Das DVD-Cover zu, TV-Film „Bahnwärter Thiel“ mit Martin Trettau in der Titelrolle
DDR-TV-Archiv

Von 1950 bis 1991 wurden in Berlin-Adlershof zahllose Fernsehsendungen produziert. Viele Titel und Formate – wie Aktuelle Kamera, Du und dein Haustier, Polizeiruf 110, Der schwarze Kanal, Das unsichtbare Visier, Professor Flimmrich, Zur See oder Außenseiter Spitzenreiter – gehören heute  zum kollektiven Gedächtnis. 

Sie verbinden sich mit widersprüchlichen Erinnerungen zwischen Begeisterung, Bevormundung und Langeweile. ORB und MDR greifen regelmäßig auf diese Bestände zurück und füllen damit ihre Programme auf. Meist gehören jene Beiträge zur leichten Muse. Aus dem Fokus gerät dabei, dass auf dem Gebiet der Fernsehdramatik teilweise Bedeutsames und bis heute Sehenswertes entstanden ist.

Man muss wissen, wonach man sucht

Die meisten anspruchsvollen Fernsehfilme jedoch haben nach 1990 keine Wiederaufführung erlebt. Überhaupt wurde das gesamte medienhistorische Kapitel bislang kaum erforscht. Es gibt wenig Literatur, die Recherche insgesamt gestaltet sich schwierig. Zwar ist der Bestand insgesamt gerettet und liegt für Institutionen im Deutschen Rundfunkarchiv (DRA) zur Auswertung bereit. Doch um fündig zu werden, muss man vorher wissen, wonach man sucht. Auf der Webseite gibt es weder eine Recherchemaske noch ein Schlagwortregister.

Das Filmmuseum Potsdam hat nun eine zyklische Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, mit der vergessene Werke aus den Regalen des DRA auf die große Kinoleinwand gebracht werden. Unter dem saloppen Titel „OstSofaKino“ laufen aller zwei Monate Einzelfilme oder auch Serien, die einer Wiederbegegnung oder Neuentdeckung wert sind. Den Anfang machte im Januar die Fallada-Adaption „Kleiner Mann, was nun?“ (1967) von Hans-Joachim Kasprzik mit Jutta Hoffmann.

Heute noch aktuell

Vom selben Regisseur steht jetzt im März die 1982 entstandene Arbeit „Bahnwärter Thiel“ auf dem Spielplan. Auf der gleichnamigen, frühen Erzählung von Gerhart Hauptmann basierend, wird die Tragödie eines rechtschaffenen Eisenbahners (Martin Trettau) erzählt, dessen Diensteifer so groß ist, dass er die Kontrolle über sein Privatleben verliert. Nach dem Tod seiner ersten Frau Minna (Blanche Kommerell) heiratet er schnell zum zweiten Mal, gerät an die xanthippische Lene (Walfriede Schmitt), die seinen Sohn Tobias misshandelt und nach schnödem materiellen Vorteil strebt. Das Ganze mündet in eine Katastrophe, zuletzt verfällt Thiel dem Wahnsinn.

War Hauptmanns naturalistischer Stil Ende des 19. Jahrhunderts in der Literatur noch revolutionär, so wirkt seine werkgetreue filmische Übertragung fast hundert Jahre später bisweilen etwas altväterlich. Etwas entfernt von dem, was unter innovativer Filmsprache zu verstehen ist, begegnet uns dieser „Bahnwärter Thiel“ heute aber doch mit einer handwerklichen Solidität, die Lust auf den alten Text macht. Werden doch elementare Entfremdungsprozesse durch den Einbruch der Moderne verhandelt, die auch heute noch aktuell sind.

Verweigerung von Rollenklischees

Einen positiv-weiblichen Gegenentwurf zum Untergang dieses Kleinbürgers entwarf Karin Hercher 1984 in ihrer Bildschirm-Bearbeitung von Brechts „Die unwürdige Greisin“. Die schmale, auf Familienerinnerungen des Autors fußende „Kalendergeschichte“ wird  zur abendfüllenden Allegorie auf die späte Verweigerung von aufgezwungenen Rollenklischees.

Als die alte Dame nach dem Tod ihres Mannes plötzlich ein selbstbestimmtes Leben beginnt – ins Kino geht, mit der Mietkutsche ausfährt oder sich mit einem sozialdemokratisch verschrienen Schuster anfreundet – versuchen ihre Verwandten vergeblich, sie auf den „rechten Pfad“ zurückzuführen. Sie starb glücklich, „hatte die langen Jahre der Knechtschaft und die kurzen Jahre der Freiheit ausgekostet und das Brot des Lebens aufgezehrt bis auf den letzten Brosamen.“

„Fröhlich sein und träumen“

Als besonderen Coup gelang es der Regisseurin, für die Titelrolle Hanne Hiob zu besetzen, Brechts Tochter aus erster Ehe. Sie spielt sozusagen ihre eigene Urgroßmutter. Flankierend zu den fernsehdramatischen Ausgrabungen aus dem einstigen Abendprogramm bietet das Filmmuseum auch die Reihe „Fröhlich sein und träumen“ an. Hier werden Beispiele aus dem Bereich des Kinderfilms vorgestellt, die faktisch noch stärker dem Vergessen anheim gefallen waren. Im Kinostandard produziert, wurden sie meist nur ein einziges Mal gesendet.

Den Anfang macht „Ein Wigwam für die Störche“ mit Erwin Geschonneck in der Rolle eines unangepassten Rentners. Er tut sich mit einem Kind zusammen, um die Brutstellen der Störche in ihrem Dorf zu retten. Die Beiden setzen sich gegen die Widerstände der Verwaltung durch. Vom Regisseur Andreas Schreiber fast durchweg außerhalb des Studios gedreht, vermittelt sich eine überraschend realistische Perspektive, die vernehmliche Zeichen für Zivilcourage und ökologische Sensibilität setzt.