Ideen brauchen Raum, um sich zu entfalten. Das lehrt das Leben, die Kunst aber im Besonderen. Fast  physisch spürbar wird diese Erkenntnis in den nun wieder eröffneten Kunst-Werken in der Auguststraße unter dem neuen künstlerischen Leiter Krist Gruijthuijsen. Trennwände sind entfernt, Mauerwerk und Gewölbedecken der einstigen Margarinefabrik entkernt. Leergefegt öffnet sich die große Ausstellungshalle. Die Wände sind weiß, der Boden ist kahl.

Gefüllt ist die Halle gleichwohl: vom merkwürdig fernen Klang einer weiblichen Stimme. Sie schwillt an und wieder ab, wabernde Worte prallen an die Wände und verhallen. Das Augenmerk aber erfasst ein beige lackiertes Stangenrondell, einziges Objekt, das den Raum in seinem Zentrum monolithisch beherrscht. Darin wendelt  sich eine Treppe nach oben durch die Decke, Licht flutet durch die Öffnung nach unten.

Philospohisches Grundrauschen

Das hat ästhetischen Wert und ist doch auch Mittel zum Zweck – des Aufstiegs. Eine Art Himmelsleiter. „Ganz im biblischen Sinne, ohne religiös zu sein“, versichert die junge norwegische Künstlerin Hanne Lippard, während uns ihre reproduzierte Stimme umhüllt, die Sätze auf Englisch sagt wie: „Wo siehst du dich in zehn Jahren? Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn jetzt, dann wie? Was sind deine Ziele? Was ist der Grund des Seins? Was der Grund des Menschseins?“

Dieses philosophische Grundrauschen stellt Hanne Lippard nicht nur in ihrem großen Sprachstück mit dem Titel „Flesh“ her. Vielmehr setzt der Niederländer Krist Gruijthuijsen, 1980 geboren, der zuvor den Grazer Kunstverein leitete und den Kunstverein Amsterdam gegründet hat, es in Verbindung mit dem legendären Konzeptkünstler Ian Wilson. Und öffnet mit ihm einen Ausstellungszyklus in diesem Haus, das in den 1990er- Jahren die Mythenbildung der Kreativstadt Berlin bis hin zur werbewirksamen Welthauptstadt der Gegenwartskunst maßgeblich geprägt hat.

Gruijthuijsen hat sich den hierzulande ziemlich unbekannten Ian Wilson als Spiritus Rector, als Vater im Geiste und dessen Idee von Kunst, ins Haus geholt. Denn der Südafrikaner Wilson, 1940 geboren und in New York lebend, war Maler, hatte aber schon in den späten 1960er- Jahren in einem radikalen Akt beschlossen, keine Werke mehr herzustellen, sondern das Sprechen zur Kunstform zu erheben. So ist nun eines seiner letzten physischen, an Minimalismus kaum zu überbietenden Werke auf den rohen Estrich gezeichnet: der Kreidekreis „Circle on the floor“.

Er könne den Kreis auch denken oder beschreiben, hatte Wilson gesagt, er müsse ihn nicht zeichnen, um seine Idee davon zu vermitteln. Seitdem führt er Gespräche über die „Zeit“ und andere philosophische Konzepte mit dem Publikum. Aufgezeichnet werden dürfen sie nicht. Was ein wenig an die performativen Körperwerke, mit denen der jüngere Tino Sehgal später berühmt wurde, erinnert.

Wie der Blick in den Spiegel

Was von Wilsons Gesprächsstücken bleibt, sind Zertifikate über Ort und Datum der Diskussion, einige Einladungskarten existieren noch. Exemplare liegen in zwei Tischvitrinen im vorderen Raum, den man durch den in den Seitenflügel verlegten Eingangsbereich erreicht. Und an der Wand hängen Wilsons Statements – gerahmte, signierte Din-A4-Blätter, darauf getippt „A Discussion“ steht.

All das wirkt wie ein Gegenentwurf zu den Ausstellungen, wie sie in dem mittlerweile durchgentrifizierten Galerienviertel in Mitte zu sehen sind. „Es ist vielmehr wie der Blick in einen Spiegel“, entgegnet Gruijthuijsen: „Kunst, die sich selbst anschaut. Was man sieht, ist das, worüber gesprochen wird.“ Deshalb sei die Idee, das Gespräch an den Neustart für eine Institution zu platzieren, die Kunst vermittelt. „Das KW-Institut ist 25 Jahre alt. Für mich ist es einfach ein Format, um anzufangen. Wir zeigen Ideen rund um die Welt, indem wir zuerst darüber sprechen.“

Konversation, Austausch und die Sprache selbst – oder anders gesagt: ein Minimum an Form, ein Maximum an Konzentration sind Ausgangspunkt für das neue Programm. Weitere Konversationen werden sich in Zukunft entfalten, das Haus nach und nach öffnen. Jeden Monat wird ein weiteres Stockwerk der vier Geschosse mit einer neuen Ausstellung geöffnet. „The Weekends“ ist eine wöchentliche Reihe mit Performances, Vorträgen, Lesungen. Und die Pogo Bar im Keller ist reinstalliert.

Am Anfang war das Wort, könnte man in Hanne Lippards Sinne sagen. „Beat, heat, meat“ rhythmisieren ihre Satzschnitzereien währenddessen unsere gemeinsame Zeit –„like yourself, like your cells ... ideas, ideals, deals, diseases“. „Flesh“ ist ein existenzieller Text, voller Zweifel,  Ängste, Erwartungen. Die Ausstellungshalle habe sie anfangs eingeschüchtert, sagt sie, die Höhe, die Säulen, das Tempelhafte. Deshalb wollte sie sie nach oben hin öffnen.

5000 Besucher am Eröffnungswochenende

„Das Wort ist Fleisch geworden“, sagt die 32-Jährige, als wir am oberen Ende der Wendeltreppe angekommen sind und ich mir den Kopf stoße an dem viel zu niedrigen Plafond. Man landet nicht nur in einem rundum verglasten Raum, sondern auch inmitten der Quelle von Lippards  gesprochenen Worten, die wie konkrete Poesie im Raum herumkreisen. Überraschend ist auch der Blick nach draußen auf eine andere Wirklichkeit: auf Brandmauern, Graffiti, Dächer, Unkraut,  Balkone, Gentrifizierung. Man blickt auf das, was wir gerade selbst repräsentieren.

5000 Besucher tummelten sich alleine am Eröffnungswochenende in den KW. Es wird nicht nur zu reden geben, sondern auch neue Künstler zu entdecken. „Was war deine letzte Idee?“, ist eine von Hanne Lippards Fragen in „Flesh“. Noch lange hallt sie im Kopf nach, draußen auf dem Hof der KW, auf der Auguststraße. Und erinnert daran, sie ja nicht zu vergessen.

Kunst-Werke Auguststraße 69. Mi–Mo 11–19 Uhr, Do 11–21 Uhr. Hanne Lippard: bis 9. April; Ian Wilson: bis 14. Mai