Berlin - Zu Beginn siedelt ein Insert die Handlung von „Die Erlösung der Fanny Lye“ zu einer Zeit an, in der innovative Vorstellungen von Identität, Sexualität und Freiheit geprägt wurden. Doch nicht Londons Swinging Sixties sind gemeint, sondern Shropshire, England, 1657.

Damals neigte sich die kurze republikanische Phase, die auf die Hinrichtung des unbeliebten Stuart-Königs Karl I. folgte, bereits wieder dem Ende zu. Zu keinem Moment war es Lordprotektor Oliver Cromwell gelungen, Ruhe in den Karton zu bringen, das Land blieb im Aufruhr, Randgruppen erprobten alternative Lebensentwürfe.

Die Willkür und das Chaos dieses historischen Abschnitts erreichen schließlich auch die abgelegene kleine Farm von Captain John Lye und seiner Frau Fanny. Sie sind gottesfürchtige Menschen, Puritaner, die sich aufs Äußerste herausgefordert sehen, als ein Pärchen sogenannter „Dissenter“ – also Anhänger eben jener verstörend neuen Ideen – bei ihnen Zuflucht sucht. Und als obendrein noch wenig später auf deren Fährte ein Vertreter der Obrigkeit eintrifft, der den Begriff „Willkürherrschaft“ so recht zu verkörpern scheint, folgt der altbekannte Kampf von Gut gegen Böse, will sagen: Recht- gegen Andersgläubigkeit. In Wahrheit aber – das wird im Verlauf des Films immer deutlicher – handelt es sich um einen Wettstreit, wer der schlimmste Übeltäter ist. Dass dabei keiner ungeschoren davonkommen wird, liegt nahe, führt hier doch Thomas Clay Regie, der 2005 mit dem kontrovers diskutierten Slowburn-Gewaltexzess „The Great Ecstasy of Robert Carmichael“ profund schockierte.

Es ist an der Frau, den Ausweg zu finden

Eine Verbindung aus filmästhetischem Anspruch und wenig zimperlicher Konfliktführung prägt auch „Die Erlösung der Fanny Lye“. Viel Zeit wird dem rhetorischen Kräftemessen zwischen Captain John und seinem ungebetenen Häretiker-Gast gewidmet; gründlich vermisst die Kamera den Raum und genießt die Bewegungsfreiheit, die das eigens errichtete, äußerst authentische 360-Grad-Set bietet; nachdrücklich lenkt die Inszenierung die Aufmerksamkeit auf schleichende Machtverschiebungen und Perspektivwechsel. Dazu ertönt ein mächtiger Score – von Clay komponiert und auf zeitgenössischen Instrumenten eingespielt –, der diesem unabhängig und mit schmalem Budget produzierten Film alle Bescheidenheit austreibt. Die große Geste prägt dann auch den Showdown, oder vielmehr: die titelgebende Erlösung, die im englischen Original eine Geburt ist (to deliver = gebären). Denn wenn männliches Blutvergießen einmal mehr in die Sackgasse geführt hat, dann ist es an der Frau, den Ausweg zu finden. Nicht zuletzt nämlich erzählt „Die Erlösung der Fanny Lye“ eine Episode aus der Geschichte der Geschlechterspannung – und vom Preis der Freiheit.

Die Erlösung der Fanny Lye (Fanny Lye Deliver’d) GB/Deutschland 2019, Regie: Thomas Clay. Erschienen bei Alamode Film, ca. 13 Euro.