Uwe Kowski: „Wald“, 2015, Öl auf Leinwand.
Foto: VG BIldkunst Bonn 2020/ Uwe Walter Berlin/ Courtesy Gal. Eigen+Art Leipzig/Berlin 

Rostock„Sehen“. Das Schlichte des Ausstellungstitels täuscht. Mit der simplen Aufforderung „Sehen“ verbindet dieser Maler seinen Anspruch an den kostbaren Augen-Sinn, der in einer Welt der digitalen Bilderflut- und Verwurstung dauerstrapaziert wird. So sehr, dass viele Leute eigentlich gar nichts mehr sehen.

 Der Titel steht für den Anspruch des Malers Uwe Kowski an sich selbst und an die Betrachter – der Landschaften, der Ein- und Ausdrucksmotive für Geschautes, Gelesenens, Empfundenes – und für die Selbstporträts. Die hängen an der Wand hinter eine Gruppe von Bronzebüsten aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock.

Die Ausstellung „Sehen“

Der Maler Uwe Kowski, geboren 1963 in Leipzig, gelernter Schriftmaler, studierte an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, zählte mit seinem eigenwilligen nichtfigurativen und nicht erzählenden Stil zu den jungen Protagonisten der um 2000   Furore machenden „New Leipzig School“. Er zog um nach Berlin und setzte sich von dem Label ab, um die unerschöpfliche Vielseitigkeit des Malens zu ergründen und auszuloten.

Kunsthalle Rostock: „Sehen“, Hamburger Str. 40, kuratiert von Leonie Pfennig, bis 15. März, Di–So 11–18 Uhr. Katalog (MMKoehn), 28 Euro. Infos: www.kunsthallerostock.de

Die stehen jetzt im neugebauten großzügigen Schaudepot des Moderne-Museums und lassen sich nicht lange bitten. Kowski, dieser in Berlin lebende Leipziger – einst lernte er an der Kunsthochschule seiner Geburtsstadt das Handwerk bei Malern wie Dietrich Burger und Bernhard Heisig – hat die Bilder des letzten Jahrzehnts ausgebreitet: kleine und große Hoch- und auch etliche Querformate, die nichts mit der neoromantischen oder surrealen Bildsprache der damaligen Leipziger Mal-Gefährten zu tun haben. Auch versagen bei diesen Arbeiten Attribute wie „abstrakt“ oder „gegenständlich“. Diese einst – ideologischen – Schubladen der Kunstgeschichte des Jahrhunderts der Moderne sind für Kowski seit gut 30 Jahren obsolet.

Willkür und Form

Er hat sich stattdessen beizeiten Maßstäbe und Zuspruch bei   Altvorderen geholt. Unübersehbar etwa bei Delacroix und dessen Ratschlag, das Vokabular der Natur und der Umwelt unbeirrt in eine eigene Sprache zu „übersetzen“. Und wohl auch bei Matisse, der sagte, man müsse von Anfang an eine klare Vorstellung vom Ganzen haben. In der Weise: „... ich schreite fort, angespornt von einer Idee, die ich erst kennenlerne dadurch, dass sie nach und nach in meinem Bild Gestalt annimmt“.

Also malt Kowski nach dem Prinzip, Anschauung und Willkür in eine Form zu bringen. Sanft zwingt er uns Betrachter, die Augen zwischen Oberfläche und Tiefenstrukturen des Bildes hin- und herwandern zu lassen, die weichen und die harten Formungen, das heftig Gestrichelte, das Splitternde, das Schwellende, sich Ineinanderschiebende, die bunten Konfettis, die sich zu einem Kopf, einer vagen Form ballen.

Mit den Augen herumwandern

Nur andeutungsweise nimmt man Gebilde in den Schichten wahr. Sind es Farbtöne für Stimmungen, heitere, melancholische, angstvolle, ungeduldige, elegische? Für Einnerungen? Für Tag und Nacht, für die Jahreszeiten und den gnadenlosen Fluss der Zeit? Nach dem ersten Rundgang in der weitläufigen Halle weiß ich: Ich muss diese Bilder komplex sehen: Schicht für Schicht, Struktur für Struktur. Ich muss darin mit den Augen herumwandern, während vom Maler eigentlich nichts erzählt, nichts erklärt wird.

Die Deutungen liegen bei mir als Betrachtende selbst. Titel wie „Wald“, „Vor einer Mauer“, „Holz“ „Die Dinge“, „Regennasse Scheibe“, „Im Gras“ oder „Freischwimmer“ helfen ein bisschen, treiben die Assoziationen aber viel weiter, weil das, was man sieht, auch etwas ganz anderes sein kann. Solche Bild-Wahrnehmung ist anstrengend. Und sie ist befreiend. Anfangs, meint Kowski, seien da die einzelnen Sujets, die würden genährt durch seine   alltägliche Weltanschauung. „Aber es geht ja nicht um das Was, sonder ums Wie.“ Er malt nicht nach dem klassischen Vorbild mit Vorder- und Hintergrund, mit „Goldendem Schnitt“, Tiefenperspektive oder Fluchtpunkt.

Wie Wald nach einem Sturm

Manche Motive scheinen aus Farb- oder Filmschnipseln zu bestehen, lassen entfernt an Monets Seerosen denken, andere an einen Wäscheplatz oder eine Sommerwiese, ein nächstes Bild hat etwas von einem Eissee, über den der Wind fegt oder einem Wald nach einem Wirbelsturm. Alles sind farbige Erinnerungsfetzen, vielleicht auch Ausschnitte aus einem größeren oder auch ganz banalem (Welt-)Geschehen.

 „Selbst mit Himmel“, 2018, Öl auf Leinwand.
Foto: Foto: VG BIldkunst Bonn 2020/ Uwe Walter Berlin/ Courtesy Gal. Eigen+Art Leipzig/Berlin 

Ereignisse, die sich unscharf über die Leinwände ziehen: ein azurblauer Bildgrund, darauf ein rotgelbbraunlilaweißer Kopf, aber ohne Physiognomie. Das wie aus dem Blau auftauchende Porträt „Selbst mit Himmel“, ein offenkundig gutgelauntes Konterfei des Malers an einem Sommertag. Kowskis Bilderfindungen haben immer auch mit Licht zu tun, da ist er den Impressionisten, ihrer atmosphärischen Kunst nahe. Dann wieder haben das Stakkato der heftigen Pinselstriche, die Wucht der Farbmassen etwas Expressives.

Die Stil-Schublade aber ist Kowski so unwichtig wie die Unterscheidung abstrakt oder gegenständlich.   Er sagt entschieden: „Ich bin kein abstrakter Maler!“ Er will ungebändigte Lebensdynamik erfassen, dramatisch oder verspielt und poetisch, Farbe scheint zu explodieren, als wolle sie aus dem Bildraum hinaus, aber sie fügt sich und gerinnt dann doch zu etwas, dem Vokabular, das zum Großen und Ganzen gehört.