„Außenseiter – Spitzenreiter“: Neustart für älteste deutsche Unterhaltungssendung

Die älteste Unterhaltungssendung des deutschen Fernsehens hat eine neue Moderatorin! Nein, es geht nicht um „Wetten dass..“ – die ZDF-Show läuft doch erst seit 1981. Schon 1972 aber hatte das DDR-Fernsehen „Außenseiter – Spitzenreiter“ gestartet. Der „Kundendienst für Neugierige“ überraschte. So pfiffig, hintergründig und verspielt wie hier war das DDR-Fernsehen selten.

Die Macher um den Gründer und Moderator Hans-Joachim Wolfram und den Reporter Hans-Joachim Wolle tauchten tief in den Alltag ein, fanden Tüftler und Spinner, vermaßen öffentlich Toilettenpapier und testeten BH-Verschlüsse. Nach der Wende übernahm der MDR die Kultsendung, die immer noch von Hans-Joachim Wolfram moderiert wurde, aber längst nicht mehr die einstige Originalität besaß.

„Als die Sendung gestartet wurde, war ich etwa so groß“, sagt die neue Moderatorin Madeleine Wehle und zeigt auf eine Stelle überm Knie. Wie nahezu jeder DDR-Bürger hat auch sie eine ganz besondere Lieblings-Episode der Kultsendung. Bei ihr sind es jene Eigenheimbauer, die ihr Haus mit einer Kurbel immer in Sonnenrichtung drehen konnten. „Genial – das hat bis heute keiner nachgebaut!“

Die Moderatorin, die seit 1993 für den ORB arbeitete und im RBB derzeit die Sendungen „Zibb“ und das Promi-Porträt „Ein Wochenende mit“ moderiert, hatte Anfang des Jahres in einer Spezialsendung an einige Höhepunkte aus knapp 40 Jahren „Außenseiter – Spitzenreiter“ erinnert. In den letzten Wochen entstanden die Beiträge für die erste eigene Sendung.

Übergabe nicht reibungslos

Die Übergabe verlief nicht ganz reibungslos. Der Gründer Hans-Joachim Wolfram, inzwischen 77 Jahre alt, wollte seine Sendung gern noch bis zum 40. Jubiläum im Juni selbst präsentieren und produzieren. Doch die neue MDR-Crew um Fernsehdirektor Wolf-Dieter Jacobi verlängerte den Ende 2011 ausgelaufenen Vertrag nicht mehr und bot Wolfram eine große Abschieds-Gala an – die dieser aber ablehnte. Seit Jahresanfang produziert der MDR die Sendung von Leipzig aus.

Madeleine Wehle fand es schade, dass Hans-Joachim Wolfram nicht in ihrer „Übergabe-Sendung“ auftreten wollte: „Ich hätte ihn gern mal getroffen.“ Dafür kam Wolframs einstiger Kompagnon: Reporter Hans-Joachim Wolle übergab Madeleine Wehle symbolisch sein legendäres Tonbandgerät. Selbst tragen möchte Wehle das Gerät allerdings keineswegs, nicht nur wegen des Gewichts: „ Das Gerät gehört in die Zeit damals und zu Herrn Wolle. Wie er auf die Leute zugegangen ist, das war immer sehr authentisch – jeder konnte ja sehen, wie das Band lief.“

Besondere Beachtung erregte das Gerät bei Wolles legendären Interviews am FKK-Strand – da blieb es seine einzige Bekleidung. Madeleine Wehle glaubt nicht, dass solche Nacktreportagen heute völlig unmöglich wären: „Ach, manche Männer würden alles mögliche machen, um aufzufallen!“ Natürlich sei auch sie schon gefragt worden, ob sie nackt am Strand auftreten würde. „Da kann ich mich auf den Rat von Hans-Joachim Wolle berufen, der mir sagte: Mach es nicht! Und ich höre natürlich auf den Rat eines Weisen.“

Die Moderatorin gibt zu, dass sie anfangs etwas skeptisch war, als ihr der MDR die Sendung anbot, wusste auch: „Nicht jeder, der die Sendung kennt, hat sie zuletzt auch noch gesehen.“ Zusammen mit dem neuen Team will sie wieder Lust auf „Außenseiter – Spitzenreiter“ wecken und hofft, dass sich die Zuschauer wieder stärker mit Fragen und Vorschlägen beteiligen, auch über neue Medien wie Facebook. Madeleine Wehle ist klar, dass heutzutage viele verrückte Menschen im Fernsehen rumlaufen. „Doch wir suchen nach Leuten, die von einer Sache richtig begeistert sind, die viel Fantasie haben, vielleicht sogar eine Vision.“

Für den Neustart, der auch mit ganz neuer Grafik daherkommt, hat sie mit ihrem Team unter anderem ein Haus auf Usedom besichtigt, dass komplett auf dem Kopf steht – „allein vom Gang durch die Küche wird man seekrank“; sie ist im Hamburger Hafen durch ein U-Boot gekrabbelt, das ein Sachse gekauft hat und hat in der Uckermark die Anhänger des „Fliegenden Spaghetti-Monsters“ besucht, „ein sehr spezieller Glaube“.

Von Madeleine Wehle als Reporterin wird es abhängen, ob „Außenseiter – Spitzenreiter“ nur eine weitere Parade von Spinnern und Freaks bleibt oder die einstige Originalität zurückgewinnen kann. Die Berlinerin jedenfalls freut sich auf die spontanen Begegnungen, betont aber: „Ich will die Geschichte hinter der Geschichte zeigen.“

Außenseiter – Spitzenreiter, erster Mittwoch im Monat, 21.15 Uhr, MDR