Für Leserinnen und Leser in der DDR wurde über Generationen hinweg ein unscheinbares Reclam-Buch zum Erweckungserlebnis. Ich kenne in meinem Freundeskreis niemanden, der es nicht gelesen hätte: „LTI“ (Lingua Tertii Imperii – Sprache des Dritten Reiches) des Romanisten Victor Klemperer. Mit seinem sprachkritischen Ansatz wirkte es auf uns sehr gegenwärtig und unterschied sich völlig vom ritualisierten offiziellen Umgang mit dem Dritten Reich. Klemperer untersuchte die Hetzreden der Nazis, ihre Marschlieder, aber auch das Durchsickern der brauen Ideologie in die Alltagssprache. Anhand dieser Sprache, die nach Schiller „für dich dichtet und denkt“, deckte er die Mechanismen der Manipulierung, der Brutalisierung, der Entmenschlichung auf. Wir lasen das als einen subversiven Text.

Ich verdanke „LTI“ bis heute sehr viel, vor allem ein andauerndes Misstrauen gegen Pathosformeln aller Art. Auch über den Autor, über sein Überleben als Jude im Dritten Reich erfuhr man einiges in diesem autobiographisch grundierten Buch, doch dass er einer der wichtigsten Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts war, wurde mir – und nicht nur mir – erst ab Mitte der Neunzigerjahre durch seine Tagebücher klar. Man kann nicht genug bewundern, wie Klemperer in höchster Bedrängnis, in tiefster Erniedrigung, unter ständiger Todesangst Tag für Tag gewissenhaft Zeugnis ablegte, wie anschaulich und sprachmächtig er das Leben in den finsteren Zeiten für die Nachwelt festhielt.

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