In ihrem jüngst erschienenen Buch „Im Mangoschatten. Von der Vergänglichkeit“ erinnert sich die Autorin Bianca Döring an Peter Kurzeck, dessen Lebensgefährtin sie war, und sein verschmitztes Lächeln, als er ihr, kurz vor seinem Tod im November 2013 versichert: „Ich sterb nämlich nicht. Nämlich nie. Wirklich. Bin doch zuständig für die Welt, wie kann ich da sterben.“

Zuständig für die Welt und ihre Vielfalt war der 1943 im Sudetenland geborene Peter Kurzeck, der 1946 als Vertriebener ins hessische Staufenberg kommt, wo er 31 Jahre in einer Flüchtlingswohnung lebt, ehe er, 1977, nach Frankfurt am Main zieht, in allen seinen Büchern. Zuständig für die Welt – mehr noch für ihre Flüchtigkeit. Dabei kehrt sich in Kurzecks Aufzählungs- und Beschreibungskunst die bekannte Vergänglichkeit des Schönen in die Schönheit des Vergänglichen um: „Juni, noch früh. Wild und süß riecht am Morgen von allen Seiten das Büffelgras. Morgenlicht. Gartentürchen. Bambus und Schilf. Silbern ein Salzsee. Reiter. Die Ferne. Hintereinander eine ganze Gruppe von Reitern hinter dem Salzsee am anderen Ufer entlang. Vögel rufen aus dem Schilf. Vorgärten. Ein Hotel …“ 

Peter Kurzeck Roman: Beide Sommer stehen im Zeichen des Verlustes

Diese Stelle aus dem von Rudi Deuble und Alexander Losse aus dem Nachlass herausgegebenen Roman „Der vorige Sommer und der Sommer davor“, der den siebten Band des Romanprojekts von Peter Kurzeck, „Das alte Jahrhundert“, bilden sollte, belegt die Besessenheit, mit der der Erzähler vergangene Erfahrung und vergängliche Dinge zu retten versucht. Seine Sätze lassen sich keine Zeit, denn die Zeit geht durch den Erzähler hindurch, selbst wenn er im Sommerhimmel von Saintes-Maries-de-la-Mer den „Anfang der Ewigkeit“ vor Augen zu haben meint. Im Staccato eines Stils, der wiederkehrend auf Verben und Hilfsverben verzichtet, kann er sich nicht häufig genug darüber wundern, dass „jetzt jetzt ist“. 

Überhaupt scheint die Erzählung dem Rhythmus des Pulsschlags zu folgen. Zudem ist besagtes „jetzt“ auch längst kein „jetzt“ mehr, denn Kurzeck erinnert sich in seinem Buch an den „vorigen Sommer und den Sommer davor“, die er mit seiner Freundin Sibylle, der erst drei-, dann vierjährigen gemeinsamen Tochter Carina sowie den Freunden Jürgen und Pascale in Barjac und Saintes-Maries-de-la-Mer 1982 und 1983 verbrachte, aus zeitlich weiter Ferne. Er vergegenwärtigt sie, indem er in präsentischer Erzählung aufhebt, was sich durch einen gelegentlichen Imperfekt (meist in der Formulierung „sagte ich“) als längst vergangen erweist. Ohnehin stehen die beiden Sommer im Zeichen des Verlustes. Nicht nur das Freundespaar hat sich zu Romanbeginn, in den Märztagen des Jahres 1984, bereits getrennt – auch Kurzeck hat kurz zuvor die Freundin und damit seine kleine Familie verloren.

Peter Kurzeck: Wiederholungstrauma des Flüchtlingskindes

Der Erzähler ist durch das Tor des Todes gegangen – umso dringlicher wird die Wiederherstellung des Vermissten. Dass besagter Verlust die Triebfeder für einen Jahre später auf zwölf Bände angelegten Romanzyklus sein konnte, ein auf fast übermenschlicher Gedächtnisleistung beruhendes Vorhaben, dürfte sich dem Wiederholungstrauma des Flüchtlingskindes verdanken. Nicht umsonst widmet Kurzeck ein Kapitel des Romans allen „Unbehausten“, „Landfahrern“, „Fremdlingen“ und „Umhergetriebenen“, allen „Heimatlosen und Flüchtlingen, in diesem Jahrhundert der Flüchtlinge“.

Doch auch wenn man dem Text die Not seiner Erfahrung anmerkt, eine Not, die vor jedem falschen Sommeridyll bewahrt – zumal Kurzeck zu dieser Zeit arbeitslos ist und existenzielle Sorgen das Glück grundieren –, so kann er sich doch immer wieder zu jener Verschmitztheit aufschwingen, die ähnlich pfiffig wie die eines Wilhelm Genazino, aber zugleich auch kindlicher wirkt: Halsschmerzen vergleicht er mit dem Gefühl des bergauf Schluckens. Oder er bedauert die Mäuse, die über die Flur eines „düsteren Gebäudes“ rennen, in dem die Familie mangels Alternativen übernachten muss, denn sie hätten es „auch nicht leicht“. 

Peter Kurzeck Roman: In der Tochter spiegelt sich das Staunen über die Dinge, Tiere und Menschen

Und so ist es kein Wunder, dass die eigentliche Protagonistin des Romans das Kind Carina ist, das, wie der Erzähler bemerkt, „manchmal vermitteln muss zwischen mir und der Welt“. Doch vermittelt es auch zwischen dem erwachsenen Erzähler- und seinem Kindheits-Ich – denn „jeder Schlaf träumt mich heim“. In der Tochter spiegelt sich das Staunen über und die Zuständigkeit für die Dinge, Tiere und Menschen, eine Vielfalt, die vom Kind erst ausbuchstabiert werden muss. Und auch der Erzähler-Vater buchstabiert zwei vergangene Sommer aus, als ob sie noch bevorstünden: „Dem Sommerende zu: matt die Zikaden. Haben sich geirrt! Das war nicht der Sommer, für den sie gesungen! Der kommt erst noch! Zukunft! Andermal!“

Peter Kurzeck: Der vorige Sommer und der Sommer davor. Roman. Aus dem Nachlass herausgegeben von Rudi Deuble und Alexander Losse. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2019. 656 S., 32 Euro.