Der hauptstädtische Kulturbetrieb ist längst ein Turbomotor, betankt und gut geölt mit Kunst aus aller Welt. Ein Musik-, Film-,Theater- Kunstevent jagt das nächste, Ausstellungen, Festivals, Symposien, Museumsnächte und Galerie-Wochenenden halten Szene wie Publikum in Trab und bei Laune.

Und da sind Leute, die das Ganze machen, gestalten, organisieren, beatmen mit ihren Ideen, bestücken mit ihren Werken, Texten, mit ihrer Musik, ihrem Spiel, auch all jene, die das ganze komplizierte und launische Räderwerk am Laufen halten – und dazu den Kontakt zu Abertausenden von Künstlern in dieser Stadt und weit darüber hinaus pflegen.

100 dieser unermüdlichen Macher, Zulieferer und Gestalter, deren Gesichter und bekannt sind – oder auch nicht – schauen uns jetzt im Haus am Lützowplatz von den Wänden herab an. Das heißt, nicht als übliche Porträts, eher als Zeichen, das hell herausleuchtet aus tiefschwarzem Bildgrund. Eine ganze Licht-Zeichnungs-Rauminstallation hat der früher in Berlin, heute in Hamburg lebende Fotokünstler Jacques H. Sehy, geboren 1945, aus den Porträts der 100 wichtigsten Kulturprotagonisten- und Kultur-Ermöglicher Berlins aufgebaut: Sozusagen als Hinweis auf ihr Wirken und Handeln. Sehy zollt den Kulturarbeitern der deutschen Hauptstadt Respekt mit dieser ungewöhnlichen Hommage, so kunstvoll und feierlich, wie diese Kultur-Hundertschaft uns da entgegenblickt.

Wir sollten durch diese Schau also all diese verdienstvollen Frauen und Männer erkennen – seltsamerweise ist nur ein einziger Kulturarbeiter aus dem Osten vertreten, Christoph Tannert vom Künstlerhaus Bethanien. Bei allen sind nur Augen, Stirn, Nase, Mund, die ganze typische Mimik extrem reduziert und nur in kontrasthartem Schwarz-Weiß zu sehen.

Sehy bedient sich der alten Lichtzeichnung, im frühen 19. Jahrhundert durch den Franzosen Joseph Nicéphore Niépce als Heliographie in die Welt gekommen. Das Licht, die Sonne selbst belichtete das Bild und dieses vermochte nun das Gesicht der Welt ganz wirklich festzuhalten. Atemberaubend und wundersam war diese Entdeckung. Bald folgte 1829 die erste Daguerreotypie, die Geburtsstunde der Fotografie, wie es heißt.

Sehy nun kombiniert das alte Lichtzeichnungsverfahren mit der heutigen Aufnahmeweise der Fotografie. Er benutzt dafür eine Stablampe wie einen Stift und das lichtempfindliche Material wie ein Zeichenblatt. Aber während die Zeichnung für gewöhnlich durch den schwarzen Stift für die Linien und Schraffuren aufs Papierweiß entsteht, funktioniert Sehys Verfahren gänzlich umgekehrt.

Von ihm zunächst normal mit der Analog-Kamera porträtiert, werden die Motive, immer mit der altmodisch-anlogen Technik, bis ins Minimale abstrahiert. Es ist ein spannendes Erkennungs- und Ratespiel. Unterhaltsam, Kulturprominente wie Maxim-Gorki- Theater-Intendantin Shermin Langhoff, Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters, Preußenstiftungspräsident Hermann Parzinger, Thomas Oberender, Intendant, der Berliner Festspiele, Berlinale-Impresario Dieter Kosslik, Musikerin Anette Humpe, Kunstanwalt Peter Raue, Architekt David Chipperfield, C/O-Chef Stephan Erfurt an nur minimalen, aber typischen Gesichts-Zügen erkennen zu wollen. Das Gleiche gilt für viele andere – Schauspieler, Musiker, Schriftsteller, Bildkünstler, Galeristen, Kuratoren – durchweg in altmodischer Analog-Technik.

Seys Verfahren der „Lichtzeichnung“ ist etwas sehr Spezielles. Und etwa ziemlich Paradoxes: Es macht das Charakteristische eines Gesicht auf ganz eigene Weise sichtbar, in dem die Züge zwar hervorgehoben, gleichzeitig aber auch wieder begrenzt werden. Er akzentuiert die Züge der Porträtierten, aber er hält das Markante auch wiederum zurück. Er betont erst das Individuelle dieser 100 eigentlich recht bekannten Leute – um es gleich darauf in eine anonyme und abstrakte Dimension zu schicken, in ein dichtes schwarzes Universum. Als stünden all diese Berliner Kultur-Köpfe, der „Kulturhumus“ , wie es in der die Schau begleitenden Publikation des Nicolai Verlages heißt, in einem großen Zusammenhang. Einen gleichsam philosophischen, wenn man so will. Nach dem Willen des Fotografen sollen sich so Individualität und Gemeinschaft spiegeln, Impulse, Engagement, Verantwortung, Ideen Einzelner werden so erlebbar als unverzichtbarer Antrieb für Kunst und Kultur. So stecken in den minimalistischen Lichtzeichnungen viel Ethos und Pathos Eine künstlerische Gratwanderung, fürwahr.
Haus am Lützowplatz, Nr. 9. Bis 1. März, Di–So, 11–18 Uhr. Eintritt frei.

Freie Foto-Arbeiten Sehys in der Galerie Tammen & Partner, Hedemannstr. 14, Di–Sa 12–18 Uhr.Bis 15. März,