Nicht jede Sprache kann alles. Sonst gäbe es keine Lehnwörter, also solche, die aus einer Sprache in eine andere wandern, weil sie etwas so treffend bezeichnen. Deutsch ist da recht erfolgreich, seine Wörter haben es in viele andere Sprachen geschafft. Ganz Frankreich spricht von Gemütlichkeit, ganz England vom Kindergarten, ganz Japan von ryukkusakku, also Rucksack.

Aber auch die deutsche Sprache kann natürlich nicht alles. Kürzlich schrieben wir hier über den Begriff Tsundoku. Das ist japanisch und beschreibt Menschen, die überall in ihrer Wohnung Stapel von Büchern errichtet haben, die sie erst noch lesen müssen. Dieses Verhalten ist ja auch in Deutschland bekannt, nur dass es eben kein Wort dafür gibt. Nun ist uns ein weiterer Begriff zu Ohren gekommen, der ein wohl weltweit verbreitetes Phänomen beschreibt: ‘bàofùxìng áoyè’.

Das ist chinesisch  und bedeutet grob übersetzt: aus Rache spät ins Bett gehen. Kommt Ihnen das bekannt vor? Die Rache richtet sich auf den Job, den Arbeitgeber, all diese Tage, an denen man keine Kontrolle über sein Leben hat, weil man etwas tut, das andere einem vorschreiben. All diese Phasen, in denen man sich nicht selbst zu gehören scheint. Abends aber ist es dann soweit. Wie soll man da früh ins Bett gehen können und die wertvolle eigene Zeit beschneiden, in der man endlich man selbst sein kann?  Obwohl man weiß, dass es nicht gut für einen ist.

Aber auch, wenn das Phänomen nur allzu bekannt ist, hat das Wort wenig Chancen, den Sprung in die deutsche Sprache zu schaffen. ‘bàofùxìng áoyè’ ist einfach zu kompliziert auszusprechen. Chinesisch ist noch dazu eine Tonsprache, das heißt, die Tonhöhe verändert die Bedeutung. Sie können sich den Begriff an einem dieser Abende, an denen sie längst im Bett sein sollten, aber aus lauter Rache immer noch vorm Bildschirm sitzen und ihre Freizeit genießen, ja mal von Microsoft Translator vorlesen lassen. Dann wissen Sie sofort, dass Sie das Wort niemals werden aussprechen können.