BerlinEs sei schon mancher erfroren, aber keiner erstunken. Eine klassische Protest-Parole, wenn in deutschen Autos, im Zug, in Büros, Fabrikhallen, Kasernen oder Wohnungen die Fenster aufgerissen werden, um frische Luft in den Raum zu bringen. Jedenfalls bisher. Doch nun wird die Parole in Frage gestellt, auch wenn sie unbeirrbare Covid-19-Leugner sicher noch oft wiederholen werden. Das Lüften nämlich, besonders das Stoßlüften, gehört zu den empfohlenen, in Schulen teilweise sogar vorgeschriebenen Handlungen. Jetzt heißt es alle 20 Minuten: Herumliegende Papiere mit Steinen, Tassen, Lochern oder Stiftmappen festklemmen, Pullover und Schal an, dann Fenster und Türen auf. Durchzug. So sollen die in der Luft an Spuckepartikeln schwebenden – also „aerosolen“ – Viren sich verdünnisieren und aus dem Raum geweht werden.

Dabei galt frische Luft noch bis vor kaum 170 Jahren selbst in bürgerlichen Kreisen als gefährlich, als Einfallstor für Krankheiten, Auslöser von Erkältungen und Schlimmerem. Auch nach dem Untergang der Antike hielten christliche, jüdische und muslimische Ärzte nämlich fest an der antiken Miasmen-Theorie. Danach, so die griechischen Ärzte Hippokrates und Galen, brächten schlechte Düfte und Lüfte, entstanden in faulendem Wasser oder Nahrungsmitteln, die Krankheiten. Um also solche Miasmen vom eigenen Körper fern zu halten, trugen Doktoren Kräuterpäckchen vor der Nase, die für gefilterte und damit gesunde Luft sorgen sollten; als Karnevalsverkleidung sind dafür gedachte Schnabelmasken in Venedig bis vor kurzem noch populär gewesen, sie heute zu tragen, zeugt eher von Galgenhumor.

Immerhin, bei Krankheiten, die über die Luft übertragen wurden, garantierte der Schnabel wenigstens einen gewissen Abstand zwischen Kranken und Arzt. Gerade bei Krankheiten wie der Pest allerdings, die über Flohstiche, Hautkontakt und Körperflüssigkeiten übertragen wurden, waren Masken weitgehend wirkungslos. Im Unterschied zur ebenfalls aus der Miasmen-Theorie geborenen Idee einer Quarantänezeit, der sich Neuankömmlinge in einer Stadt unterwerfen müssen, um keine schlechten Düfte einzuschleppen, die sich durchaus als wirkungsvoll erwies.

Maske vor einem Souvenirgeschäft in Venedig: Früher trugen einige Pestdoktoren Schnabelmasken, die mit Kräutern und Flüssigkeiten gefüllt waren und vor Miasmen schützen sollten, die man damals als Ursache für die Pest hielt.
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Zwar galt schon im Mittalalter, aber dann besonders seit der Renaissance in Westeuropa und Nordamerika, dass sich Wohlstand auch durch große Gärten, große Fenster und hohe Türen annonciert, durch die gute, gesunde Lüfte in die Häuser dringen konnten. Doch um Frischluft im heutigen Sinn ging es nur sehr bedingt: Innen hingen schwere Vorhänge schon an den Fenstern und dann noch einmal rund um die Betten. In den Räumen stellte man gerne Becken mit duftenden oder sogar kokelnden Kräutern auf, die Fußböden wurden mit frischem Stroh und Kräutern wie Lavendel bestreut, damit der Dreck auf dem Boden nicht so gefährlich roch. Parfums dienten nicht nur dazu, attraktiv zu duften, sie ließen auch die Luft gesünder erscheinen und signalisierten eigene Gesundheit. Für ärmere Menschen waren bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Schlafkisten üblich, mit Schiebe- oder Klapptüren verschließbare Kojen in den Wänden, um Zug und Kälte abzuhalten. Ein scheinbarer Widerspruch in sich: Einerseits sollte es luftig sein, andererseits wurde der Schlafmuff geradezu erzwungen.

