Die Brexit-Faust
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BerlinProfessionelle Leser, also Kritiker, Verlagsleute und Buchhändler, sind gern bereit, einem bemerkenswerten Stück Literatur das Attribut „kafkaesk“ zu geben. Das ist eine Auszeichnung. Der Brite Ian McEwan holt sich das Urteil gleich mit dem ersten Satz seines neuen Buches ab: „Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt.“ Jim Sams ist, wie jeder sofort erkennt, ein Verwandter von Kafkas Gregor Samsa. Allerdings: „Die Kakerlake“, wie das Buch heißt, erwacht nicht als Kafkas überarbeiteter Geschäftsreisender, sondern als Regierungschef Großbritanniens. 

 Jim Sams plagt sich kurz mit Eingewöhnungsschwierigkeiten, der Benutzung der Gliedmaßen, dem Brauch, sich zu bekleiden: „Seine Spezies war überaus stolz auf ihre schönen, glänzenden Leiber und wäre nie auf den Gedanken gekommen, sie zu verhüllen.“ Doch bereits während der ersten Kabinettssitzung schafft er es, eine Schmeißfliege vor seinen Augen einfach sterben zu lassen, anstatt sie zu verspeisen. Er hört zu. Meldungen der Meinungsforscher deuten auf eine Besorgnis der Befragten „darüber, wofür sie gestimmt, was sie entfesselt haben“. In der Sitzung wird die neue politische Linie beschlossen, das Ruder herumgerissen. „Vertagen Sie das Parlament für ein paar Monate“, sagt der Sonderberater. Spätestens von diesem Satz an gelingt es keinem Leser mehr, nicht an den Brexit zu denken.

Bundeskanzlerin Merkel fragt müde

Das schmale Buch von 133 Seiten in der deutschen Übersetzung von Bernhard Robben muss Ian McEwan ein dringliches Anliegen gewesen sein. Zwar versichert er im Vorspruch, „jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Kakerlaken wäre rein zufällig“, doch bereits die Vorgänge zum Vertuschen und Aufbauschen von Skandalen, die Mittel zum Ausschalten missliebig gewordener Mitstreiter kommen einem aus der Realität unangenehm vertraut vor. Ähnlichkeit mit Politikern vom britischen Premier Boris Johnson über die deutsche Kanzlerin (die sehr müde fragt: „Warum, zu welchem Zweck, zerreißen Sie Ihr Land?“) bis zum US-Präsidenten sind so sichtbar wie die Vorbilder in jeder guten Bühnen-Parodie. Bei Tupper jedoch, so heißt das Trump-Pendant, gestattet sich der Schriftsteller noch einen besonders bösen Scherz. Ian McEwan, Autor so großartiger Romane zu gesellschaftlichen Schlüsselfragen wie „Abbitte“ (2001) und „Kindeswohl“ (2014), der sich für ein neues Buch stets zwei und mehr Jahre Zeit gelassen hat, schrieb dieses sehr schnell. Dessen jüngster Vorgänger, die Dystopie „Maschinen wie ich“ war erst im Frühjahr erschienen. McEwan hängt an der Europäischen Union.  

Einen „Roman“ nennt der Verlag das Werk, doch schon in dem Vorspruch ist nur von „Novelle“ die Rede. Linear erzählt, rast die Handlung durch wenige Ereignisse. Die Widmung gilt dem Brexit-kritischen Historiker Timothy Garton Ash.

"Die Kakerlake“ entstand also an der Realität entlang, um zu erscheinen, bevor der EU-Ausstieg Großbritanniens vollzogen und nur noch traurige Erinnerung ist.   Darin liegt aber auch ein Problem des Buches. Aus jeder Seite ruft es den Lesern zu: Hallo, ich bin eine Satire! Man kann sich durchaus vorstellen, dass sich der Autor beim Schreiben zuweilen vergnügte. „Nichts war so befreiend wie ein engmaschiges Lügennetz“, denkt sich der Premier nach dem Einfädeln eines neuen Coups, der in die MeToo-Debatte passt. „Deshalb also wurden Menschen Schriftsteller.“ Man kann sich amüsieren über die immer neuen Einfälle, das britische Königreich zu isolieren. Da aber die Politik selbst die Leser derzeit im wöchentlichen Abstand neu das Haareraufen lehrt, kann Ian McEwans Fantasie gar nicht böse genug, die Satire kaum scharf genug sein.

Der Schlüssel zu Jim Sams’ Erfolg ist der „Reversalismus“, die „Umkehrfluss-Ökonomie“: Fürs Arbeiten muss man bezahlen, beim Erwerb von Waren erhält man Geld. Ian McEwan dreht Kafka um, indem er den Käfer zum Menschen macht. Und der dreht die Ökonomie um. Die Regierung arbeitet auf den „R-Day“ hin, den Tag, von dem an der Geldfluss seine Richtung ändert. Nicht auszudenken? Lesen Sie selbst!

Erinnerung an "Die Konferenz der Tiere"

In der fantastischen Literatur kommen Gestaltwandler häufiger vor, sonst gibt es  wenig Vergleichbares für McEwans Experiment. 1827 schrieb Wilhelm Hauff die Erzählung „Der junge Engländer oder Der Affe als Mensch“ über einen Mann, der seinen Affen in feines Tuch kleidete, ihn öffentlich tanzen ließ und von ihm behauptete, er sei des Deutschen nicht mächtig. Und es gibt Erich Kästners „Die Konferenz der Tiere“, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen, bei der sich die Vertreter aller Kontinente auf das einigen, was die Menschen nicht hinbekommen: ein friedliches Miteinander. „Die Kakerlake“ ist dazu ein bitteres Gegenstück. In diesem Buch regieren jene Tiere, die schon vor den Menschen die Erde bewohnten und auch einen Atomkrieg überleben sollen. Den Reversalismus sowieso.

Ian McEwan: Die Kakerlake. Aus dem Englischen von Bernhard Robben.  Diogenes, Zürich 2019. 134 S., 19 Euro