zwischen den Lagern war stets möglich, wie all die Jahre zeigten.

Es war ein Modell, das die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Ukraine behinderte, aber es ließ immerhin zu, dass die Ukraine als Staat fortbestand – worauf nach dem Zerfall der Sowjetunion nicht alle Beobachter gewettet hätten, schließlich war der junge Staat von Anfang an zwischen West und Ost zerrissen. Das Oligarchie-Modell basierte auf – oft hässlichen – Kompromissen und darauf, dass in entscheidenden Momenten auf Gewalt verzichtet wurde.

Viktor Janukowitsch hat nur drei Jahre und eine kalte Verfassungsänderung gebraucht, um dieses System zu ruinieren. Er hat die Macht der Oligarchen eingedämmt und stattdessen seine eigene Familie und ihr Umfeld bereichert. Sein Sohn ist aus dem Nichts zu einem Vermögen von 500 Millionen Dollar gekommen, so etwas ist auch für die Ukraine etwas Neues, Spektakuläres. Wie Frankensteins Monster, das sich vom Willen seines Schöpfers freigemacht hat, versetzt der Präsident jetzt seine eigenen Gönner in Angst. Er ist längst nicht mehr die Marionette des Donezker Multimilliardärs Rinat Achmetow, als die er anfangs galt.

Die Herrschaftsstruktur hat sich rasant vereinfacht, und mit ihr die Umfangsformen. Die Führung um Ex-Präsident Juschtschenko und Ex-Premier Timoschenko mag korrupt gewesen sein; aber sie hatte einen anderen biografischen Hintergrund als ihre Nachfolger, die aus dem kriminellen Milieu der Ostukraine in den Neunzigern stammen. Für Janukowitsch ist es gar nicht vorstellbar, dass die Menschen auf dem Maidan demonstrieren, ohne dafür bezahlt zu werden.

Anfang dieser Woche traf Janukowitsch mit seinen drei Amtsvorgängern zusammen. Da sah man die ganze Geschichte dieses jungen Staates gewissermaßen an einem Tisch versammelt. Die drei Ex-Präsidenten sind unbeliebt, besonders Leonid Kutschma und Viktor Juschtschenko. Und doch gestehen die Kritiker ihnen eines zu: Dass sie den Ehrgeiz hatten, die Ukraine als Staat zu erhalten und in diesem Staat mehr zu sehen als ein Machtinstrument.

Feudalistische Strukturen

Da ist Janukowitsch anders. Für ihn gibt es nur, was man anfassen und in die Tasche stecken kann. Unter ihm ist der Staat wieder zum Personenverband geworden, wie einst im Feudalismus.

Das alles muss man sich dazu denken, wenn man die befremdlichen Bilder vom Unabhängigkeitsplatz sieht. Ob auf dem Maidan gerade die Zukunft der Ukraine entsteht, oder ob hier ein Staat in seiner bisherigen Form zerbröselt, das ist noch ungewiss. Vor neun Jahren, in der Orangen Revolution, war die Situation viel einfacher. Der Streit ging ja um eine angefochtene Wahl, also ließ man neu wählen. Das war im Interesse aller Bürger, ob im Westen oder Osten.

Diesmal ist nicht offenkundig, wo der Ausweg aus dem Konflikt liegt, und wie ein gemeinsames Interesse zu definieren wäre. Oder, wie es ein Demonstrant in Kiew trocken formuliert: „Das ist jetzt ein Grabenkrieg. Und wer zuerst den Graben verlässt, der wird erschossen.“