David Graeber (1961–2020)
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Berlin„Im Jahr 1930“, schreibt der amerikanische Ethnologe in seinem berühmten Buch über die sogenannten Bullshit Jobs, „prophezeite John Maynard Keynes, die Technologie werde bis zum Ende des Jahrhunderts so weit fortgeschritten sein, dass Länder wie Großbritannien und die Vereinigten Staaten bei einer 15-Stunden-Arbeitswoche angekommen wären. Wir haben allen Grund zu glauben, dass er recht hatte. Aus technischer Sicht wären wir dazu durchaus in der Lage. Und doch kam es nicht so.“

Das irgendetwas nicht stimmt mit der modernen Arbeitswelt, hat der lange an der London School of Economics and Political Science lehrende Graeber auf ebenso pointierte wie unterhaltsame Weise in vielen seiner Bücher unter die Lupe genommen. In seiner besonderen Diktion bedeutete das jedoch immer mehr als eine bloße Vergrößerung des untersuchten Phänomens. Je näher Graeber einen Gegenstand ansah, desto ferner blickte dieser zurück. In Bezug auf die Arbeitswelt bedeutete das etwa, dass er sich mit nicht nachlassender Intensität mit Jobs und Berufen der Spätmoderne befasste, die niemand braucht. „Es ist, als würde sich irgendjemand sinnlose Tätigkeiten ausdenken, nur damit wir alle ständig arbeiten. Und genau da liegt das Rätsel. Im Kapitalismus sollte genau das eigentlich nicht eintreten.“

Die Paradoxien der Kultur des Kapitalismus hatten es ihm angetan, und der seltsamen Entdeckung des Homo oeconomicus, dass, wie Wilhelm Busch es einmal nannte, am Ende des Geldes meist noch sehr viel Monat übrig sei, widmete Graeber eine 600 Seiten umfassende Studie über die 5000-jährige Geschichte der Anhäufung von Schulden. Seit der Erfindung des Kredits, so Graebers grobkörnige These in seinem Buch „Schulden“, treibe das Versprechen auf Rückzahlung den Menschen in die Sklaverei. Zugleich zeigte David Graeber in seinem groß angelegten Panorama des geliehenen Geldes, wie sehr die Organisation von Geldschulden die Struktur unserer Gesellschaft und deren Moral geprägt habe. Nicht nur Spielschulden sind Ehrenschulden. Zugleich aber werden auch die vermeintlich Cleveren mit Anerkennung bedacht, denen es gelingt, aus den kleinlichen Mechanismen von Zahlung und Rückzahlung auszubrechen.

Wenn David Graeber aus seinen Büchern aufblickte, in denen er den kapitalistischen Widersprüchen auf die Schliche zu kommen versuchte, präsentierte er sich angriffslustig und anarchistisch zugleich. Er war besonders bei jungen Lesern beliebt und galt als Vordenker der Occupy-Bewegung, der es mit seiner historischen Analyse, wie die taz-Kritikern Ulrike Herrmann feststellte, bisweilen nicht ganz so genau nahm, wenn es um die Bestätigung seiner zugespitzten Thesen ging. Wie seine Ehefrau, die Künstlerin und Publizistin Nika Dubrovsky, auf Twitter bestätigte, ist David Graeber am Mittwoch in einem Krankenhaus in Venedig im Alter von 59 Jahren gestorben.