Die alten Japaner hatten vielleicht recht. Nicht ob etwas „schön“ sei oder „hässlich“, sondern ob es „meisterhaft“ gemacht ist, war entscheidend. Meisterhaft in der Balance zwischen Arrangiertsein und doch ganz Natur. Die Performerin Sharon Smith steht im Dämmer der HAU2-Bühne und steckt ein paar Blumen und Zweige zu einem Gesteck. Ikebana, erklärt sie, ist die perfekte Verbindung dieser zwei: Blumenleben und Blumenkunst. Und wie sie dann die Schere ansetzt, wird unverkennbar, dass sie noch einige Dekaden braucht zur Meisterschaft darin.

Die Blumenkunst spielt trotzdem eine zentrale Rolle in den zwei witzig-ernsten Stunden, in denen Sharon und ihre Gob Squad-Kollegen Berit Stumpf und Simon Will ihr mittlerweile 25-jähriges Performancetheater als eine Art menschliches Ikebana zerschnipseln und wieder zusammen stecken. Oder besser gesagt: wie sie das Leben in ihrer Kunst, die Kunst im Leben und das Sprechen darüber auf eine neue Meditationsstufe performativer Komplexität heben.

Ärgernis im Kulturkampf

Wer nun schon wieder den Kopf schüttelt über so viel Selbstbezüglichkeit, der irrt. Es ist hohe Zeit für lockere Bespiegelungsabende wie diesen, denn dass das Performance-Kunst hartnäckig als banale Authentizitäts-Show oder bloße Realitätsverdopplung von Ich-Performern missdeutet wird, gehört zu den Ärgernissen gegenwärtiger Kulturkämpfe.

Es stimmt zwar, auch Gob Squad treten nicht in fiktiven Rollen auf, sondern erst Mal als sie selbst. Doch ist dieses „Selbst“ immer das schillerndste Rollenkostüm, das sich denken lässt. Genau damit jonglieren die Performer in ihren offenen, durchdachten und riskanten Interaktion. Wie weit entfernt dieses performative Sichaussetzen einer solchen Spielsituation von bloßen Ich-Shows ist, demonstriert auch dieser Abend eindrucksvoll. Und was wäre besser dafür geeignet, als auf den rutschigen Spuren des Grenzgängers Dorian Gray zu tapsen, den der Großmeister der Ich-Illusion Oscar Wilde zum tragischen Romanhelden machte zwischen seinem lebendig werdenden Portrait und seinem künstlich einfrierenden Leben.

Angst vor dem Ich

Die Angst des Künstlers vor zu viel „Ich“ treibt also auch die drei Gob Squader an. Bevor sie nun versuchen, ihr „Material“ nach ihren Vorstellungen zu formen, verstecken sie sich selbst unter Strumpfmasken. Ihr „Material“ − das sind natürlich Menschen: drei betörend junge und drei sichtbar vom Alter gezeichnete Performer mit fantastischen Kopfbedeckungen, die nun in Posen und Portraits, als Spiegel- und Sinnbilder, Metaphern und Geschichten in Rahmen und Räumen arrangiert werden.

Abbilder? Nein, nie und doch immer. Die Tableaux vivants rappeln sich vom Albernen zum Komplexen, vom Kitschigen zum Nackten. Naiv ist das erst, aber am Ende weit und groß.

Termine: 4.-7.5., 20 Uhr, HAU2, T.: 25900427