„Sie ist die Nacht“ , 2019.
Foto: Paula Gehrmann

Berlin-SteglitzEine düster mystische Atmosphäre durchzieht die Ausstellungsräume des Gutshauses Steglitz. Die eigentlich pastellfarbenen Wände der Villa aus dem preußischen Frühklassizismus sind schwarz abgehängt, unterbrochen nur von einem royalen Rot hinter einem ausladenden Triptychon, einem Streif Violett und einem Kobaltblau in einer Nische.

In dieses Ambiente sind die Arrangements der Bildertafeln konzentriert gesetzt. Gleich zu Anfang zwingt der Künstler Jens Schubert die Besucher, einen Bilderzirkel zu umrunden, eine Art magischen Kreis aus sieben Aufstellern mit Motiven, die an Tarot-Karten erinnern und doch ganz eigene, eigentümliche Kreationen erkennen lassen.

Fischäugige Madonnen

Aus dunkel seriell gestreiften Bildkompositionen starren Augen, Schlangen mit Katzenköpfen, eine Renaissance-Dame, Masken, Wappen wie Architekturen, surreal und traumverloren. Nicht von vorne einsehbar ist dieses Bild: Es zeigt zwei Frauenhände, auf den ersten Blick wie von von Raffael-Madonnen – wären da nicht diese Augen auf Fischköpfen, die zwischen ihren Fingern und aus der aufgeschlitzten Handfläche flutschen. Vielleicht sind es ja doch Fehdehandschuhe und die Augen nicht die des Allmächtigen, sondern solche, die den bösen Blick abwehren, während die Falten des Kleides in grafischer Abstraktion durch den Bildhintergrund grätschen. Präsentiert wird die Tafel halb im Verborgenen, in einer Art Geheimkammer – oder ist es ein Beichtstuhl? – zusammen mit Schale, Kelch und Apfelgefäß.

Jens Schubert spielt mit Verrätselungen, mit Archetypen der kulturellen Vorstellungswelt des Abendlandes, die durch philosophische, religiöse, geheimbündlerische Traditionen geprägt wurden. Symbole und Zeichen als Träger von Geschichte und geheimen Wissen erfindet er wie durch den Blick in ein Kaleidoskop neu. Sonne, Mond und Firmament, Lilien, Dreiblatt und Standarten, Tiere, Steine, Bäume, Türme, ganze Städte finden sich in seinem Bilderarsenal.

Geh mit mir den langen Weg zum Ufer", 2019.
Foto: Paula Gehrmann
Der Künstler

Jens Schubert wurde 1983 in Schwarzenberg/Erzgebirge geboren und studierte von 2004 bis 2009 an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Annette Schröter, deren Meisterschüler er war. Seit 2016 hat Jens Schubert einen Lehrauftrag an der Hochschule für Künste Bremen.
Die Ausstellung „Am Ende der Welt steht ein Wald aus Stein“, bis 17. Dezember im Gutshaus Steglitz, Schloßstraße 48, Mo–So 10–18 Uhr, Tel.: 030 90 299 2302, Eintritt frei.
www.kultur-steglitz-zehlendorf.de

Im Zentrum des altarähnlichen Triptychons schwebt ein Engel im Harnisch, er trägt den Titel „Bedeckt mit Glanz und Gischt“ und wird flankiert von einem Gebirge zur Rechten und einem „Ende“ zur Linken als wär's der Abspann eines Kinofilms. In einem anderen Zyklus irritiert ein mit dem Rücken zugewandter Mann mit Kippa und von einer Art EU-Sternenkranz umwölkt, als „Schnee fiel weit ins Tal“ betitelt. Überhaupt sprechen die Bildtitel für sich, suggestiv erweitern sie den Bildraum. So kommt auch der Ausstellungstitel „Am Ende der Welt steht ein Wald aus Stein“ selbst so sagenumwoben wie erdenschwer daher.

Der Mythen-Kosmos des Malers und Grafikers Jens Schubert lässt sich nicht auf eine einfache Formel herunterbrechen. Er camoufliert, verschattet, assoziiert und analogisiert, ist ein Einflüsterer des Geheimnisvollen. Geboren wurde er 1983 in Schwarzenberg im sächsischen Erzgebirge, das auf dem Handelsweg nach Böhmen zwischen Klosterdörfern und Knappschaften gründet.

Dort, wo einst das Handwerk von Zinnguss, Leinenweber und Orgelbauern Tradition hatte, mit Bergfried und Wappen aufgewachsen, dürfte wohl auch seine Prägung liegen. Sein Handwerk gelernt hat Schubert an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Mit größter Perfektion malt er mit Tuschestift auf bedrucktes Polyester, eine Ästhetik, die den aus 30 Bildern bestehenden, neuen Zyklus auf einen gemeinsamen Nenner bringt. Das bedruckte Kunststoff-Material verleiht den Bildoberflächen die vereinheitlichende Glätte von Displays und rückt sie zugleich auf Distanz – ohne ihre sakrale Anmutung zu entschärfen.

Hinterm Schattenschleier

Die so raffiniert wie elaboriert und in geradezu obsessiver Fleißarbeit angefertigten grafischen Kompositionen unterlegt Schubert mit Siebdruckrastern aus feinen roten, grünen und blauen Streifen. Und das gibt den Bildern ihre optische Bewegtheit, zugleich tarnt es sie hinter einem Schattenschleier. Den möchte man manchmal gerne wegziehen. Was neben Rätseln und alten Geschichten bleibt, ist eine Sehnsucht nach Weißraum.