Der Anarchist, Publizist und Blogger Erich Mühsam 1920 in der Festungshaftanstalt Ansbach.
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BerlinDie Ausgabe der Tagebücher des anarchistischen Dichters und Rebellen Erich Mühsam (1878−1934) ist jetzt nach 7000 Seiten mit Band 15 abgeschlossen. Eine heroische Tat der beiden Herausgeber Chris Hirte – er war 1978-1985 bereits Mitherausgeber der Erich-Mühsam-Werkausgabe im DDR-Verlag Volk und Welt – und Conrad Piens. Der ist Informatiker und Antiquar und hegt und pflegt die Website www.muehsam.de, die die Ausgabe erläutert und erschließt.

Mühsams Tagebücher liegen jetzt digital und in schönes, schwarzes Leinen gebunden als Bücher vor. Die Hefte 2-4, die Teile des Jahres 1910 dokumentieren, sind ebenso wie die Hefte 18-21, die die Kriegsjahre 1916-1919 beschreiben, verschollen. Der erste Eintrag des ersten Bandes stammt vom 22. August 1910. Mühsam ist in dem Kurort Chateau d’Oex und liest in den Tagebüchern Varnhagen von Enses.


Mühsam-Bücher


„Damals lohnte es noch Tagebücher zu schreiben!"

Er meint: „Damals lohnte es noch Tagebücher zu schreiben! Trotz der Armseligkeit der vormärzlichen Politiker – welche bewegte Zeit! Welche Beziehung zwischen Geistigkeit und Öffentlichkeit! Welche Teilnahme der großen Geister (Varnhagen, Humboldt, Tieck, Bettina v. Arnim usw.) an den Geschehnissen des Tages! – und heute? Unsere Zeit ist bei Gott nicht minder armselig, unsre Regierungen nicht minder jämmerlich, unsre Politik nicht minder chikanös, knechtschaffen und vormärzlich. Nur eins unterscheidet unsre Tage von Varnhagens: heut ist auch das Volk interesselos, und die Geistigkeit nimmt schon garnicht teil an allem was vorgeht!“

Die ersten Jahre sieht man Mühsam zu, wie er nahezu allabendlich dabei ist, jemanden aufzutreiben, der ihm ein wenig Geld leiht. Kaum eine Nacht, die er nicht in irgendeinem Lokal verbringt. Dazwischen Theater, Frauen und Gedichte. „La Boheme“ ohne Gesang, dafür aber mit ein wenig Klassenkampf und literarischer Avantgarde.

Ein richtiges Leben im falschen

Chris Hirte sieht das im Nachwort zum letzten Band ein wenig anders: „Mit seinem Tagebuch trat Mühsam den Beweis an, dass er, (Adorno schon im Vorgriff widersprechend) sehr wohl ein richtiges Leben im falschen führen konnte. Die sozialen und moralischen Zwänge des Kaiserreichs geschickt umgehend, suchte er sich einen Weg, der ihm die größtmögliche Freiheit bot, nämlich ein Leben in fast völliger Selbstbestimmung. Die Münchner Pensionsmiete zahlte ihm zähneknirschend der Vater, es war das ,Grundeinkommen’, das ihm eine gewisse Beweglichkeit gestattete, doch nur so konnte er seinem anarchistischen Experiment den nötigen Schwung verleihen, es gegen alle Widrigkeiten durchhalten – und als öffentlichen Auftritt zelebrieren.“

Er zog durch die Kneipen und bot seine Zeitschriften an. Von 1911 bis 1914 und dann wieder 1918 bis Mitte 1919 „Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit“, 1926–1932 „Fanal. Anarchistische Monatsschrift“. Mühsam füllte seine Zeitungen am liebsten mit den eigenen Beiträgen.

Mühsam, Kraus und Harden waren Blogger

Der spätere SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner (1906−1990) zog im Herbst 1926 zusammen mit seiner Freundin bei dem seit 1915 mit Zenzl Elfinger verheirateten Mühsam ein und half ihm bei der Arbeit an „Fanal“. Als Wehner, ein schon damals sehr erfolgreicher anarchistischer Redner, im Fanal auch eigene Texte veröffentlichen wollte, erklärte Mühsam: „Das Fanal muss ich trotz aller Beschwerden meiner eigenen Arbeit reservieren. Wollte ich Mitarbeiter beschäftigen, so müsste ich ihre Arbeiten so gut honorieren wie die Arbeiten des Druckers und Buchbinders. Dazu fehlt es durchaus an Geld. Außerdem habe ich nur 16 Seiten im Monat Platz für meine eigenen Beiträge …“

Wehner warf daraufhin Mühsam vor, er bezöge nicht energisch genug gegen die Kommunisten Stellung, um kurz darauf selbst – so geht eine der Legenden – Mühsams Kasse mitnehmend, zur KPD überzulaufen, in der er bald ein enger Mitarbeiter Thälmanns wurde.

