Ausreise: Der Letzte macht das Licht aus

Tim Sandweg ist Puppentheaterdramaturg in Magdeburg und wird ab der nächsten Spielzeit als künstlerischer Leiter die Berliner Schaubude übernehmen. Mit seiner Initiative Pro Holzweg versucht er möglichst viele Einwohner Sachsen-Anhalts dazu zu bewegen, es ihm gleich zu tun und ihrer Heimat den Rücken zu kehren, um das Land der Natur zu überlassen. Wir telefonierten mit Tim Sandweg, um uns von seinem jüngsten Projekt, dem Gewinnspiel „Leaving Dessau“, berichten zu lassen.

Herr Sandweg, was kann man bei „Leaving Dessau“ gewinnen, und was muss man dafür tun?

Man kann eine Ausreise gewinnen. Es gibt drei Runden mit jeweils drei Kandidaten aus Bereichen, wo die Politik mit Kürzungen schon viele Anreize zur Ausreise geschaffen hat. Das wären die Kulturschaffenden, dann Studenten und schließlich drei Rentner. Die treten in Spielen an, bei denen sie ihre kognitiven und sportlichen Fähigkeiten beweisen können. In der Finalshow wird dann der Gewinner ermittelt − und der bekommt die Greencard und eine Reise.

Uns war gar nicht klar, dass man Sachsen-Anhalt nicht einfach so verlassen darf.

Man darf Sachsen-Anhalt auch einfach so verlassen, das habe ich im Sommer selbst getan. Das Ziel unserer Initiative Pro Holzweg ist es, möglichst alle Menschen aus Sachen-Anhalt herauszubekommen, um hier einen Naturpark einzurichten. Nun ist es aber so, dass mancher Sachsen-Anhalt als seine Heimat empfindet und von unserer Idee irritiert ist. Und da haben wir gedacht, okay, wir müssen Anreize schaffen. Und wie sollte das besser gehen als mit einem Fernsehformat.

Sie wollen die Menschen also intellektuell bei dem abholen, was sie gewohnt sind, um ihnen den Weg in die Fremde zu zeigen.

Intellektuell und emotional.

Was wären denn vonseiten der Politik Maßnahmen, die Sie in Ihren Zielen unterstützen würden?

Wir sind es, die die Politik unterstützen, indem wir helfen, die Ziele, die sie mit ihren Maßnahmen verfolgt, explizit zu machen. Wir wollten den Politikern die Scheu nehmen, sich zur Vision eines menschenleeren Bundeslandes zu bekennen. Mit den Kürzungen im kulturellen Bereich und in der Bildung betreiben sie ja bereits effektive Renaturierungspolitik.

Es gibt aber immer noch Leute, die bleiben wollen? Warum?

Als drei Hauptgründe werden das Eigenheim, soziale Verbundenheit und Heimatgefühle ins Feld geführt. Hier müssen wir angreifen.

Eine Idee wäre auch, auf die tatkräftige Unterstützung der Neonazi-Szene zurückzugreifen, um das Land noch unattraktiver zu machen.

Wir arbeiten parteiübergreifend und auf der Basis von Freiwilligkeit. Es geht nicht darum, die Leute gegen ihren Willen rauszuschmeißen, sondern sie zu überzeugen, dass es schöner ist, woanders zu leben. Und deshalb werden wir nicht mit der Neonazi-Szene zusammenarbeiten. Schon weil wir ja wollen, dass die möglichst zuerst wegziehen. Und zwar nicht nur aus Sachsen-Anhalt.

Wie nimmt man Ihre Initiative auf? Wirft man Ihnen mit Ihrer westdeutschen Herkunft nicht vor, sich über solche Themen wie Republikflucht lustig zu machen?

Gar nicht. Wir waren eher überrascht über die positiven, ermunternden Reaktionen auch von Leuten, die lieber noch bleiben wollen.

Das scheint ein humorvollesVolk zu sein, das spricht gegen alle Klischees.

Solche Klischees abzubauen, gehört ja zu unseren Zielen.

Sie selbst sind nun auch ausgereist. Werden Sie mit Ihrer Vergraulerei an der Schaubude fortfahren?

Im Gegenteil, da möchte ich natürlich, dass möglichst viele Leute hinkommen.

Dann könnten Sie ja das in Sachsen-Anhalt eingesparte Geld in Berlin ausgeben.

Ich wäre nicht abgeneigt. Ja, warum nicht. Ich würde es nehmen.

Das Gespräch führte Ulrich Seidler.

Leaving Dessau Am 11. 9. beginnt das Ausreisespiel. Ausreisewillige Dessauer können sich noch bewerben: leavingdessau@anhaltisches-theater.de