Commissario Brunetti (Uwe Kockisch) in einer Szene der Folge "Stille Wasser".
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BerlinMal steht er mit Fernglas am Bug eines Polizeibootes, mal setzt er mit dem Wassertaxi zu den Inseln Sant’Erasmo und Murano über, mal sitzt er im Ruderboot – Commissario Brunetti ist zu Weihnachten ein letztes Mal auf den Lagunen Venedigs unterwegs.

Seit zwanzig Jahren verfilmt die ARD Donna Leons Krimis, zunächst mit Joachim Krol. Seit 2003 ist Uwe Kockisch als Brunetti zu sehen. Mit dem 26. Fall lässt der Sender nun die Reihe auslaufen – der maritime Begriff stimmt hier in mehrfacher Hinsicht. Doch „Stille Wasser“ ist kein Abschiedsfilm mit einem Grande Finale. Denn bei den Dreharbeiten im Frühjahr war von einem Ende keine Rede, Uwe Kockisch ging von einer Weiterführung der Reihe aus, von Donna Leon lagen auch schon zwei weitere Bücher vor.

Befreiende Vergänglichkeit

Nun ist Kockisch indes – wie auch sein Regisseur Sigi Rothemund – inzwischen 75 Jahre alt geworden, das rechte Alter, um den Ort nur noch als Gast zu erleben. „Nirgendwo kann man Vergänglichkeit so direkt erleben wie in Venedig“, sagt Kockisch. „Und das ist sehr befreiend.“ Immerhin, erste Anzeichen dafür, dass sich auch die Karriere eines Commissario einmal dem Ende zuneigt, bietet der Film dann doch: Brunetti ist eigentlich zur Erholung auf die Insel Sant’Erasmo gekommen, ein Kollaps hatte ihn ins Spital gebracht.

Doch wie das im Krimi so ist: Sein Gastgeber (Hermann Beyer), noch dazu ein Freund seines Vaters, wird nach einem Sturm vermisst. Als Toter taucht er wieder auf.  Der krankgeschriebene Brunetti muss den Leichnam   aus dem Lagunenwasser ziehen. Der Ökokrimi von Donna Leon ist eher Durchschnitt, der Text nicht besonders originell. Selbst ein Brunetti muss nun fragen, ob der Tote Feinde hatte und die Ganoven gucken hier allesamt so grimmig, dass man eigentlich gar keine Befragung bräuchte.  

Keine permanente Hochspannung

Doch permanente Hochspannung war ja nie das Ziel dieser Krimireihe. „Die Ermittler führen die Zuschauer nicht nur souverän durch den Fall, sondern zugleich durch die Schönheit und Besonderheit ihrer Gegend“ – so erklärte einst der ARD-Programmdirektor das Konzept der ARD-Donnerstagskrimis, zu denen in den letzten Jahren auch die Venedig-Krimis gehörten, die zunächst am Sonnabend gelaufen waren.

Auch das zweite Flaggschiff dieser Flotte wird nun ausgemustert: Die seit 2008 laufende Reihe „Mordkommission Istanbul“. Hier nennt die ARD die Veränderung der politischen Lage in der Türkei als Grund. So wurde der vorletzte Fall in Thailand, der abschließende Film in Südafrika gedreht – absurd für einen Krimi, der den Reiz der türkischen Metropole zeigen will. Dabei hat sich auch Venedig in den letzten 20 Jahren geändert. Doch von den Massen an Touristen, die von Bord der Kreuzfahrtschiffe aus tagsüber die Stadt überfluten, war in den Krimis kaum etwas zu sehen.

Wie im Ferienklub

Die Krimireihen aus Venedig und Istanbul hatten zwar einerseits auf die fremden Kulissen gebaut, andererseits aber immer die komplette Schauspieler-Crew aus Deutschland mitgebracht, sodass sich der deutsche Zuschauer auch in der Fremde so vertraut fühlen konnte wie in einem Ferienclub oder auf einem Kreuzfahrtschiff. Dabei mutet es immer noch seltsam an, wenn einem Suzanne von Borsody als grüne Aktivistin „Patrizia Minati“ entgegentritt.  

Seit 2017 hat die ARD das Konzept der beiden auslaufenden Krimireihen auf immer neue Standorte übertragen, dabei aber auch verwässert. Denn nur die Fälle des „Kommissar Dupin“, die in der Bretagne spielen, bauen noch, wie in Venedig, auf eine literarische Vorlage – hier sind es die Romane von Jean-Luc Bannalec.

Routinierte Vielschreiber am Werk

Ansonsten sind überall die routinierten Vielschreiber am Werk, ob in Kroatien, Barcelona, Lissabon, Amsterdam oder Prag. Von den 14  gestarteten Auslandskrimis wurden einige bereits nach kurzer Zeit wieder eingestellt, so in Athen, im Urbino oder auf Island.

Eine Besonderheit ist der Tel-Aviv-Krimi – denn hier war eine deutsche Ermittlerin ins Ausland gegangen. Letzter neuer Spielort war das irische Galway mit Desiree Nosbusch. Dort wurden immerhin die Nebenrollen mit Einheimischen besetzt. Demnächst steht der nächste Zürich-Krimi mit Christian Kohlund auf dem Programm.  

Davor aber bringt die ARD auf dem Sendeplatz am Donnerstag noch zwei Verfilmungen nach Romanen von Charlotte Link. „Im Tal des Fuchses“ spielt in Wales, „Die Entscheidung“ in Marseille, Paris und Sofia. Das mag für geografische Vielfalt stehen – doch Wales sieht so aus wie Irland und die Verfilmungen der Bestseller-Autorin ragten noch nie aus dem Krimi-Durchschnitt heraus. Genauso gut hätte die ARD noch ein paar Jahre in den Lagunen von Venedig nach Leichen fischen können.

Donna Leon: Stille Wasser

Mi., 20.15 Uhr, ARD