Doch ist das, was als Zug und was als gute, frische Luft gilt, keineswegs natürlich festgelegt, sondern kulturell und abhängig davon, was als Krankheit und als krankheitsauslösend betrachtet wird. Deswegen hatten die Pestwellen des 14. bis 18. Jahrhunderts, die Cholera oder die Syphilis für die Gesundheitsplanung, die Stadtplanung oder Architektur so auffällig geringe Folgen: Sie galten als Schicksal oder als Folgen von Miasmen. Erst, als um 1850 entdeckt wurde, dass nicht schlechte Lüfte, sondern Viren und Bakterien schuld sind an den meisten Krankheiten, brach die Miasmen-Theorie nach und nach in sich zusammen – auch wenn sie in esoterisch angehauchten oder von „Volksmedizin“ schwärmenden Kreisen bis heute gepflegt wird.

Dennoch: Die Entdeckung von Viren und Bakterien revolutionierte Hygiene, Gesundheits- und Stadtplanungspolitik, Krankenhauswesen und Geburtsmedizin, aber auch Stadtplanung und Architektur. Frische Luft wurde wie frisches Wasser zum Maßstab moderner Kultur schlechthin. Schon der 1879 erschienene, utopische Roman „Die 500 Millionen der Begum“ von Jules Verne konstruiert eine Idealstadt in Amerika, umweht von frischen Winden, durchflossen von frischem Wasser, mit regelmäßig zu reinigenden Fußböden und Wänden, dem absoluten Verbot von Teppichen, diesen trockenen Staub- und Virenfängern, und selbstverständlich großen Fenstern und Fenstertüren. Überall in Westeuropa und Nordamerika begann in dieser Zeit die Debatte, wie man das Wohnen in dunklen, schlecht belüftbaren Souterrainwohnungen verhindern kann, wurden Straßen breit angelegt, um Luft in die Städte zu bringen, Parks mit Bäumen und frisch sprudelnden Brunnen zum Standardrequisit der Stadtplanung.

Ein Entwurf von Hermann Blankenstein aus dem Jahr 1886/87: Das Klinikum Prenzlauer Berg in der Fröbelstraße.
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Es ist sicher übertrieben, wie es kürzlich geschah, die Geschichte der von Glas und weißen Wänden geprägten Avantgarde- Architektur des 20. Jahrhunderts ausschließlich als die eines Kampfes gegen Viren und Bakterien zu schreiben und das Krankenhaus zum Ideal der Moderne zu stilisieren. Doch zweifellos: Schon die Schulbauten des späten 19. Jahrhunderts wie jene von Hermann Blankenstein oder Ludwig Hoffmann in Berlin oder deren Krankenhäuser sind geprägt von der Parole „Licht Luft Sonne“. Der Siedlungsbau der 1920er, vor allem aber der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg richtete sich nach ihr. Unbedingt verhindert werden sollte, dass wieder Küchen ohne Querlüftung, Schlafzimmer ohne Fenster, Hinterhöfe ohne Durchzug entstanden.

Genauestens wird seither in Baunormen festgelegt, wie oft welche Zimmer natürlich oder technisch belüftet werden können, um Viren und Bakterien den Lebensraum zu verdünnen. Ganz nebenher wird dabei, wie die rheinland-pfälzische Bildungsministerin und derzeitige Vorsitzende der Kultusministerkonferenz Stefanie Hubig in dieser Woche im Deutschlandfunk konstatierte, auch der CO2-Gehalt in der Luft gesenkt.

Angesichts des ermüdenden Miefs, der in so manchem Klassenzimmer am Ende einer Stunde herrscht, fragt man sich also, warum Durchlüften alle 20 Minuten nicht viel früher eine Grundforderung der Hygiene war.