Ostdeutsche im Gulag: Ein oft vergessenes Kapitel DDR-Geschichte

Sie sind großteils vergessen: Ostdeutsche wie Johannes Krikowski wurden in sowjetische Arbeitslager verschleppt. Sein Sohn betreibt Aufarbeitung. Ein Treffen.

1955, West-Berlin: Johannes Krikowski (Mitte) bei seiner Heimkehr aus Workuta.
1955, West-Berlin: Johannes Krikowski (Mitte) bei seiner Heimkehr aus Workuta.Stefan Krikowski

„In der DDR durftest du nicht darüber reden, im Westen interessiert es keinen.“ Das sagt Stefan Krikowski, während er von der Geschichte seines 2007 verstorbenen Vaters erzählt. Johannes Krikowski wurde 1952 als junger Student der Zahnmedizin zu 25 Jahren Haft im Arbeitslager Workuta verurteilt. Die russische Stadt liegt im Ural, 100 Kilometer über dem nördlichen Polarkreis.

Sein Vergehen? Der 21-Jährige hatte freie und geheime Studentenratswahlen an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät gefordert und war zudem ein bekennender Christ. „Er wurde im Studentenwohnheim gefragt: Was macht die Bibel auf deinem Schreibtisch? Da müssen doch die blauen Bände liegen“, erzählt sein Sohn. „Mein Vater war zunächst in der FDJ, er hoffte auf einen Neuanfang nach dem katastrophalen Nationalsozialismus. Aber als KPD und SPD 1946 zur SED zwangsvereinigt wurden, merkte er: Hier wird eine neue Diktatur errichtet.“

Was Krikowski widerfuhr, war kein Einzelschicksal. Knapp 40.000 Deutsche wurden zwischen 1945 bis 1955  vor sowjetischen Militärtribunalen verurteilt. Das ehemalige KZ Sachsenhausen in Oranienburg diente für 16.000  SMT-Verurteilte als Haftlager. Viele wurden in nordsibirische Gulags deportiert, manche Schätzungen gehen von bis zu 25.000 Opfern aus. „Aber wer weiß in Deutschland schon davon?“, fragt Stefan Krikowski. Er dokumentiert heute Geschichten Deutscher, die wie sein Vater als politische Gefangene im Arbeitslager Workuta waren. Dafür hat er 2020 die Bundesverdienstmedaille erhalten. Doch das gesellschaftliche Bewusstsein über Verbrechen in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone fehlt. Und die jüngsten lebenden Zeitzeugen werden nun 90 Jahre alt.

Verrat, Stasi-Haft, Deportation nach Sibirien

Die verhängnisvolle Geschichte seines Vaters beginnt so: In der Nacht zum 1. November 1951 um 2 Uhr wurde Johannes Krikowski von vier bewaffneten Stasi-Männern im Studentenwohnheim verhaftet. Wenige Tage zuvor hat ein Kommilitone, Mitglied der FDJ, Krikowskis Aushang für die Junge Gemeinde am schwarzen Brett der Universität abgerissen. Dass er ihn bei der Stasi angeschwärzt hat, liegt nahe.

Es folgten eine Woche Stasi-Haft in Greifswald, dann wird Krikowski dem NKWD in Schwerin übergeben. Das sogenannte Volkskommissariat war für Innere Angelegenheiten in der Sowjetunion verantwortlich und fungierte als Geheimdienst. Die Verhörmethoden im Gefängnis am Demmlerplatz, das zuvor von Nazis genutzt wurde, waren brutal: Schlafentzug, Schläge, Folter.

„Du durftest nie sitzen, dann bekamst du mit dem Lineal eins drüber. Meinen Zahn haben sie mir ausgeschlagen, mit einem Schlüsselbund. Sie legten die Pistole vor sich, holten die Kugel raus, klopften sie mir gegen den Kopf […]. Dann sagte er: Wollen du leben?, und ich habe immer Hunger gehabt“, erinnerte sich Johannes Krikowski 2007 im Interview mit Anne Drescher. Sie ist seit 2013 Mecklenburg-Vorpommerns Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Einzelhaft ging monatelang, man hatte weder Einblick in den Haftbeschluss noch Recht auf einen Anwalt.

Ich habe dann angefangen zu memorieren, den 23. Psalm aufzusagen, oder irgendein Gedicht. Dann verlassen einen auch die Gedanken

Johannes Krikowski, 2007

Am 29. Januar 1952 unterschrieb er ein Geständnis über seine „verbrecherische Verbindungsaufnahme“ mit westlichen Geheimdiensten. Diese hatte nie stattgefunden. „Man war gebrochen. Du warst schlicht und einfach zerbrochen“, erinnerte er sich wenige Monate vor seinem Tod.

