Die Netzöffentlichkeit ist erregt. Schlimme Hetze. Widerlich. Und eine twitternde Leserin möchte es am liebsten gar nicht wahrhaben: „Bitte sagen Sie mir, dass der Text nicht erschienen ist, sondern ein Fake ist. Ich will das nicht glauben, dass die @faznet das macht“, twittert sie am späten Donnerstagabend.

Aber der Medienjournalist Stefan Niggemeier bestätigt: „In der FAZ von Freitag steht ein Text von solch brutaler Homosexuellenverachtung, wie ich es selten gelesen habe. Zum Fürchten. Und Schämen.“

Der Text, um den es geht, ist am Freitag in der Rubrik „Fremde Federn“ erschienen, und sein Autor ist Johannes Gabriel, der von der FAZ als ein Philosoph und Psychologe angeführt wird, der Nichtregierungsorganisationen berate.

„Wir verraten alles, was wir sind“

Aber gibt es diesen Autor überhaupt? Auch darüber wird gerätselt, und einem der Netzaktiven ist aufgefallen, dass der Text bereits auf der Seite des umstrittenen homosexuellen Theologen und Publizisten David Berger erschienen ist. Eine Veröffentlichung voller mythologischer Verstrickungen also.

Tatsächlich handelt es sich bei dem unter der Überschrift „Wir verraten alles, was wir sind“ erschienenen Beitrag um ein flammendes Plädoyer gegen die am Freitag im Bundestag beschlossene „Ehe für alle“.

Was im Netz kurzerhand als homophobes Hate-Speech-Produkt klassifiziert wurde, ist vor allem ein von theoretischem Furor getriebener Text, der in wirr-kämpferischer Diktion darauf beharrt, dass Homosexualität nicht zuletzt eine gesellschaftlich erkämpfte soziale Differenz sei, die durch die „Ehe für alle“ aufgegeben werde.

Hier möchte einer an den ideologischen Fronten von früher verharren

Ein homosexueller Philosoph wettert gegen die Homo-Ehe und scheut dabei nicht vor der als Frage formulierten starr biologistischen Andeutung zurück, dass Kinder, die von zwei Männern erzogen werden, womöglich einem größeren Missbrauchsrisiko ausgesetzt sind, „weil die Inzest-Hemmung wegfällt und diese Gefahr bei homosexuellen Paaren besonders hoch sei, weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe“.

Man muss den Satz, der den Theorieschlamm der späten 70er-Jahre mitführt, mehrmals lesen, um zu erahnen, was gemeint sein könnte. Mit der gesellschaftlichen Realität, auf die die „Ehe für alle“ abzielt, hat er nichts zu tun. Hier möchte einer an den ideologischen Fronten von früher verharren. Nicht schön, aber im Namen der Meinungsfreiheit nicht weiter der Rede wert.