Nicht alle sind Charlie. Die Zeichner und Journalisten Charlie Hebdos haben sich nach dem Massaker in den Pariser Redaktionsräumen des Satireblattes mit einer neuen Ausgabe zurückgemeldet. Ein paar Straßenecken weiter bleiben Kunst- und Meinungsfreiheit auf der Strecke. Das auf dem Montmartre gelegene Theater Ciné 13 hat das islamkritische Drama „Lapidée“ (Gesteinigt) kurz nach der Premiere wieder abgesetzt – aus Angst vor Terroranschlägen.

„Wir alle hier sind sehr traurig“, sagt Salomé Lelouch. Nach der dritten und auch schon letzten Aufführung hat die Intendantin am Freitagabend die im Schummerlicht liegende Bühne des Kellertheaters betreten, um die Gründe für das frühe Aus zu erläutern. Schauspieler, Regisseur und sie selbst hätten auf Drängen des Produzenten einmütig beschlossen, das Stück abzusetzen, sagt sie. Ausschlaggebend sei ein Anruf der Pariser Präfektur gewesen, die sich außerstande erklärt habe, die Sicherheit im Theater zu gewährleisten.

Feige oder vernünftige Entscheidung?

Eine Abschiedsvorstellung zwei Tage nach der Premiere, so etwas sei ihm noch nie passiert, sagt Jean Chollet, der Schweizer Autor und Regisseur. Chollets Drama, das bereits vereinzelt in der Schweiz und im Sommer 2013 beim Theaterfestival in Avignon zu sehen war, hätte ursprünglich bis Anfang März gezeigt werden sollen. Insgesamt 30 Vorstellungen waren geplant.

Von Feigheit spricht Chollet, was freilich, wie er dann selbst deutlich macht, dem vorzeitigen Rückzug nicht gerecht wird. „Ich selbst wäre nach den ersten Vorstellungen in die Schweiz zurückgekehrt“, sagt er. „Hätte ich, die Rückfahrkarte in der Tasche, dafür plädieren sollen, dass meine Schauspieler in Paris weiterhin ihr Leben aufs Spiel setzen?“

„Gesteinigt“ erzählt die Geschichte der holländischen Ärztin Aneke, die den Jemeniten Abdul heiratet, ihm in dessen Heimat zwei Kinder gebärt, und dann wieder ihren Beruf ausüben will. Wozu das in der traditionellen jemenitischen Stammesgesellschaft führt, offenbart der Titel des Stücks.

Das Ciné 13 erinnert an einen Hochsicherheitstrakt. Vor dem Theater patrouillieren Gendarmen in schusssicheren Westen. Am Eingang führen Beamte in Zivil Leibesvisitationen durch, kontrollieren Handtaschen und Rucksäcke. Derweil kurven Streifenwagen mit zuckendem Blaulicht durch die Gassen des Montmartre, wo Andenkenhändler waschkörbeweise Miniatureiffeltürme feilbieten und irritiert ins zuckende Blaulicht blinzeln. Die Präfektur habe zur letzten Vorstellung 25 Polizisten abgestellt, erzählt die Intendantin Lelouch. Sie würden dringend zur Sicherung von Bahnhöfen und Flughäfen benötigt.

Nicht einmal das Plakat hängt noch

Dabei ist die Werbekampagne für „Gesteinigt“ zu diesem Zeitpunkt längst gestoppt. Das vom Produzenten Claude Telliez als „möglicherweise provokativ“ eingeschätzte Plakat mit den blauen Frauenaugen, aus denen eine rote Träne quillt, hängt nicht einmal mehr im Theater selbst. In die Metrostationen und an die Litfaßsäulen ist es gar nicht erst gelangt. Auch ist „Gesteinigt“ aus Sicht Chollets „keineswegs ein islamfeindliches Stück“. Das Drama künde nicht vom Islam, sondern vom Missbrauch, den Menschen damit trieben, versichert der Autor. Der nach der Aufführung auf die Bühne gebetene Islamwissenschaftler Rachid Benzine sieht das genauso.

Die Differenzierung zwischen dem Koran und dem, was der Mensch daraus abzuleiten beliebt, verlangt indes einen klaren Kopf. Wenn nach der Aufführung das Licht angeht, ist es um ihn schlecht bestellt. Der Zuschauer ist erschlagen von schauspielerisch überzeugend dargebotener Barbarei. Die Sorge, dass islamistische Fanatiker den intellektuellen Aufwand scheuen und zur Gewalt greifen könnten, ist unschwer nachzuvollziehen. Und so erhebt sich im Publikum nicht eine Stimme, die Feigheit vor dem terroristischen Feind beklagen würde.

Allein aus Deutschland sind kritische Töne zu vernehmen. Sie gelten freilich den Schauspielhäusern schlechthin. „Wir müssen auf der Hut sein vor der Schere im eigenen Kopf“, fordert die Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein. „Wo unsere Kunst religiöse Gefühle verletzt, sollten wir Widerspruch und Kritik aushalten und ihr begegnen, aber die Freiheit dazu uns nicht ausreden oder nehmen lassen.“