Im März 1952 fiel im Gruppenprozess mit acht Angeklagten, darunter Erika Kunert, eine Freundin Krikowskis, das Urteil: 25 Jahre Haft im „Arbeitsbesserungslager“ Workuta. Rechtsgrundlage dafür waren Artikel 58, Absatz 6 und 10 des Strafgesetzbuches der UdSSR: Antisowjetische Propaganda und Spionage. Kunert wurde das Gleiche zur Last gelegt, sie wurde laut Haftbeschluss „als Agentin entlarvt, welche für den französischen Geheimdienst Spionagematerial lieferte“. Sie erhielt, wie knapp tausend andere Deutsche von 1950 bis 1953, ein Todesurteil. Am 12. Juni 1952 wurde sie nachts im Butyrka-Gefängnis in Moskau erschossen.

Die Familien wurden im Dunkeln gelassen

Eltern wussten oft jahrelang nicht, warum ihre Kinder verhaftet und wohin sie gebracht wurden. Ihre Verzweiflung ist bei Stefan Krikowski dokumentiert, in Form von unterwürfigen Bittbriefen an hohe Stellen. Vom Lehrer Rudolf Bockel gibt es aus den Jahren 1950 bis 1953 weit über hundert Briefe. Sein Sohn Dietmar, geboren 1930, wurde im Alter von 19 Jahren vor seinen Augen von der Stasi verhaftet und nach Workuta verschleppt. Bockel wandte sich an hohe SED-Parteifunktionäre wie Walter Ulbricht und den DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck.

„Wir wissen nach 16 Monaten noch nicht, wo sich mein Junge befindet und welches sein Schicksal ist!“, schrieb Bockel 1951 an den DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl. Die meisten Briefe blieben unbeantwortet. Auch in der Bundesrepublik bat Bockel um Hilfe, schrieb an den Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Zwangsarbeit bei bis zu minus sechzig Grad

Sein Sohn befand sich währenddessen mehrere tausend Kilometer entfernt in Nordsibirien. Die russische Stadt Workuta liegt 2300 Kilometer von Moskau entfernt, in der Tundra. Bis heute führen dahin keine Straßen, sondern nur von Häftlingen gebaute Schienen. „Die Region Workuta ist übersäht mit Straflagern, wie ein Sternenhimmel“, sagt Stefan Krikowski, der selbst vor Ort war.

Eines der Lager in Workuta, 1956.
Eines der Lager in Workuta, 1956.Stefan Krikowski

In Workuta wurde vor allem Steinkohle abgebaut, in Höchstzeiten waren dort circa 70.000 Männer und Frauen verschiedener Nationalitäten inhaftiert: politische Gefangene, Kriegsgefangene und Kriminelle. Etwa 250.000 Menschen verloren in Workuta ihr Leben.

In einer Baracke mit zwei- oder dreistöckigen Betten schliefen bis zu 150 Menschen, Sanitäranlagen gab es nicht. Gearbeitet wurde täglich um die zehn Stunden, der Tag begann um sechs Uhr. Die Männer bauten Steinkohle ab, die Frauen arbeiteten in der Ziegelei oder im Gleisbau. Allein der kilometerlange Weg zum Schacht war „qualvoll, durch die eisige Polarnacht mit extremen Kältegraden und oft gewaltigen Schneestürmen“, wie der Zeitzeuge Hans Günter Aurich in seinem Privatarchiv beschreibt. Nahrung gab es im Lager nie genug, die medizinische Betreuung war katastrophal.

Lichtblicke waren Pakete des Deutschen Roten Kreuzes, der Arbeiterwohlfahrt und der Kirche. Mit Kaffee und Zigaretten aus dem Westen wurden die Wärter bestochen: Marlboro statt russischem Machorka-Tabak wurden gegen einige Tage im Krankenlager eingetauscht. Fluchtversuche waren hoffnungslos. Selbst im Sommer bei 20 Grad hätte man hunderte Kilometer in der Steppe der Komi-Republik überleben müssen und war wilden Tieren ausgesetzt. Auch hatten die Lageraufseher einen Pakt mit den Nenzen, einem indigenen Volk Sibiriens, geschlossen: Sie brachten gefundene Häftlinge für Gegenleistungen zurück.

Leicht verbesserte Haftbedingungen nach Stalins Tod 1953

Der Griff im Arbeitslager lockerte sich ab 1953 leicht. Von da an wurden auch keine DDR-Bürger mehr nach Workuta verschleppt. Stalin starb im März 1953, in der DDR entluden sich die Spannungen am 17. Juni in einem Volksaufstand. Knapp eine Woche später wurde Lawrenti Beria, der Geheimdienstchef der UdSSR, entmachtet und verhaftet. Die Nachricht verbreitete sich bis nach Workuta und gab Anlass zu einem Streik, der knapp zehn Tage lang andauerte. 481 Gefangene starben. Ihre Forderungen waren menschlichere Arbeitsbedingungen und eine Überprüfung ihrer Hafturteile.

