Berlin - In „Aujourd’hui“ hat man es mit einem zu tun, dessen Leben nur noch einen Tag währt, in „A moi seule“ mit einer, deren Leben auf einen engen Verschlag beschränkt ist. Nun müssten natürlich noch ein paar Ideen her.

Die von „Aujourd’hui“ ist formaler Natur: Der senegalesische Regisseur Alain Gomis schickt den todgeweihten Satché auf einen Slalom zwischen Mysterienspiel und Realismus. Der junge Mann wacht auf und weiß aus irgendeinem Grund, dass dies sein letzter Tag ist. Seine Familie betrauert ihn, rühmt ihn, kritisiert ihn für mangelndes Selbstvertrauen; eine Exfreundin wirft ihm vor, dass er stirbt, ohne gelebt zu haben. „Warum bist du zurückgekommen?“ wird Satché, der in den USA studierte, immer wieder gefragt. Antworten gibt er keine, auch nicht, nachdem er zu Frau und Kind zurückkehrt ist. Die Fragen sind zu gut, um sie mit einer Antwort zu verderben.

Wenig originelle Elementarbilder

Es hat einen gewissen Reiz, so eine „Jedermann“-Geschichte im afrikanischen Straßenverkehr aufzuführen, in Häusern, von denen man nicht weiß, ob sie noch gebaut werden oder schon dem Verfall überlassen sind. Aber die ganze Angelegenheit krankt doch sehr daran, dass sich Bedeutung und Nachdenklichkeit einfach nicht einstellen wollen angesichts der wenig originellen und endlos gedehnten Elementarbilder von Mann, Frau, Kind, Haus, Wasser, Sex, Maisfladen. Der Hiphopper Saul Williams läuft als Katalog von unverbundenen Gesichtsausdrücken durch seinen letzten Tag, bis er am Ende im Liegestuhl sitzen bleibt und die eben noch kleinen Kinder als Erwachsene das Haus verlassen.

Gar nicht so übel beginnt Frédéric Videaus „A moi seule“, der eine Natascha-Kampusch-Geschichte erzählt. Gaelle wird als Kind entführt, in einen Verschlag gesperrt und nur abends herausgelassen. Eines Tages, sie ist fast erwachsen, lässt Vincent, ihr Entführer, sie laufen – in der Hoffnung, sie kehrte wieder um.

Der Film stellt Rückblenden auf Gaelles Gefangenschaft und ihr neues Leben nebeneinander – im Hinblick auf die Frage, wo der Unterschied zwischen den Eltern und ihrem Entführer besteht, ist das interessant. Seine Eltern kann man sich nicht aussuchen, heißt es. Seinen Entführer auch nicht.

Darin erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten noch lange nicht. Vincent hat für sie gesorgt, sie unterrichtet, ihr alle Bücher-, CD- und Kleiderwünsche erfüllt. Der auffällig hässliche Mann fällt nicht über sie her, sondern hat lediglich ein Objekt für sein Bedürfnis nach Zuneigung gesucht. Gaelles mittlerweile getrennt lebende Eltern sind nicht viel anders. Die Mutter ist froh, sich wieder an ihre Tochter hängen zu können und verständlicherweise kaum in der Lage, die als Kind verschwundene und nun als Erwachsene Zurückgekehrte auch als solche zu behandeln. Gaelle braucht ihre Eltern nicht mehr, ihre Eltern brauchen Gaelle.

Eine Folge von Gefängnissen

„Jetzt ist es vorbei“, sagte die Polizistin, der erste Mensch, mit dem sie nach den Jahren im Verschlag spricht. Gar nichts ist vorbei, das Leben bleibt eine Folge von Gefängnissen. Gaelle kommt in eine „Einrichtung“, muss mit einer Psychologin sprechen, die sie sich auch nicht ausgesucht hat, und abends darf sie das Gebäude nicht verlassen.

Leider fragmentieren sich diese Ansätze im Lauf des Films immer weiter. In der zweiten Hälfte werden zwar immer mehr Details aus der Gefangenschaft erzählt, aber sie verbinden sich nicht zu einer thematisch schlüssigen Erzählung. Jetzt interessiert den Autor und Regisseur Videau nur noch das Schicksal seiner Heldin: Wie findet sie zu einer Identität? Wie kann sie der anscheinend endlosen Gefangenschaft entkommen, und wohin? Agathe Bonitzer spielt Gaelle als Kratzbürste, als knochig-schmales Sinnbild emotionalen Rückzugs. Den persönlichen Aufbruch, den der Regisseur ihr ins Drehbuch geschrieben hat, will sie nicht spielen – ihr darstellerischer Instinkt ist gegen den Autor im Recht, denn diese individuellen Fragen sind belanglos gegen die nach der Natur von Familie und Intimität.

Aujourd’hui 11. 2.: 9.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 22.30 Uhr, International; 12. 2.: 20.30, Haus der Festspiele.

A moi seule 11. 2.: 15 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 21.30 Uhr, Filmkunst 66; 19. 2.: 22.30 Uhr, International.