An der Neuen Wache Berlin, fotografiert 1991.
Foto: Else Bechteler-Moses

Berlin Im Schatten der zahlreichen Veranstaltungen zum 30. Jahrestag des Mauerfalls ist eine kleine Ausstellung im Berliner Bröhan-Museum weitgehend durch das öffentliche Wahrnehmungsraster gefallen. Keine große Sache, schließlich waren die meisten der Fotos bereits in anderen Zusammenhängen zu sehen. Die nun unter dem Titel „Abschied und Anfang“ gezeigten Fotografien waren erstmals 1991 als „Ostdeutsche Porträts“ im Deutschen Historischen Museum (DHM) ausgestellt worden. 

Gleich nach der Wende hatte der im Februar im Alter von 91 gestorbene Münchener Fotograf Stefan Moses die Gelegenheit genutzt, DDR-Bürger in der Umbruchphase zu porträtieren. Moses knüpft dabei an das von August Sander geprägte Porträtformat an, das unter dem Titel „Menschen des 20. Jahrhunderts“ längst zum Inbegriff einer Art pathetischer Nüchternheit geworden ist.

Fotos von Respräsentanten der Beruflichkeit

Die Personen, die sich vor Sanders Kamera positionierten, zeigten sich weniger als Menschen des Alltags, sondern als Repräsentanten der Beruflichkeit. Allenfalls vereinzelt waren hinter der uniformen Haltung subtile Gesten und individueller Charme zu erkennen. Die Fotos von Stefan Moses greifen Sanders’ Konzept spielerisch auf und erneuern es auch formal auf entscheidende Weise.

Zwar ist die Last beschwerlicher Arbeit auf einigen der Fotos noch deutlich zu vernehmen, etwa wenn sich eine Gruppe von Arbeitern des Tagebaus im sächsischen Borna mit Moped und Helmen vor düster-drohender Industrieanlage zeigt. In den proletarischen Stolz aber, den der realexistierende Sozialismus als Grundhaltung abverlangte, mischen sich spürbar Ironie und Neugier, die sogleich wieder wie eingefroren wirken angesichts einer heraufziehenden Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes.

Heiner Müller in Hellersdorf, ebenfalls 1991 fotografiert.
Foto: Else Bechteler-Moses 

Bilderarten verändern sich mit der Zeit

Ganz selbstbewusst und mit aufreizender Lust auf eine ganz andere Zukunft präsentieren sich hingegen LPG-Bäuerinnen. Heute wissen wir, dass es in dieser Form auch eine Abschiedsgeste des Agrarstaats war, wie man ihn kannte. Viele seiner Akteure hat Stefan Moses vor einer weiß-grauen Leinwand postiert, die im Studio für einen gut auszuleuchtenden Hintergrund vorgesehen ist.

In den jeweiligen Arrangements in der Landschaft aber wirken sie wie ein grobes Zitat, das die bloße Porträtsituation in einen narrativen Zusammenhang überführt. Heiner Müller etwa steht da wie gewohnt in provokativer Rauchergeste an einem Kinderspielplatz in einer Neubausiedlung. Die kontrastgebende Requisite des Fotografen zu Inszenierungszwecken, will das Bild wohl auch sagen, versagt vor der Hässlichkeit der Zweck-Architektur.

Die Ausstellung der Moses-Bilder im Bröhan-Museum berichtet auf zurückgenommene Art und Weise auch davon, wie sich die Lesarten von Bildern im Verlauf der Geschichte verändern.

Stefan Moses – Abschied und Anfang Ostdeutsche Porträts 1989–1990, bis zum 19. April 2020, Bröhan-Museum, Schloßstraße 1 a