Gefangenen- und Deportiertenfriedhof in Workuta. 
Gefangenen- und Deportiertenfriedhof in Workuta. Stefan Krikowski

Unter Nikita Chruschtschow wurde die Arbeitszeit im Lager auf acht Stunden täglich verkürzt, es gab etwas mehr Nahrung, Gefangene durften Briefe schreiben. Als Absender wurde statt Workuta zwar nur ein Postcode angegeben. Aber immerhin wussten die Eltern nun: Unser Kind lebt.

Befreiung der Deutschen durch Bundeskanzler Adenauer

Erst zwei Jahre später wurden die Deutschen vom Martyrium der sowjetischen Arbeitslagern befreit. „48 Kilo hat mein Vater gewogen, als er nach Berlin zurückkam“, sagt Krikowski. Workuta war zwar bis in die 60er-Jahre hinein in Betrieb. Im Jahr 1955 durften jedoch deutsche Kriegsgefangene sowie die, die aus politischen Gründen in den vergangenen zehn Jahren nach Sibirien geschickt worden waren, nach Hause zurückkehren. Grund dafür war die Ostpolitik Adenauers, der diplomatische Beziehungen mit der Sowjetunion aufbauen wollte. Die sah man als unabdingbar an, um eine deutsche Wiedervereinigung zu ermöglichen. „Adenauer hat die Menschen förmlich freigepresst“, so Krikowski.

In einem Antwortschreiben des Bundeskanzleramtes an Rudolf Bockel aus dem September 1955, nach Adenauers Moskaureise, hieß es: „Was die Frage der in der Sowjetunion zurückgehaltenen Deutschen betrifft […], so wurde vereinbart, dass wir der Sowjetregierung eine Liste der Personen mit genauen Angaben geben werden. Die Sowjetregierung wird feststellen, wo diese Menschen sind.“

Die Menschen kehrten gebrochen zurück

Doch wer einmal im Lager war, den ließ es sein Leben lang nicht mehr los. 1955 kam Johannes Krikowski nach Berlin zurück.  Er begann ein Theologiestudium und wurde Lehrer. Sein Sohn beschreibt ihn als „seelisch und körperlich gebrochen“. Lebenslang habe Krikowski Schlafstörungen gehabt und Medikamente nehmen müssen. Auch ein strenger Reinlichkeitswahn habe ihn für immer begleitet. „Er musste selbst sehen, wie er überleben konnte. Frau, Kinder, Beruf – vielleicht kam das alles zu früh. Ich fand das natürlich belastend, einen Vater zu haben, der zerstört ist“, sagt Stefan Krikowski. Was heute „posttraumatische Belastungsstörung“ genannt wird, war damals nicht ausreichend erforscht oder anerkannt. Dabei hatte es Auswirkungen auf ganze Familien.

„Was heißt es für Frauen, mit so einem Mann verheiratet zu sein?“, fragt Krikowski. „Das sind ja keine Helden, keine besseren Menschen, die aus Workuta zurückkommen. Im Gegenteil.“ Was hinter dem Trauma von Weltkriegsüberlebenden zurückstand, nannte man Haftfolgeschäden – sofern man überhaupt darüber sprach.

Bis heute fehlt das gesellschaftliche Bewusstsein

Das Verschweigen hat letztlich dazu geführt, dass viele Deutsche von diesen Verbrechen in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR gar nichts wissen. Von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur heißt es auf Anfrage der Berliner Zeitung: „Über die Urteile der sowjetischen Militärtribunale wird bereits längere Zeit geforscht und publiziert auch mit unserer Förderung.“ Insbesondere die Gedenkstätten zu sowjetischen Speziallagern beschäftigten sich damit. Dennoch müsse öffentlich „immer wieder und weiter auf dieses Thema hingewiesen werden“. Laut Krikowski liege das auch an der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Unrechtsherrschaften des 20. Jahrhunderts und dem starren Fokus auf die NS-Geschichte. „Natürlich will ich nationalsozialistische nicht mit kommunistischen Verbrechen gleichsetzen“, sagt er.

Dennoch würde er sich wünschen, dass nicht nur die Geschwister Scholl, sondern auch Namen wie Arno Esch und Herbert Belter der deutschen Bevölkerung ein Begriff wären. Sie hatten als junge Studenten mit Flugblättern gewaltfreien Widerstand gegen die SED-Diktatur geleistet und wurden 1951 in Moskau hingerichtet.

Darüber zu sprechen, was viel zu lange verschwiegen wurde – das ist eine Aufgabe, der Stefan Krikowski sich verpflichtet hat. Die Biografien dokumentiert er auch online, auf www.workuta.de. „Wenn man das nicht mehr macht, ist es vergessen. Es ist wie ein Auftrag, der mir gegeben wurde“, sagt er. Auf die Frage, wie er diese intensive Auseinandersetzung mit dem Leidensweg seines Vaters ertrage, antwortet Krikowski: „Natürlich wühlt das auf. Aber es nutzt nichts, man muss sich stellen. Es ist ein schweres Erbe, aber das bin ich meinem Vater schuldig. Er hat ganz andere Dinge durchgemacht.“