Shirley Wegner inszenierte mit dieser unwirklichen „Night Explosion“, 2013, ein bedrohliches, metaphorisches Wolkendrama über einem israelischen Siedlungsgebiet .
Foto: Shirley Wegner/ Farideh Cadot Paris

BerlinLang, lang ist’s her, dass die Leute der um 1826 erfundenen Fotografie – damals schrieb man die Neuerung noch mit zwei „ph“ – eine große Realitätsnähe zugestanden haben. Und diese Meinung hielt sich. Auch dann noch, als das Medium nach 1900 in den USA und viel später auch in Europa die Weihen der Kunstzugehörigkeit erhielt, als immer mehr „Photographen“ und später dudengemäße „Fotografen“ das weite Feld des Experimentierens entdeckten und die Disziplin längst nicht mehr dem Abbildhaften zu dienen hatte. So Mancher glaubt bis heute, im Zeitalter der Digitalisierung und der massenhaften Manipulation, an den Wahrheitsgehalt des Mediums.

In der Ausstellung „Modell-Naturen in der zeitgenössischen Fotografie“ in der Berliner Alfred-Ehrhardt-Stiftung ist also die Rede von den künstlerischen Täuschungsstrategien in der Fotografie, von den unerschöpflichen Illusionsmöglichkeiten, wie sie spätestes seit dem Manierismus der Malerei zu eigen sind. Heute wissen wir von dem mannigfaltigen Manipulationspotenzial der Fotografie; die digitale Technik kann im Prinzip alles und jedes.

Diesem spannenden Thema widmen sich fünf bekannte Fotografinnen und Fotografen. Ihre Naturaufnahmen wurden nicht digital nachbearbeitet. Umso mehr verwandten alle – zwei Frauen und drei Männer – viel Mühe darauf, „Modell-Naturen“ zu schaffen, per Hand Augentäuschungen zu „bauen“, die dann durch Kamerastandpunkt, Fokussierung, Ausleuchtung, Belichtungszeit derart gezielt fixiert wurden, sodass diese absichtsvoll „hergestellte“ Natur  frappierend echt aussieht.

Die Meeresaufnahme „Islands“ von Thomas Wrede (Abb. links) etwa. Täuschend real wirkt dieses Blau von Himmel, Wasser und den schwarzgrauen, teils mit Vegetation grünlich bewachsenen, aber unwirtlichen Felsinselchen, die auf der Oberfläche zu schwimmen scheinen. In Wirklichkeit gehören diese Brocken unterirdisch zu einer ganzen, für Boote, Schiffe, Schwimmer gefährlichen Formation. Der Anblick vermittelt etwas Spielerisches und auch verwirrend Sphärisches. Das Motiv, mit seinen verschobenen Proportionen wird zur surrealen Metapher für Raum und Zeit. Für die Beziehungen zwischen verschiedenen Teilen der Materie. Weder Raum noch Zeit existieren laut Einstein unabhängig von Materie. Raum und Zeit gelten als Eigenschaften des Vakuums – und sind beeinflussbar.

Bild der Woche

Am Exkurs über die Fotografie der Natur beteiligen sich fünf namhafte internationale Fotokünstler: Sonja Braas, Shirley Wegner, Oliver Boberg, Julian Charrière und Thomas Wrede.
Die Ausstellung „Modell-Naturen in der zeitgenössischen Fotografie“ beginnt am 10. Januar, 19 Uhr, in der Alfred-Ehrhardt-Stiftung, Auguststr. 75. Bis 26. April, Di–So 11–18 Uhr. 
Tel.: 20095333
alfred-ehrhardt-stiftung.de

Die von Shirley Wegner konstruierte „Nacht Explosion“ (Abb. oben) erzeugt eine Dramatik, der man zugleich das Unwirkliche, die Künstlichkeit ansieht. Die israelische Künstlerin baute für ihre „Modell“-Fotos riesige Bricolagen – Bild-Basteleien von Landschaften ihrer politisch zerrissenen Heimat, mit den Siedlungsgebieten und Grenzmauern.

Die Lichter der nächtlichen Ortschaften unter den explosiven rot-lila-orange-gelben und weiß-schwarzen Wolkenformationen sind nur noch helle Farbreflexe, die ein System menschlicher Behausungen ahnen lassen. Leben da unten Israelis? Juden, Christen, Araber? Und was richten die Quellformen der Wolken an, was besagen sie? Dass Aufnahmen wie diese vor allem die Realität ins Künstliche kippen, dass man dann irritiert ist, weil es womöglich auch umgekehrt sein kann, liegt an der starken Metaphorik der Aufnahmen. Betrachter werden da zu ganz unterschiedlichen Assoziationen kommen. Es ist die Lust am Schein, die einen bannt und zugleich alte Sehgewohnheiten infrage stellt, diese auf einmal zu einem vielleicht auch verstörenden Spiel treibt – und einen womöglich an die eigenen Grenzen der Wahrnehmung bringt: die des Realen wie des Künstlichen. So, wenn Oliver Boberg im öden Niemandsland auf einmal Schatten inszeniert wie in einem Hitchcock-Film. Oder wenn einem fast der Atem stockt angesichts der künstlichen und doch real wirkenden Bergpanoramen Julian Charrières.  

Nicht zuletzt vor den „Modellen“ von Sonja Braas, in denen sich theatralische, furchteinflößende Naturschauspiele – Wirbelstürme und Fluten – ereignen, kommt das Zerstörerische in atemberaubend romantischer Schönheit daher. Als eine Art biblischer Genesis, die als wandfüllendes 40-teiliges Foto-Tableau zu erleben ist. Kommentare zur unaufhaltsamen Bilderflut unserer Zeit.