So von Mühsam belehrt, erkennt man in Karl Kraus (1874−1936), in Maximilian Harden (1861−1927) Blogger. Die Zeitschriften „Die Fackel“ (1899−1936) und „Die Zukunft“ (1892−1922) waren wie „Kain“ und „Fanal“ in Wahrheit Blogs, in denen fast ausschließlich die Herausgeber selbst zu Wort kamen. Nichts lag ihnen ferner als der Gedanke an ein Medium, in dem unterschiedliche Standpunkte zu Worte kamen. Sie waren Autokraten, die dem Rest der Menschheit sagen wollten, wo es lang geht. Von diesem Schlage war auch Erich Mühsam.

Mentalitätsgeschichte der SPD

Besser wäre es gewesen, man wäre den Weg gegangen, den Erich Mühsam gewiesen hatte. Denkt sich der Leser, der in seinen Tagebüchern blättert. Mühsams bittere Satiren auf die revolutionäre Unentschlossenheit nicht nur der Bürger, sondern auch der Sozialdemokratie lesen sich amüsant, und jeder, der sich wundert, dass die SPD Herrn Sarrazin bis heute nicht losgeworden ist, kann hier eintauchen in die Mentalitätsgeschichte einer Partei, über die Mühsam schon 1907 dichtete: „War einmal ein Revoluzzer/ im Zivilstand Lampenputzer“.

Mühsam hatte sich aus den Zwickmühlen einer bürgerlichen Existenz – Papas Apothekereinkünfte nutzend – hinausbegeben. Er war sogar soweit gegangen, ebenfalls 1907 den politischen Terrorismus als künstlerische Praxis zu betrachten. Mit Politik hat das alles wenig zu tun. Sie ist die Kunst, in der jeweiligen Lage das in diesem Augenblick Richtige zu tun. Dazu war Erich Mühsam niemals im Stande. Das ist kein Vorwurf. Das ist die Einsicht, zu der man bei der Lektüre seiner Werke kommt.

Mühsam erreicht das Herz seiner Leser noch heute, wenn er sich einsetzt gegen die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen, wenn er daran erinnert, dass eine Gesellschaft, die Hunderttausende verrecken lässt, abgeschafft gehört.

Faszinierende Gefängnistagebücher

Ich bin auch viele Seiten lang fasziniert von den Gefängnistagebüchern, also denen vom September 1919 bis zum letzten Eintrag am 20. Dezember 1924: „Vormittag 10 1/2 Uhr. Frei!“. Fasziniert von der Entschlossenheit, der Energie, mit der Mühsam begreifen will, was draußen geschieht. Warum verhalten sich die Parteien so, wie sie sich verhalten? Warum die Bürger? Warum die Proletarier? Politik ist für ihn das Kräftespiel, um einen mal mehr, mal weniger wirksamen verborgenen Magneten herum: die Revolution.

Je länger man in den Bänden liest, desto spürbarer wird die Verzweiflung. Dem Leser fällt sie vor allem daran auf, wie gern Mühsam jedem kleinen Aufbegehren nachläuft. Wie ein Hund liegt die Hoffnung hinter dem Ofen und springt begeistert auf, wenn das Herrchen nach den Schuhen zu greifen scheint. Man versteht das nur zu gut. Wenn man gar an das Ende denkt, also daran, dass Erich Mühsam am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg von der SS-Wachmannschaft ermordet wurde und seine Ehefrau, die in die Sowjetunion geflohen war, dort fast 20 Jahre im Gulag verbrachte, bis sie in die DDR entlassen wurde, wo sie 1962 mit 77 Jahren starb. Es gibt, möchte man dazwischenrufen, doch kein richtiges im falschen Leben.

"Wir sind dem Untergang geweiht"

Harden, Kraus und Mühsam, die drei Blogger, waren frei geborene Juden. Sie gehörten zu einer Generation, für die das Ghetto ferne Vergangenheit war. Dass sie sich zu Wort melden konnten, war eine Errungenschaft. Dass sie es so gut konnten, war ihre private Leistung, zu der sie womöglich angestachelt worden waren durch den Neid und den Hass vieler ihrer christlichen Mitschüler.

Der Antisemitismus war auch der Aufstand der Etablierten gegen die Außenseiter, die dabei waren, die ihnen zustehenden Sitze in der Gesellschaft einzunehmen. Erich Mühsam wollte keinen Platz in der Hierarchie. Er wollte Schluss machen mit jeder Art von Hierarchie. Darum wurde er umgebracht. Dass ihm das drohte, war ihm immer klar gewesen.

Im Februar 1933 sprach er vor der Berliner oppositionellen Gruppe – wo sonst? – des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller. Es war seine letzte Rede: „Und ich sage euch, dass wir, die wir hier versammelt sind, uns alle nicht wiedersehen. Wir sind eine Kompanie auf verlorenem Posten. Aber wenn wir hundertmal in den Gefängnissen verrecken werden, so müssen wir heute noch die Wahrheit sagen, hinausrufen, dass wir protestieren. Wir sind dem Untergang geweiht.“