Wenn ich in meiner Berliner Wohnung aus dem Fenster gedankenversunken auf die Stadt schaue, die Dächerlandschaft, die Fassadenflächen und asphaltierten Straßen sehe, auf denen die Menschen hin- und hereilen und sich die Autos wie auf einem Fließband gedrängt aneinanderreihen, dann muss ich oft an unseren Wald, an unser Gebirge, an unsere Kindheit dort zwischen den Felsen und Bäumen denken. An diese Freiräume.

An eine heimatliche Abgeschiedenheit und idyllische Stille, welche nur die Amseln durchsingen können. An das Rascheln des Laubs zwischen unseren Schritten, an unsere aufblühende Phantasie. Besonders während der kalten Jahreszeit, wenn die Stadt düster und nass alles Leben nach drinnen verbannt, verwandelt sich diese Melancholie in eine derartig starke Sehnsucht, dass im Grunde nur noch eines hilft: raus aus der Stadt und rüber ins Gebirge, rein in den Wald, sobald es die Zeit erlaubt. Rüber heißt ins Zittauer Gebirge im äußersten Südosten Sachsens, wo jede Wanderung für uns auch eine Zeitreise darstellt.

Auf alten Pfaden im Zittauer Gebirge

Denn in der Natur des Mittelgebirges, welche sich an Sandsteinmassiven entlangschmiegt, ticken die Uhren anders und der Mensch kann wenig an den gebirgigen Gegebenheiten verändern. Gott sei Dank.

Und da eine kollektive Vergangenheit zu haben auch Heimat bedeutet, rufe ich die alten Gefährten, die ehemaligen Bewohner an, um zusammen nach Hause zu fahren. Für ein Wochenende in unserem gemeinsamen Wald. Dabei geht es nicht nur um eine Rückkehr und ein aktives Erinnern vor Ort, sondern ebenso ums Wandern an sich. Das Durchatmen, während man einem Pfad folgt, der an ein bestimmtes Ziel führt. Das gemeinsame Bewegen und auch Schweigen dabei. Man läuft einfach los und fühlt sich dabei eingefasst in eine Route und in eine Stimmung. Alles Weitere ist Natur, ist Zeitlosigkeit und Besinnung.

Das bisschen Freiheit unserer Eltern

Wir alle kennen die Gegend, die Auen hinter den Umgebindehäusern, die Auf- stiege zu den Gipfelbauden und Sandsteinfiguren unserer gemeinsamen Kindheit und Jugend wie unsere Westentasche. Hier breiteten wir unzählige Male Picknickdecken auf den rundgewaschenen Felsenplateaus aus, tranken warmen Kakao aus Thermoskannen und aßen Milchbrötchen aus unseren knallroten Brotbüchsen.

Wir sahen über die Wipfel und kleinen Schluchten weit in die Ferne, das bisschen Freiheit unserer Eltern. Hier begann und sprudelte unsere Phantasie. Dann fiel die Mauer.
Jetzt sind wir am Anfang unserer Dreißiger, haben Berufe gewählt und unsere Biografien weiter vorangetrieben – das Gebirge ist dasselbe geblieben. Die volle Luft, wenn der Nebel in den Nadelbäumen hängt. Das nasse Laub der letzten Jahre unter unseren Sohlen, ein Teppich von beruhigenden Farben. Der Sandstein, der unseren Aufstieg zur Felsenstadt flankiert, in der die alten Mühlsteine herausgebrochen wurden, glänzt reingewaschen vom Regen und weggeschmolzenen Schnee.

Gemeinsam in den Spreewald

Die dunklen Vogelflügel, die wie in Zeitlupe über dem Tal kreisen. Rufe ins verwinkelte Tal. Das leise Rauschen, vielleicht ein Echo, dann die Stille. Es war keine Frage, dass wir auf alten Wegen wandern wollten, um sicherzugehen, dass wir noch imstande sind, dieselbe Geschichte zu schreiben. Eine Erzählung vom Leben, welche uns als gemeinsamen Protagonisten so offen lässt wie nie zuvor, wie es weitergehen wird. Mit uns und mit der Region, aus der man eher weggeht, als für immer wiederzukommen.

Ich rief Friedrich an, er rief Katharina an und wenige Tage später fuhren wir gemeinsam am Spreewald vorbei in Richtung des äußersten Südosten Sachsens, ins Zittauer Gebirge, Teil des Sudetengebirgszugs, der sich über deutsche, tschechische und polnische Gebiete erstreckt.

Gemütliches Auftauen

Wir rattern mit der Schmalspurbahn nach Oybin. Stärker entschleunigt lässt es sich kaum fortbewegen. Schnaufend zieht die dampfende Lokomotive den Zug von Waggons hinter sich her. Wir sitzen im Vergnügungsabteil, dem Speisewagen, und erfreuen uns an den lokalen, typischen Imbissen und Getränken, Bieren und Schnaps. Draußen nieselt es an die Scheiben, innen wird es immer wärmer, wir tauen auf. Die Landschaft zeigt sich von beiden Seiten der Fensterplätze, sie scheint ein und dieselbe zu sein, unverändert von all der Zeit.

„Die Berge gehen nicht so schnell kaputt, die stehen hier einfach unbeeindruckt weiter ihren Mann, während wir eher so haltlos daher- kommen“, sagt Katharina. Wir nicken. Niemand zweifelt daran. Ist aber auch okay. Das Gebirge sitzt. Es ist fast schön, dass keine Sonne scheint. Die dichte Bewölkung, der variierende Regen und das milchige Tageslicht passen zu unseren Gesprächen, dem Auslassen, dem Erschöpftsein. Der Rest verschwindet im Nebel.

