Der Wehrmachtssoldat Walter Proska (Jannis Niewöhner) auf Patrouille
Foto: NDR

Die Erinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren wären in normalen Zeiten ein großes Thema gewesen. Doch bei manchen Sendern ist der Blick derzeit verengt, zwischen Corona-Debatte und Zerstreuung. So warf das ZDF kürzlich das Drama „Ein Dorf wehrt sich“, angekündigt als „Fernsehfilm der Woche“, kurzerhand ohne Erklärung aus dem Programm. Im Film hatte sich ein Dorf in der Steiermark zusammengefunden, um im April 1945 die Sprengung eines Bergwerks durch die SS zu verhindern. Indes hat die ARD an ihrem Programm festgehalten. Die aufwendige Verfilmung des Siegfried-Lenz-Romans „Der Überläufer“ hat die Kraft, den Horizont wieder zu weiten und zu zeigen: Es gab schon ganz andere Krisen und Dramen mitten in Europa. „Krieg, das ist das grausam-lächerliche Abenteuer, in das sich Männer einlassen, wenn sie der Hafer des Wahnsinns sticht.“

Mit diesem Zitat aus dem Roman eröffnet der Film. Der Umgang mit dem frühen Werk ist eine Geschichte für sich. Denn „Der Überläufer“ ist erst 2016, zwei Jahre nach dem Tod des Autors erstmals erschienen. 1951, in Hochzeiten des Kalten Krieges, wagte der Verlag Hoffmann und Campe es nicht, einen Roman zu veröffentlichen, in dem ein Wehrmachtssoldat eine polnische Partisanin liebt und in der Uniform der Roten Armee nach Deutschland zurückkehrt. Der junge, gerade mal 25-jährige Autor, blieb seinem Verlag loyal verbunden, das verhinderte Buch verbuchte er als Textübung. Nach seinem Tod wurde es zum Bestseller.

Das dressierte Suppenhuhn

Der erste Teil bleibt eng an der Vorlage und schildert zunächst, wie der Soldat Walter Proska (Jannis Niewöhner) nach dem Heimaturlaub im Sommer 1944 mit dem Zug an die Front zurückfährt. Unterwegs steigt eine junge Polin zu (Malgorzata Mikolajczak), die Sprengstoff in den Waggon bringt und dann flieht. Nachdem der Zug von Partisanen gestoppt wird, landet Proska bei einem Vorposten der Wehrmacht am Rande der masurischen Sümpfe. Hier führt ein zynischer Unteroffizier (Großartig: Rainer Bock) das Kommando, seine Untergebenen versacken im Wahnsinn. Einer dressiert das Suppenhuhn, ein anderer jagt einem Hecht hinterher. Proska freundet sich mit einem jungen Soldaten (Sebastian Urzendowsky) an, der Milchbrötchen genannt wird und bereits ans Überlaufen denkt.

Proska ist der einzige halbwegs „Normale“ im Vorposten, er bleibt ein Beobachter und sichert mit geübten Reflexen sein Überleben. Jannis Niewöhner spielt ihn lakonisch knapp und trifft damit den nahezu saloppen Ton, den Siegfried Lenz angeschlagen hatte. Die Liebesszenen mit der Polin Wanda, die Walter zärtlich „Eichhörnchen“ nennt, werden in warmen Bildern gezeichnet, die aber nicht kitschig wirken, sondern unwirklich, fast utopisch. Mitunter werden sie hart gebrochen. Unmittelbar nach dem Liebeslager erschießt Proska einen jungen Polen – den Bruder seiner Geliebten. Der Regisseur Florian Gallenberger inszeniert sein Drama, das motivisch zwischen „Apocalypse Now“ und „Ich war 19“ angesiedelt ist, in einem ruhigen Erzählfluss. Dramatische Kriegspassagen wie im ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“  sind rar. Anders als das ZDF-Projekt, das in Polen Proteste hervorrief, hatte Gallenberger, der selbst polnisch spricht, mit polnischen Experten und Künstlern kooperiert.

In den Kriegswirren verloren

Der zweite Teil entfernt sich immer weiter von der Vorlage. Was bei Siegfried Lenz skizzenhaft oder fragmentarisch erschien, wird hier weitergesponnen und ausgemalt. So haben Bernd Lange (Drehbuch) und Gallenberger wichtige Figuren weiter geführt, die Lenz in den Kriegswirren unterwegs verloren gingen. Nach Kriegsende trifft Proska seinen Unteroffizier wieder, der nun von seinem früheren Untergebenen Papiere braucht. Der eigentliche Überläufer, „Milchbrötchen“, der Proska auf die Seite der Roten Armee gezogen hatte, entwickelt sich in der Sowjetischen Besatzungszone zum stalinistischen Eiferer – Sebastian Urzendowsky verleiht ihm große Penetranz. Ulrich Tukur taucht überflüssigerweise als kommunistischer Funktionär auf – Tukur kann vieles, aber nicht sächseln. Überhaupt wirkt der Film beim Bemühen, den aufkommenden Stalinismus in der Sowjetischen Zone zu illustrieren, allzu erklärend, oft belehrend. Das Thema hatte der junge Lenz schon anno 1951 viel treffender skizziert.

Stärker als im Roman entwickeln sich auf jeden Fall die Frauenfiguren – die nie vom „Hafer des Wahnsinns“ gestochen werden und sehr viel klarer als die verblendeten Männer Schuld und Verantwortung sehen. Leonie Benesch spielt eine pragmatische Frau, die es bei Lenz nicht gab: Die Kollegin bringt Proska in den Westen und wird später seine Frau. Malgorzata Mikolajczak verkörpert so eindringlich wie elegant Wanda, Walters einzige Liebe, die so unerfüllt bleiben muss wie die Hoffnung auf einen Krieg ohne Schuld.

Der Überläufer

8. und 10. April 2020, jeweils 20.15 Uhr, ARD, Netz-Special: www.daserste.de/der-ueberlaeufer