Später umhüllt uns eine ständige Freude, draußen zu sein, zu laufen, Pfade wieder zu erkennen, Erinnerungen zu haben, welche die Gegend in uns auslöst. So erfahren wir dank der uns umgebenden Natur viel voneinander. Ängste, Träume, die große Unruhe, die jeden von uns auf eine unterschiedliche Weise nervös macht. Wir verbringen die beiden Nächte in so- genannten Bauden. Das waren einst Schutzhütten für Hirten und Viehbauern.

Einquartieren und wohlfühlen

Etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie für Wanderer interessant und daraufhin zu Herbergen für Ausflügler erweitert. Das Interieur gaukelt vor, die Zeit würde nur sehr langsam fortschreiten, und schon fühlt man sich wohl und einquartiert. Früh stehen wir auf, das gehört einfach dazu, die Morgenstimmung, der junge Tag.

Nach einigen Kilometern Wanderung rasten wir auf einer Lichtung, auf einer Seite stehen dichte Felsformationen, die sich nach obenhin wie zu Obelisken verknappen, nur der dumpfe Schall eines Flugzeugs durchdringt den Frieden des Vogelgezwitschers.

Frisches tschechisches Pils

Und ich werde nicht vergessen, wie schön es ist. Hier, mitten im uns magischen Wald bei den Felsen, voreinander nichts verbergen zu können: Ich weiß nicht, wo ich eigentlich wirklich auf Dauer leben will und wie sich das anfühlen soll, wenn es einmal dazu kommt.

Nun wandern wir eine Zeit lang durch das Unterholz, überqueren dabei die grüne Grenze und landen in Myslivny in Böhmen, dem sogenannten Jägerdörfel. Hier erwarten uns frisches tschechisches Pils und Hausmannskost. Es duftet nach Knödeln und Kraut, das Kaminfeuer knistert. Draußen fällt feiner Sprühregen. Bierselig verfallen wir in Gespräche und herzhaftes Lachen. Hier ist alles gut, ziemlich gut. Dann beruhigt sich der Himmel etwas und wir ziehen weiter, bald wird es dunkel.

Wandertouren:

In Zittau das Auto am besten am Bahnhof parken und mit der Schmalspurbahn nach Oybin fahren. Dort angekommen, kann man die Wanderung rauf zur Töpferbaude beginnen. Von dort ist es nicht mehr weit zum Scharfenstein. Hier warten bereits fantasieanregende Sandsteinfiguren wie die „Brütende Henne“. www.toepferbaude.de

Eine gute erste Strecke auf der Höhe ist der Weg zum Hochwald und zur Hochwaldbaude. Dort beginnt der Aufstieg über Jonsdorf in die Felsenstadt, zum Nonnenfelsen und anschließend zur Lausche. Durch das Zittauer Gebirge führt auch der Europäische Fernwanderweg E3, der einer der längsten Wanderwege der Welt ist.

Essen und Trinken:

Auf der Speisekarte des Zittauer Gebirges stehen vor allem Wildgerichte, aber auch Forellen aus den umliegenden Gewässern sowie saisonal frische Pfif-ferlinge. Einflüsse der böhmischen Küche bringen zudem allerlei Knödelarten auf den Teller. Bestes regionales wie tschechisches Bier gehören ebenfalls zu den Grundnahrungsmitteln.

Wenn man den Berg Lausche (793 m) auf der tschechischen Seite hinabsteigt, führt der Weg ins sogenannte Jägerdörfel. Dort kann man hervorragend und preiswert in der „Luzicka Bouda“ zum typisch böhmischen Mittagessen einkehren. Nach zu viel Schnaps gibt es hier zum Glück auch Übernachtungsmöglichkeiten. www.luzickabouda.cz

Schlafen:

Direkt an der deutsch-tschechischen Grenze, auf der Spitze des Hochwaldes, befindet sich eine der historischen Bauden (ausgebaute Gipfelhütten) des Gebirges – die Hochwaldbaude. Wanderer finden hier ein ehrliches, deftiges Essen und ein einfaches Bett vor. Der Blick über die gesamte Gegend des Dreiländerecks (D, CZ, PL) ist einmalig. www.hochwaldbaude.de

Im Luftkurort Jonsdorf (hier hält auch die Schmalspurbahn) befindet sich, um- geben von restaurierten Umgebindehäusern und einem Bächlein, das fein her- ausgeputzte Hotel „Dammschenke“ mit einem urigen Dampfbadbereich. Hier kann man auch hervorragend lokale Küche genießen, sofern man Lausitzer Mundart beherrscht, denn die Speisekarte ist nicht in Hochdeutsch verfasst. www.dammschenke.de

Anschauen:

Die historische Schmalspurbahn versetzt einen in eine längst vergangene Zeit. Die Dampflok rattert täglich von Zittau nach Oybin oder nach Jonsdorf. Es gibt auch offene Waggons, in denen die Landschaft unmittelbar vorbeizieht. In den atmosphärischen Speisewaggons sollte man einen Tisch vorbestellen. www.zittauer-schmalspurbahn.de

Während Jonsdorf ein guter Ausgangspunkt zum Wandern ist, bietet der Berg Oybin ein Freilichtmuseum mit einer alten Festungsanlage und Klosterruine, zudem einen tollen Rundumblick. Während des Aufstiegs kommt man an der soge- nannten Bergkirche (18. Jahrhundert) vorbei, deren holzvertäfelter Altarraum sehenswert ist. www.burgundkloster-oybin.com

In Zittau lohnt ein Spaziergang durch die historische Altstadt und über den hübschen Mittwochsmarkt, wo jede Woche ab sieben Uhr morgens frische Produkte aus der Region angeboten werden. Vom 8. bis 16. Dezember findet auch ein Weihnachtsmarkt statt. www.zittau.de